https://www.faz.net/-gv6-6mlbj

Kapitalmärkte : Furcht vor neuer Bankenkrise drückt die Kurse

  • -Aktualisiert am

Der Himmel verdunkelt sich über Frankfurts Bankentürmen Bild: Claus Setzer

Anleger trennen sich von riskanten Anlagen und kaufen vermeintlich sichere Schuldtitel. Dax verliert bis zu 5 Prozent. Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sinkt auf 1,9 Prozent.

          2 Min.

          Die Furcht vor einer Zuspitzung der Finanzkrise hat am Montag auf den Kapitalmärkten zu hohen Kursverlusten riskanter Wertpapiere geführt. Der deutsche Aktienindex Dax sank zum Handelsschluss um 5,3 Prozent auf 5246 Punkte. Besonders groß waren die Verluste bei den Bankenwerten. Titel der Deutschen Bank büßten rund 9 Prozent ein. Noch größer waren die Kursverluste für die britische Royal Bank of Scotland und die französische Société Générale.

          Die Kombination aus der wachsenden Furcht vor einer abermaligen Rezession, zusätzlichen Verlusten der europäischen Banken in der Staatsschuldenkrise und der Klagewelle in den Vereinigten Staaten habe die Nervosität auf einen neuen Höhepunkt getrieben, berichteten Händler. Von Resignation und Perspektivlosigkeit war die Rede. Es handele sich jedoch noch nicht um eine Panik, sagte ein Händler über die Stimmung auf dem Aktienmarkt.

          Auch auf dem für die Finanzierung der Banken wichtigen Geldmarkt verschärften sich die Bedingungen. Weil sich die Kreditinstitute untereinander misstrauen, sind vor allem die schwächeren Banken gezwungen, aus Vorsichtsgründen mehr Liquidität zu halten als sie unbedingt benötigen. Dadurch stieg die Summe, die über Nacht bei der Europäischen Zentralbank geparkt wird, zuletzt auf mehr als 150 Milliarden Euro. Die Kosten für die Absicherung gegen den Zahlungsausfall 25 europäischer Großbanken stiegen gemessen am Itraxx-Index auf den Rekordwert von jährlich 2,65 Prozent der abgesicherten Summe. Das sind deutlich höhere Werte als bei früheren Höhepunkten der Finanzkrise, als Staaten und die Europäische Zentralbank zusätzliche Stabilisierungsschritte beschlossen und die Diagnose versagender Märkte unter anderem mit den hohen Risikoprämien belegten. Auch für die finanzschwachen Euroländer verschlechterten sich die Finanzierungsbedingungen. Für Anleihen aus Portugal, Griechenland und Italien fielen die Kurse um bis zu 2 Prozent. Dadurch stieg die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen - trotz der Stützungskäufe durch die EZB - um 0,29 auf 5,5 Prozent.

          Unerwartet schlechte Stimmungswerte aus der europäischen Wirtschaft

          Die zunehmenden Anzeichen für eine wirtschaftliche Schwäche des Euroraums und die Staatsschuldenkrise haben auf dem Geldmarkt die Spekulation auf eine Zinssenkung der EZB verstärkt. Vor einer Woche wurde die erste Zinssenkung in den Swapsätzen noch für das erste Quartal 2012 eingepreist, nun nimmt der Derivatemarkt bereits für dieses Jahr eine Zinssenkung vollständig vorweg. Händler nannten die schwachen Arbeitsmarktdaten aus Amerika, die am Freitag veröffentlicht worden waren und die unerwartet schlechten Stimmungswerte aus der europäischen Wirtschaft als wichtigste Gründe für die sich rasch verstärkende Spekulation auf einen abermalige Kurswechsel der EZB. Sie hatte erst im Frühjahr und Sommer die Phase extrem niedrige Zinsen beendet und den Leitzins in zwei Schritten von 1 auf 1,5 Prozent erhöht.

          Die wachsende Risikoscheu der Investoren verstärkte am Montag die Flucht in Anlagen, die als krisensicher gelten. Davon profitierten am Montag insbesondere deutsche Staatsanleihen. Die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit sank erstmals deutlich unter 2 Prozent und erreichte beim Tagestief 1,85 Prozent. Damit haben sich die Finanzierungskosten für den deutschen Staat bei der Begebung neuer Schuldtitel in den vergangenen fünf Monaten nahezu halbiert. Im April betrug die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen noch bis zu 3,5 Prozent.

          Auch der Schweizer Franken profitierte von der Risikoscheu der Investoren. Der Euro verlor trotz der Intervention der Schweizer Notenbank gegen die eigene Währung den fünften Handelstag in Folge an Außenwert. Am Montag kostete ein Euro 1,109 Franken, ein Prozent weniger als vor dem Wochenende. Auch in der Relation zum Dollar verlor der Euro rund 1 Prozent und wurde im späten Geschäft mit knapp 1,41 Dollar gehandelt. Der Goldpreis erhöhte sich um rund 1,4 Prozent auf knapp 1900 Dollar je Feinunze. Damit lag der Goldpreis nur noch rund 15 Dollar unter seinem Rekordhoch.

          Niedrigzins trifft Lebensverischerer

          Die Rendite zehn Jahre laufender Bundesanleihen ist auf dem Rekordtief von 1,86 Prozent angelangt. Das ist auch für Verbraucher ein Problem, die eine Lebensversicherung abgeschlossen haben. Deutsche Lebensversicherer müssen jeden Tag 330 Millionen Euro ihrer Kunden neu anlegen. Aus Aktien haben sie sich wegen der gewachsenen Volatilität zurückgezogen. Mehr als 80 Prozent ihrer Kapitalanlagen sind in festverzinslichen Papieren investiert. Weil die Versicherer ihren Kunden Garantien auf ihre Beiträge aussprechen, sind sie verpflichtet, eine bestimmte Minimalrendite nicht zu unterschreiten. Im Durchschnitt der rund 80 Millionen nicht fondsgebundenen Lebensversicherungen liegt die Garantie derzeit bei 3,3 Prozent. Aktuell dürfen die Versicherer nicht mehr als 2,25 Prozent garantieren. Wegen der andauernden Niedrigzinsphase senkte das Bundesfinanzministerium diesen Zins Anfang dieses Jahres auf 1,75 Prozent. Die Branche wetterte aus Vertriebsgründen dagegen und sah sich durch die vermeintliche Zinswende bestätigt. Nun wird sie von diesem Argument wieder eingeholt. (pik.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ventil eines Großkonflikts: Stück einer russischen Gaspipeline bei Boyarka bei Kiew

          Sanktionen gegen Russland? : Erdgas-Alarm wegen Putins Aufmarsch

          Im Konflikt mit Russland um die Ukraine rechnen deutsche Politiker mit Lieferausfällen bei russischem Gas. Fachleute sagen: Europa kann sich Ersatz schaffen. Es könnte allerdings teuer werden.