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Interview mit Fondsmanager Nick Price : „Der Crash hat sein Gutes“

  • Aktualisiert am

Fidelity-Fondsmanager Nick Price verwaltet vier Milliarden Euro. Bild: Cunitz, Sebastian

Nick Price von der Fondsgesellschaft Fidelity spricht über die Turbulenzen in den Schwellenländern und über neue Chancen in Afrika. China ist für ihn die große Ausnahme.

          Herr Price, seit Jahren legen Sie sehr erfolgreich in den Schwellenländern an. Nun sind die Börsenkurse dort dramatisch abgestürzt. Wie konnte das passieren?

          Alle schimpfen jetzt auf Ben Bernanke, den Präsidenten der amerikanischen Notenbank Fed. Aber das ist zu einfach. Natürlich lässt sich nicht in Abrede stellen: Seine Ankündigung, in Zukunft weniger Staatsanleihen aufzukaufen, hat zu steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten geführt. Darum haben viele Anleger nun ihre Gelder aus den Schwellenländern abgezogen und in amerikanische Staatsanleihen umgeschichtet. Bernankes Entscheidung mag den Absturz der Märkte also durchaus beschleunigt haben, verursacht aber hat sie ihn nicht. Daran sind die Länder selbst schuld. Sie haben einfach zu lange über ihre Verhältnisse gelebt. Gut, dass es damit nun endlich vorbei sein wird.

          Es freut Sie, dass die Börsen in den Schwellenländern eingebrochen sind? Das ist nicht Ihr Ernst.

          Na ja, Freude ist in dem Zusammenhang sicherlich das falsche Wort. Ich würde aber sagen: Es ist das Beste, was manchen Schwellenländern passieren kann. Denn viele der Staaten haben es sich in den vergangenen Jahren schlicht zu einfach gemacht - ja, sie sind regelrecht faul geworden. Der Crash war darum unvermeidlich. Schauen Sie doch nur mal, welche Länder nun besonders starke Börseneinbrüche erleben müssen: Brasilien, Indien, Indonesien, Südafrika und die Türkei haben alle eines gemein - sie weisen hohe Leistungsbilanzdefizite auf. Ein furchtbar technischer Begriff, ich weiß. Aber dahinter verbirgt sich die schlichte Tatsache, dass diese Staaten mehr Waren importieren als exportieren. Bildlich gesprochen kann man sich das so vorstellen: Jemand steht an der Bar, amüsiert sich gut und bestellt ein Bier nach dem anderen - lässt die Rechnung aber von einem anderen Kneipengast bezahlen. Das kann auf Dauer einfach nicht gutgehen. Der schwere Absturz bietet diesen Ländern aber nun die Gelegenheit, die Verhältnisse wieder ins Lot zu rücken. Und sie werden ihre Chance nutzen, da bin ich mir sicher.

          Ihr Optimismus in Ehren: Aber was bitte soll gut daran sein, wenn Währungen wie die indische Rupie innerhalb kürzester Zeit drastisch an Wert verlieren?

          Sicher, das Tempo des Einbruchs ist zu hoch. Aber so unangenehm die momentanen Währungsverluste für Anleger auch sein mögen: Auf längere Sicht helfen sie dabei, die Wirtschaft der Schwellenländer wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nehmen Sie Indien: Die schwächere Rupie verteuert natürlich den Alltag der Bevölkerung und erschwert den Konsum - andererseits können die indischen Unternehmen ihre Waren so viel leichter ins Ausland verkaufen. Der indischen Pharmabranche beispielsweise hilft das enorm, sie vertreibt ihre Generika in der ganzen Welt. Damit will ich sagen: Auch wenn Ländern wie Indien jetzt einige harte Jahre bevorstehen - die jetzigen Währungsunruhen können ein guter Ausgangspunkt für neues Wachstum sein.

          Trotzdem: Viele Fondsgesellschaften haben den Anlegern die Schwellenländer als immerwährende Erfolgsstory verkauft. Da müssten Sie jetzt ziemlich kleinlaut werden.

          Ich bitte Sie: Dazu haben wir keinen Anlass. Ob Sie mir das glauben oder nicht - ich habe diese ganze BRIC-Euphorie immer gehasst, sie hat meine Arbeit jedenfalls nicht einfacher gemacht. Denn ohne großes Nachdenken haben die Anleger viel Geld nach Brasilien, Russland, Indien und China gepumpt und dabei eines völlig außer Acht gelassen: Auch wenn es sich immer noch um Länder mit gewaltigem Wachstumspotential handelt, waren die Börsen auf dieses Geld nur in den wenigsten Fällen vorbereitet. Um wieder Indien zu nehmen: Auf dem indischen Aktienmarkt tummeln sich vergleichsweise wenige Firmen - deren Kurse sind im Zuge der BRIC-Begeisterung alle steil nach oben geschossen. Will sagen: Ohne ersichtlichen Grund waren die Aktien auf einmal richtig teuer. Außerdem halte ich es für falsch, nur vier Staaten in den Blick zu nehmen - das ist mir als Konzept zu simpel. Gute Unternehmen findet man schließlich auch in anderen aufstrebenden Ländern.

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