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Kapitalmarkt : Irland wagt weitere Emissionen

  • -Aktualisiert am

Irland fürchtet den Rückfall Bild: Hagmann, Roger

Zwar ist Irland für dieses Jahr fast vollständig finanziert und verfügt über hohe liquide Mittel, die Märkte haben jedoch Angst vor weiteren Milliardenhilfen für die Banken. Die Risikoaufschläge klettern deshalb auf neue Rekordhöhen.

          Irland muss sich am heutigen Dienstag am Kapitalmarkt bewähren. Die Republik plant, am Markt Anleihen mit vier und sechs Jahren Laufzeit in Höhe von 1,5 Milliarden Euro zu plazieren. Enttäuschend für Irland ist, dass das Land trotz des härtesten fiskalpolitischen Sparprogramms in der Europäischen Union und einem eisernen Willen, seine lädierte Bankenlandschaft zu sanieren, mit hoher Skepsis am Markt beobachtet wird. Die Risikoprämie, die Irland gegenüber deutschen Bundesanleihen für seine Anleihen bieten muss, ist zeitweise auf den höchsten Stand seit Gründung der Währungsunion geklettert. Für zehnjährige Staatsanleihen muss Irland eine Risikoprämie von 410 Basispunkten bieten. Dies bedeutet, Irland muss 4,1 Prozentpunkte mehr als Deutschland für seine Verschuldung am Markt zahlen. Die Rendite zehnjähriger irischer Anleihen liegt mittlerweile bei 6,5 Prozent.

          Die oft vor Emissionen am Kapitalmarkt geschürte Hysterie war in den vergangenen Tagen so hoch, dass gar Gerüchte kursierten, Irland müsse die Hilfe des Rettungsschirmes der EU und der Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen. Diese Gerüchte basierten auf einem Analystenreport von Barclays Capital, der sagt, dass im Falle einer außergewöhnlichen Entwicklung im irischen Bankensektor oder einer unerwartet schlechten Entwicklung der Konjunktur Irland möglicherweise als letzten Ausweg diese Hilfe in Anspruch nehmen könnte.

          Die endgültigen Kosten des Notplans

          In der Londoner City wurde sowohl von Barclays Capital wie auch von Credit Suisse in den vergangenen Tagen explizit betont, dass Irland seinen gesamten Emissionsbedarf für dieses Jahr in Höhe von 20 Milliarden Euro fast komplett abgedeckt hat. Die Republik verfügt darüber hinaus über eine liquide Position von 20 Milliarden Euro, die für die Refinanzierung im nächsten Jahr als Sicherheitspuffer dient. Dann beläuft sich der Refinanzierungsbedarf von Irland auf 30 Milliarden Euro. Sowohl der IWF wie auch das irische Finanzministerium betonten daher am Wochenende, dass Irland keine Hilfe vom IWF oder der EU brauche. Auch EU-Kommissar Olli Rehn sagte am Montag, er sei zuversichtlich, Irland könne die Sanierung seiner Finanzen und die Restrukturierung seines Bankensektors vollenden.

          Die Skepsis am Markt gegenüber Irland war vor wenigen Wochen abermals entflammt. Gegenüber der Marktberuhigung im Frühsommer sind hierfür mehrere Gründe verantwortlich. Die Sanierung der strauchelnden Anglo Irish Bank, des drittgrößten irischen Kreditinstitutes, ist angesichts der überraschend hohen Bankverluste und des weiterhin hohen Kapitalbedarfs gegenüber dem Staat kein Ausweg mehr. Das irische Finanzministerium plant daher, die Bank über einen langfristigen Horizont abzuwickeln. Formal wird das Institut aufgeteilt, indem die Einlagen ausgegliedert und abgesichert werden und der Rest der Risikopositionen an die staatliche Auffanggesellschaft Nama verkauft oder bis Fälligkeit gehalten oder abgeschrieben wird.

          Das Finanzministerium wird Ende September bekannt geben, wie hoch die endgültigen Kosten des Notplans für Anglo Irish ausfallen werden. Schon jetzt hat der Staat mehr als 23 Milliarden Euro in das Institut gepumpt. Der irische Zentralbankgouverneur Patrick Honohan betonte am Montag mit Blick auf eine Prognose von Standard & Poor’s, die die Kosten der Sanierung auf bis zu 35 Milliarden Euro veranschlagte, dass der Betrag niedriger sei als die am Markt kursierende Ziffer.

          Dennoch besteht Sorge, dass die Verluste der irischen Banken angesichts der schwachen Konjunktur weiter ausufern könnten. Gleichzeitig wird mit Sorge beobachtet, dass die irischen Institute hochgradig abhängig sind von der Liquiditätsversorgung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Eine weitere Nervosität der Investoren erklärt sich aus dem gewaltigen Umfang des irischen Haushaltsdefizits von 14,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes im vergangenen Jahr und 20 bis 25 Prozent in diesem Jahr. Die irische Regierung wird im Herbst nochmals Sparprogramme verkünden, um dieses Defizit zu reduzieren, denn die beschleunigte Ausweitung des Schuldenberges muss gebremst werden. Die Staatsschulden werden im kommenden Jahr auf mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes steigen, nicht eingerechnet die Garantien der staatlichen Bankauffanggesellschaft. Ob die Sanierungspläne für den Haushalt aufgehen, hängt entscheidend von den Banken und der Konjunkturentwicklung ab, die zwar von dem abwertenden Euro über den Export profitiert hat, sich aber erst langsam aus der schwersten Rezession aller europäischen Länder löst. „Angesichts dessen werden die Haushaltsprogramme wohl noch mal überarbeitet werden müssen“, sagte Honohan am Montag.

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