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Keine guten Erfahrungen : Fußball-Anleihen droht die Zahlungsunfähigkeit

Der neue „Tivoli“ in Aachen Bild: dpa

Wird einem Fußballverein das Geld knapp, bittet er oft seine Anhänger um Geld. Doch die beliebten Fan-Anleihen sind eher Fan-Artikel als sinnvolle Geldanlage. Sportlicher Misserfolg kann die Finanzierungskonzepte schnell ins Wanken bringen.

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          Wenn dieses Wochenende in der zweiten und dritten Liga die neue Fußballsaison beginnt, fängt für die Fans das große Zittern an. Für die meisten dürfte das nur sportliche Gründe haben. Für manche aber beginnt auch das finanzielle Zittern. Denn wenn Vereine finanziell der Schuh drückt, bitten sie oftmals ihre Fans in Form von Anleihen um Geld. Diese sind nicht mit normalen Anleihen zu vergleichen, die am Kapitalmarkt gehandelt werden. Sie haben eine kleinere Stückelung – schon ab wenigen Euro ist man dabei – und werden von den Anhängern oft nur als eine Art Fanartikel gekauft. Mit Ausnahme von Schalke 04 hat bisher kein deutscher Fußballverein eine klassische Anleihe auf dem Kapitalmarkt angeboten.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zu Recht, wie sich zeigt: Denn die Erfahrungen mit den speziellen Fanartikeln sind nicht besonders gut. Das gilt derzeit ganz besonders für die mittlerweile in der Regionalliga spielende Alemannia aus Aachen. Hier droht den Fans der erste komplette Ausfall einer Fan-Anleihe und damit der komplette Verlust des investierten Geldes. Aachen hatte 2008 eine „Tivoli-Anleihe“ genannte Schuldverschreibung ausgegeben und auf diese Weise mehr als 4 Millionen Euro für den Stadionneubau eingeworben. Nachdem die Alemannia aber damals den Aufstieg in die erste Bundesliga verpasste, rutschte sie langsam ab, bis es 2012 nach unten in die 3. Liga ging. Der damalige Geschäftsführer Frithjof Kraemer versicherte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinerzeit noch, dass die Rückzahlung der Anleihe im August 2013 dank eines Umfinanzierungspakets mit der Stadt Aachen gesichert sei. Doch im vergangenen November musste der Verein Insolvenz anmelden. Mittlerweile steht fest, dass die rund 4000 Gläubiger wenig bis gar keine Rückzahlung zu erwarten haben.

          Ein Abstieg ist immer brisant

          Aachen ist nicht der erste Verein, der seine Fan-Anleihe nicht zurückzahlen konnte. Schon im Jahr 2011 gelang Arminia Bielefeld der Lizenzerhalt für die 3. Liga nur, weil Fans die seinerzeit fällige Anleihe entweder in eine neue umtauschten oder ganz auf die Tilgung verzichteten. Auch Bielefeld hatte, als der Verein noch erstklassig war, mittels einer Anleihe einen Tribünenneubau finanziert.

          In beiden Fällen war es der rasche sportliche Abstieg, der ein Finanzierungskonzept zum Kippen brachte, das für ein erfolgreicheres Abschneiden konstruiert war. Der Abstieg in die Drittklassigkeit und die damit verbundenen Umsatzeinbußen sind es, welche die Emittenten von Fan-Anleihen endgültig in die Zahlungsunfähigkeit treiben können. Arminia Bielefeld setzt im Jahr 2006 in der 1. Liga noch rund 30 Millionen Euro um, im Jahr 2010 in der 2. Liga noch 13 Millionen. In der 3. Liga fielen die Werbeerträge noch einmal um 45 Prozent, die Einnahmen aus Fernsehrechten um 82 Prozent.

          Insofern könnte auch den Fans von St. Pauli bange sein, obgleich der Verein zuletzt eine Eigenkapitalquote von 38 Prozent auswies. Auch die Hamburger haben einen Stadionumbau über eine Anleihe von 8 Millionen Euro finanziert. In der vergangenen Saison aber kämpfte der Verein gegen das Abrutschen in die Abstiegszone. Ein Abstieg aber ist immer brisant. Denn je länger ein Verein in der niedrigeren Spielklasse verharren muss, desto eher ist er gezwungen, das sportliche dem finanziellen Umfeld anzupassen.

          Doch auch ein kritischer Blick auf die renommierten Emittenten der ersten Liga ist ratsam. Der Hamburger SV, der 2012 zunächst 12,5 und aufgrund des großen Erfolgs weitere 5 Millionen Euro einwarb, weist im Wertpapierprospekt eine Eigenkapitallücke aus, die von 0,5 Prozent der Bilanzsumme im Jahr 2010 auf zuletzt 8 Prozent gestiegen ist. Anfang des Monats kündigte der Verein an, aus Geldnot seinen Kader verkleinern zu wollen.

          Auch in der Bilanz von Schalke 04 wuchs das Loch zuletzt weiter. Im Kalenderjahr 2012 erreichte das negative Eigenkapital 30 Prozent der Bilanzsumme nach 25 Prozent im Vorjahr. Der 1. FC Nürnberg konnte hingegen das negative Eigenkapital in den beiden Spielzeiten bis zum Saisonende 2012 von mehr als 10 auf 2,3 Millionen Euro verringern. Selbst Hertha BSC Berlin, der chronisch überschuldete Wiederaufsteiger in die 1. Liga, konnte 2012 seine Eigenkapitallücke von mehr als 21 Prozent fast zur Gänze schließen.

          Gedruckte Exemplare, die das Fan-Zimmer schmücken

          Allerdings muss man mit den Erfolgsmeldungen bisweilen vorsichtig umgehen. Nicht jeder Profi-Fußballbetrieb ist zur Veröffentlichung des Jahresabschlusses verpflichtet und die bekanntgegebenen Zahlen werden daher oft sorgsam ausgewählt. Zudem sind in vielen Fällen Teile des Geschäftsbetriebs in zahlreiche Untergesellschaften ausgegliedert, und ein Konzernabschluss wird nicht vorgelegt.

          Welche Auswirkungen Ausgliederungen haben können, zeigt just der Erfolg der Hertha. Der kam nämlich dadurch zustande, dass die kommerziellen Rechte am Vereinslogo in eine Tochtergesellschaft ausgelagert wurden, wodurch ein außerordentlicher Ertrag von 20 Millionen Euro verbucht werden konnte, ohne dass Geld floss. Die jüngste Zweitligasaison dürfte die Situation nicht einfacher gemacht haben.

          Letztlich sind Fan-Anleihen genau das, was der Name sagt: Fanartikel. Daher werden sie auch fast immer als gedruckte Exemplare ausgegeben, die jedes Fan-Zimmer schmücken können. Für diese effektive Stücke genannten Urkunden gilt, dass für die Zinszahlungen Kupons und für die Tilgung die Urkunde selbst eingereicht werden muss. Nicht immer ist das den Käufern so klar. Der 1. FC Kaiserslautern wies im Februar wenigstens darauf hin, dass die Kupons zur Einlösung von der Schmuckurkunde abgetrennt werden und beim Verein verbleiben. Damit aber ist das Design zerstört. Insofern hat der Fan die Wahl: will er den Fanartikel unbeschadet behalten, muss er wohl oder übel auf Zinsen und Tilgung verzichten. Will er sein Geld zurück, dagegen auf die Urkunde. Für die Vereine ein nicht ganz unwillkommener Hinderungsgrund, das Kapital zurückzuverlangen.

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