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Negativzins : Enteignet Draghi die Deutschen?

EZB-Präsident Mario Draghi muss derzeit Kritik von allen Seiten einstecken. Bild: Mart Klein / Miriam Migliazzi

Die Sparzinsen sind negativ. Schuld daran ist der EZB-Präsident, heißt es. Stimmt das?

          Der Befund scheint klar: Deutschlands Sparer werden enteignet – durch ihre Notenbank, die Europäische Zentralbank (EZB). Denn so tief lagen die Zinssätze noch nie, und für Zinsen ist die Notenbank zuständig. Für fast alle Bundesanleihen unter zehn Jahren Laufzeit müssen die Deutschen erstmals negative Zinsen zahlen. Das heißt, Sparen bringt nicht wie üblich Geld ein, sondern es kostet eine Art Strafgebühr und lohnt sich nicht mehr.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So verlieren die Bürger permanent Geld. 260 Milliarden Euro Zinseinnahmen sind ihnen zwischen 2010 und 2015 entgangen. In diesem Jahr könnten noch einmal 82 Milliarden Euro dazukommen. Eine mögliche Folge: Altersarmut, weil die private Vorsorge nicht mehr funktioniert. Der Schuldige dafür ist auch schon gefunden: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank. Schließlich hat er die Leitzinsen auf null gesenkt und durch die rechtlich fragwürdigen Käufe von Anleihen die Renditen ins Negative gedrückt.

          Nun hagelt es Kritik von allen Seiten. Die Banken klagen so stark wie noch nie über die Notenbank, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble fordert höhere Zinsen von der EZB. Selbst ihre Unabhängigkeit wird in Frage gestellt. Doch Vorsicht: Weder der Befund noch der Schuldige treffen genau so zu.

          Der Schuldige ist nicht allein Draghi. Die Zinsen sind vor allem deswegen so niedrig, weil es kein Wachstum gibt und eine sehr niedrige Inflation. Das liegt an reformfaulen Regierungen, labilen Banken und Unternehmen, die zu wenig investieren. Und an einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft, die weniger Wachstum als früher erzeugt.

          Entscheidend ist die reale Rendite

          Draghi hat darauf mit Zinssenkungen reagiert, um der Wirtschaft wieder Anreize für Investitionen und Wachstum zu geben. Seine Anleihekäufe haben die Renditen noch tiefer als ohnehin schon gedrückt. Sie sollen die Inflation wieder nach oben bringen. Das hat bisher nicht geklappt. Draghi ist also mitschuldig, aber nicht alleine für alles verantwortlich.

          Der Befund, dass wir hier eine historisch einmalige Enteignung erleben, ist ebenfalls nicht ganz korrekt. Zwar gibt es erstmals negative Zinsen. Aber wer von Enteignung spricht, darf nicht auf die Renditen schauen, die täglich veröffentlicht werden. Denn das sind sogenannte Nominalrenditen. Sie lassen die Inflation außer acht. Die ist aber wichtig für die Frage, ob die Sparer durch ihre Geldanlage reicher werden oder nicht.

          Was nützt eine Verzinsung von fünf Prozent, wenn die Preise um sechs Prozent steigen. Da ist eine Situation besser, in der die Nominalzinsen nur bei drei Prozent liegen, in der aber gleichzeitig die Inflation ein Prozent beträgt. Es kommt also auf die reale Rendite an, das ist der Nominalzins minus die Inflationsrate.

          Sparer wurden auch früher schon enteignet

          Dieser reale Zins ist in Deutschland derzeit auch negativ, das heißt, die Sparer verlieren Geld. Das ist aber nichts ganz Neues: Negative Renditen gab es schon früher (siehe Grafik). Teilweise sogar negativer als jetzt. Kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands gab es eine Sonderkonjunktur durch den Nachholbedarf Ostdeutschlands, der die Preise in die Höhe trieb. Die Zinsen kletterten nicht entsprechend weit mit nach oben.

          Auch die Ölkrisen in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sorgten für hohe Inflation, die die Renditen überstieg. Anleger verloren Geld. Das Besondere an der derzeitigen realen Negativzinsphase ist allerdings die Dauer. Je nach Laufzeit der Papiere sind die Renditen unter Berücksichtigung der Inflation nun schon im sechsten Jahr negativ. Das gab es noch nie.

          Die Sparer werden also nicht nur derzeit, sondern wurden auch früher schon enteignet. Allerdings gilt das nur für die Deutschen, die ihr Geld ausschließlich in Zinspapieren angelegt haben, und das vor allem kurzfristig, zum Beispiel in Tagesgeld. Denn diese Anlagen bieten am wenigsten Zinsen, während die Inflation voll zuschlägt. Von solchen Sparern gibt es sehr viele in Deutschland.

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