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Internationaler Finanzmarkt : Kein Ende der politischen Börsen

Die Arbeiten am Euro stehen im Mittelpunkt der Aktien- und Anleihemärkte Bild: dpa

Die Entwicklung an den Aktien- und Anleihemärkten wird von der Schuldenkrise bestimmt. Inzwischen rückt sogar Finnlands Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus.

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          In einem Vergleich der internationalen Anleihemärkte sind in den vergangenen Tagen die Renditen nirgendwo so stark gefallen wie in Griechenland. Andererseits liegt die Rendite für eine zehnjährige griechische Anleihe mit gut 16 Prozent immer noch jenseits von Gut und Böse, und es sind nach Einschätzungen von Marktteilnehmern in diesen Tagen vor allem Hedgefonds, die sich in diesen Markt einkaufen. Dass es der europäischen Politik nicht gelingt, sich über den weiteren Umgang mit Griechenland einig zu werden, belegt ein weiteres Mal, wie sehr in diesen Zeiten das Wort von den „politischen Börsen“ gerechtfertigt ist. „Politische Börsen“ beschreiben Zustände an den Kapitalmärkten, an denen vor allem kurz- und mittelfristig die herkömmlichen Formen der Finanzanalyse nur eingeschränkt eingesetzt werden können. Politische Börsen gibt es derzeit aber nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten, wo die „fiskalische Klippe“ ein Thema bleibt, und in China, wo eine neue politische Führung agiert.

          Und dennoch ist die Stimmung an vielen Finanzmärkten gar nicht schlecht. Am deutschen Aktienmarkt legte der Dax im Wochenvergleich rund 4 Prozent zu, nachdem man vorübergehend befürchten musste, der Index würde unter die Marke von 7000 Punkten fallen. Der Optimismus gründet auf Konjunkturdaten, die vom Markt gut aufgenommen wurden und die Analysten der Helaba die Frage aufwerfen lassen, ob der Markt nicht vor einer Stimmungswende steht. Nach aller Erfahrung laufen Aktien nicht in der Phase der Hochkonjunktur am besten, weil sie dann ihre beste Zeit im Konjunkturzyklus schon hinter sich haben.

          Die Börsianer schauen auf Griechenland

          Aktien sind dann am attraktivsten, wenn die wirtschaftliche Stimmung im Konjunkturtal zu drehen beginnt und sich die Anzeichen für eine wirtschaftliche Belebung häufen. Solche Anzeichen gibt es durchaus, wie die Helaba zusammenstellt: ermutigende Signale von den Einkaufsmanagerindizes in China und Europa sowie ein überraschend starker Anstieg des Ifo-Geschäftsklimaindex. Am Beginn einer konjunkturellen Wende drehen üblicherweise zunächst die Stimmungsindikatoren. Zudem deutet sich eine Aufwärtsrevision der Zahlen für das amerikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das dritte Quartal an.

          Zu Beginn der neuen Woche werden aber vermutlich nicht die längerfristigen Konjunkturaussichten im Mittelpunkt des Interesses der Börsianer stehen, sondern mit Griechenland die politischste Börse überhaupt. Denn schon am Montag wollen die Euro-Finanzminister versuchen, sich über Griechenland zu einigen. Derzeit gehen die Marktteilnehmer mehrheitlich davon aus, dass eine Lösung gefunden wird, als deren Folge weiteres Geld in das südeuropäische Land fließen wird. Sollte dies nicht geschehen, wäre das Enttäuschungspotential erheblich, obgleich nur wenige Marktteilnehmer in Griechenland investiert sind und Einigkeit darüber besteht, dass die wirtschaftliche Bedeutung des Landes für Europa und die Welt sehr übersichtlich ist. Im weiteren Wochenverlauf werden die Märkte darauf schauen, ob es im amerikanischen Haushaltsstreit zwischen Demokraten und Republikanern Fortschritte gibt. Auch hier geht man an den Märkten von einer Einigung aus - und wenn sie erst in letzter Minute stattfinden sollte.

          Die Antwort weiß nur der Wind

          Eine interessante Betrachtung hat zum Wochenschluss die Commerzbank über den sogenannten „Kern“ der Europäischen Währungsunion vorgelegt, der nach ihrer Ansicht gar nicht so kernig ist. Den Analysten der Bank ist aufgefallen, dass sich in den vergangenen Jahren die Wettbewerbsfähigkeit Finnlands deutlich verschlechtert hat und das Land nunmehr mit Frankreich und Belgien in eine Kategorie eingereiht werden müsste. Als Musterknaben bleiben nur Deutschland und die Niederlande übrig, wobei in den Niederlanden die Konjunktur lahmt und in Deutschland dem weiteren Anstieg der Staatsverschuldung von der Regierung zugesehen wird, was in den vergangenen Tagen Bundesbankpräsident Jens Weidmann kritisiert hat. Die Schlussfolgerung der Commerzbank lautet, man solle niederländische anstelle von finnischen Staatsanleihen bevorzugen.

          Ob die Märkte im Norden generell jenen im Süden vorzuziehen seien, weiß allerdings auch die Commerzbank nicht so genau. Unter der Annahme, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Ankündigung glaubhaft umsetzt, durch Anleihenkäufe Zweifel am Bestand der Währungsunion zu beseitigen, müssten eigentlich die Anleihenmärkte im Süden attraktiver sein. Andererseits wollen die Commerzbank-Analysten aber auch nicht ausschließen, dass in Folge einer Verschärfung der Krise wieder Zweifel am Bestand der Währungsunion auftauchen. In diesem Falle sollten Anleihen aus dem Norden die bessere Alternative sein. Politische Börsen sind nun einmal schlecht kalkulierbar. Oder, um es mit Bob Dylan auszudrücken: Die Antwort weiß nur der Wind. Für diese Antwort bezahlt allerdings kein Kunde einen Banker.

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