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Islamisches Banking : Eigenkapital ist gottgefällig - Zinsnahme nicht

Ein Muss für den gläubigen Muslim: Die Pilgerreise nach Mekka Bild: dpa

Ein Finanzsystem, das der Scharia entspricht, könnte die Kreditklemme überwinden helfen. Das islamische Finanzwesen stehe für Maß, Realitätssinn und Anstand. Die Instrumente, die in die Finanzkrise geführt haben, sind im Islam verboten.

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          An Kredite zu gelangen, ob als Unternehmer oder privater Hausbauer, ist derzeit nicht einfach. Dies jedenfalls belegen jüngst veröffentlichte Zahlen der Europäischen Zentralbank, Studien von Beratungsunternehmen und nicht zuletzt die Kreditnehmer selbst.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Eine Möglichkeit, die Kreditvergabe zu erleichtern und gleichzeitig enthemmte Spekulation mit Schulden und Hypotheken zu verhindern, könnte „Islamic Banking“ sein: ein Finanzsystem unter Beachtung des islamischen Rechts, das in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Hier ist der Handel mit Schulden unter der Scharia nur mittels eines verbrieften Sachwerts möglich - und auch nur dann, wenn sowohl Schuldner, Gläubiger als auch zukünftiger Schuldner einem Übertrag zustimmen. Nach dieser Regel wäre der globale Hypothekenmarkt möglicherweise nie derart implodiert.

          Wasser in Wein verwandeln

          Ein entsprechender Vorschlag kommt jetzt von Willem Buiter, der an der London School of Economics politische Ökonomie lehrt. Seine Idee: Schulden mit Hilfe islamischer Finanzmethoden in Eigenkapital zu verwandeln, statt auf Insolvenzen und Überschuldung zu setzen. Dies könne auch dem darbenden Hypothekenmarkt helfen, um aus einem Hauskredit einen Kapitalanspruch zu machen. Das Instrument sei sogar auf Staatsschulden anzuwenden: „Es ist an der Zeit, Wasser in Wein zu verwandeln“, schreibt Buiter. Denn das wesentliche Problem in der Krise sei die fehlende Kapitalisierung von Banken, Haushalten und auch Staaten.

          Islamische Finanzregeln jedenfalls gewähren Schulden nur als Sachmittelkredit - mit unmittelbarem Bezug zur realen Wirtschaft. So etwas wie eine herkömmliche Hypothek gibt es hier nicht: Wenn ein Kunde ein Haus kaufen möchte, nimmt er keinen Kredit auf, sondern schließt einen Vertrag mit seiner Bank. Die erwirbt das gewünschte Haus in eigenem Namen und verkauft es unmittelbar an den Kunden weiter - mit einem vorher ausgehandelten Aufschlag. Der Kaufpreis wird gestundet, der Kunde hat ihn hernach in Raten abzuzahlen. So ist das Objekt gleichsam durch einen liquiden Käufer vor dem Zugriff des ursprünglichen Verkäufers geschützt.

          Dieses Darlehensgeschäft, mit dem Zinsen umgangen werden, heißt „Murabaha“ und macht nach Angaben des auf islamisches Finanzrecht spezialisierten Anwalts Nikolaus Freiherr von Verschuer nahezu 80 Prozent des Islamic Banking aus. Im Koran wird ökonomische Aktivität ausdrücklich erlaubt, „riba“, Zinsen, mancherorts auch mit Wucher übersetzt, hingegen nicht. Ein Murabaha-Häuserkauf wäre in jedem Falle gleichzusetzen mit dem Tausch einer Ware gegen Geld und ist deshalb auch nicht verboten.

          Im Einklang mit der Scharia

          Der beim Murabaha vertraglich festgelegte Aufschlag von meist wenigen Prozent auf den Ursprungspreis steht im Einklang mit der Scharia. Denn es handelt sich dabei offiziell nicht um Zinsen, sondern durch die Miete um einen Ertrag aus wirtschaftlicher Leistung. Dass damit juristische und auch (grund-)steuerrechtliche Probleme auftreten, erwähnt Buiter allerdings nicht. „Das deutsche Steuerrecht ist dem Islamic Banking noch nicht angepasst“, sagte der Rechtsanwalt und Islamwissenschaftler Kilian Bälz jüngst auf einer Tagung zur islamischen Finanzwelt in Frankfurt.

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