https://www.faz.net/-gv6-8fz6y

Negativzins : Enteignet Draghi die Deutschen?

Das dicke Ende kann noch kommen

Nach den am Freitag von der Bundesbank veröffentlichten Zahlen liegt das meiste Geld, nämlich 39 Prozent, auf dem Girokonto oder in Bankeinlagen wie Tagesgeld, Sparbüchern oder Sparbriefen, davon das meiste fast unverzinst (siehe Grafik). Dieser Anteil ist trotz der niedrigen Zinsen in den vergangenen Jahren nicht kleiner geworden.

Bild: F.A.Z.

Die Statistik zeigt aber eben auch: Rund 60 Prozent des Vermögens haben die Deutschen anders angelegt. Zwar immer noch sehr konservativ, aber durchaus etwas höher verzinst. 38 Prozent des deutschen Privatvermögens liegt zum Beispiel in Lebens- und Rentenversicherungen. Die haben sich real betrachtet seit der Wiedervereinigung immer positiv verzinst, hat die Bundesbank errechnet.

Allerdings wirken sich die Negativzinsen hier erst viele Jahre später aus, das dicke Ende kann noch kommen. Vor allem für die, die jetzt neu eine Versicherung abschließen mit geringer oder gar keiner Garantieverzinsung mehr, könnten die Renditen real negativ werden.

Nicht nur Einlagen und Anleihen betrachten

Auch wer eine Immobilie in Ballungsräumen besitzt, hat von den niedrigen Zinsen profitiert. Sie ist nun deutlich mehr wert, denn die billige Baufinanzierung ist ein Grund für die hohe Nachfrage nach Wohnungen, die die Preise in die Höhe schießen lässt. Und wer jetzt seine Baukredite umschuldet, spart monatlich viel Geld im Vergleich zu seinem ursprünglichen teureren Finanzierungsvertrag.

Die DZ Bank hat errechnet, dass die Deutschen zwischen 2010 und 2015 108 Milliarden Euro weniger Kreditzinsen zahlen mussten. Das beinhaltet auch Ratenkredite, mit denen Autos oder andere größere Anschaffungen finanziert werden. Schließlich sind auch die Besitzer von Investmentfonds und einzelnen Aktien reicher geworden. Denn die niedrigen Zinsen sind ein wesentlicher Grund für den Kursanstieg seit 2009.

Das heißt: Für die Frage, ob die Sparer derzeit enteignet werden, darf man sich nicht nur die aktuelle reale Verzinsung von Einlagen und Anleihen ansehen. Man muss betrachten, wo das Geld der Deutschen wirklich liegt. Auch das hat die Bundesbank gemacht und Renditen für die durchschnittliche gesamte Geldanlage der Bürger errechnet. Resultat: Derzeit erzielen sie damit nach Inflation positive Ergebnisse. Nach dem Platzen der Internetblase 2001 und der Finanzkrise 2008 hatten sie real Geld verloren – durch die hohen Verluste an den Aktienmärkten und massive Zinssenkungen.

Die falschen Schlüsse

Das Fazit lautet also: Die derzeitigen Negativzinsen sind nicht einmalig, es gab sie schon früher, wenn man die Inflation berücksichtigt. Geld verlieren damit aber nur die, die ihr Erspartes fast unverzinst auf Girokonto, Tagesgeld oder in Bundesanleihen schlummern lassen. Die anderen mehren es weiter – wenn auch mit in der Regel mickrigen Zuwächsen.

Was ist die Folge daraus? Die Politik scheint die falschen Schlüsse zu ziehen. Sie will die staatliche Rente aufstocken, um die Lücken auszugleichen, die die niedrigen Zinsen in die Altersvorsorge reißen. Besser wäre es, wenn die Anleger ihr Vermögen in rentablere Anlageformen verschöben. Das können Aktienfonds sein, die man sich auch mit wenig Geld leisten kann. Auch Immobilienfonds werfen etwas mehr ab.

Und wer unbedingt eine Lebensversicherung haben will, der kann eine deutlich höhere Rendite erzielen, wenn er eine preiswerte Direktversicherung abschließt, um die hohen Abschluss- und Verwaltungskosten zu reduzieren. Wer die staatliche Förderung mitnehmen will, der sollte sich Riester-Fonds einmal genauer ansehen, weil sie in Aktien investieren und mehr verdienen als die vielkritisierten Riester-Versicherungen.

Mit solchen Umschichtungen ist es zwar in diesen Zeiten immer noch schwer, genug für das Alter zusammenzusparen. Aber zumindest verschenkt man dann nicht unnötig Erträge. Und entgeht der Enteignung.

Weitere Themen

Topmeldungen

Geplagt vom Chipmangel: Der Standort von MAN in München

Mangel an Halbleitern : Harter Kampf um die Mikrochips

Von Traton bis VW: Den Chipmangel bekommen immer mehr Unternehmen mit voller Wucht zu spüren, die sonst viel mehr verkaufen könnten. Es gibt wenig Aussicht auf Besserung.

Merkel, die Krisenkanzlerin : Rasierklingenritte und Wendepunkte

Von der Finanz- über die Klima- bis zur Corona-Krise: Die Leistungen eines Kanzlers zeigen sich in den Krisen, die er zu bewältigen hatte. Das hat Angela Merkel einmal gesagt. Daran muss sich die scheidende Regierungschefin messen lassen. Eine Bilanz.
Angehörige des sechs Jahre alten Eitans betreten am Donnerstag das Familiengericht in Tel Aviv.

Nach Seilbahn-Unglück : Eitan bleibt vorerst in Israel

Der Sorgerechtsstreit um den einzigen Überlebenden des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore dauert an, es wird sogar wegen Entführung ermittelt. Nun hat ein Familiengericht in Tel Aviv eine vorläufige Entscheidung getroffen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.