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Internationaler Finanzmarkt : Die Wirkung der Geldpolitik schwindet

  • -Aktualisiert am

Hinter diesen Türen... Bild: dpa

Die Investoren erwarten eine Zinssenkung der EZB, rechnen sich aber keine größere Wirkung aus. Denn die Geldpolitik alter Schule funktioniert in Europa derzeit nicht.

          3 Min.

          Verdrehte Welt: An diesem Donnerstag wird die EZB entscheiden müssen, ob sie den Hauptrefinanzierungssatz von 0,75 auf 0,5 Prozent senken wird. Zwei Drittel der von Bloomberg befragten Marktteilnehmer erwarten diesen Schritt.

          Dabei sind sie selbst davon überzeugt, dass die Zinssenkung eher einen symbolischen Charakter haben wird und an den hohen kurzfristigen Kreditzinsen für Unternehmenskredite in der Peripherie von 4 bis 6 Prozent kaum etwas ändern wird.

          Zinssenkung weitgehend wirkungslos

          Die Crux ist, dass der Transmissionsmechanismus, mit dem niedrige Notenbankzinsen auf die Finanzierung der Unternehmen übertragen werden, in den peripheren Mitgliedsländern der Währungsunion - und auch in Großbritannien - nicht mehr funktioniert.

          Weil in den Ländern Rezession oder Stagnation herrscht und die Banken dort ihre Risiken reduzieren müssen, halten sich die Geldinstitute damit zurück, Kredite an die Unternehmen zu vergeben, deren Ausfallrisiken sie nur schwer einschätzen können: Dies sind kleinere und mittlere Unternehmen. Diese aber tragen in der Regel das Wirtschaftswachstum und beschäftigen die meisten Arbeitnehmer.

          Kein Risiko in der Sanierung

          Die Notenbanken stehen vor einem Problem: Die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte ist eben nicht nur abhängig vom Zinsniveau, sondern von der Kapazität und Bereitwilligkeit der Banken, Bonitätsrisiken einzugehen, und von der Zuversicht der Unternehmen, in der schwachen Konjunktur und unsicheren Zukunft zu investieren. Diese Unsicherheit aber ändert sich nicht, solange Staat, Haushalte und Banken gleichzeitig ihre Risiken weiter abbauen und sich sanieren müssen.

          Die Finanzmarktteilnehmer warten nun gespannt, was der EZB, abgesehen von der Zinssenkung, einfallen wird, um die gestörte Wirkungskette zu umgehen: Den Banken könnte zum Beispiel noch mehr erleichtert werden, Kreditforderungen als Sicherheiten für eine billige Refinanzierung zu nutzen. Bereits bestehende Programme in der Währungsunion und in Großbritannien haben aber bisher keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. Es könnten auch noch bessere Finanzierungsbedingungen für Förderbanken wie die Europäische Investitionsbank verkündet werden.

          Eine weitere Möglichkeit ist, ähnlich wie die Federal Reserve deutlich vorherzusagen, wie lange die extrem expansive Geldpolitik fortdauern soll (forward guidance). Aber eigentlich krankt die mangelnde Kreditvergabe nicht daran, dass Banken und Unternehmen an der Dauer der expansiven Geldpolitik zweifeln würden, zumal der Inflationsdruck immer geringer wird.

          Alternativlose Aktie

          Die Konsequenz der expansiven Politik und der immer wieder neuen Versuche der Notenbanken, Nachfrage zu kreieren und einer tieferen Rezession und Deflation vorzubeugen, lässt das Anlagekapital in die Werte fließen, die eine halbwegs lohnende Rendite versprechen, und das sind die Aktienmärkte.

          Das erklärt, warum sich in einer Woche, in der sich der Ifo-Stimmungsindikator den zweiten Monat hintereinander verschlechterte, der deutsche Aktienindex Dax um 4,8 Prozent auf 7814,76 Punkte verbesserte. Der Stoxx Europe 600 Index stieg vergangene Woche um 3,7 Prozent, die deutlichste Erholung seit November 2012.

          Die Stärke der Aktienmärkte hat also nichts mit verbesserten Wirtschaftsaussichten zu tun, sondern ist eine durch die Notenbankpolitik ausgelöste Fehlallokation der Anlagemittel. Die schwächeren Konjunkturzahlen aus den Vereinigten Staaten und China untermauern dieses Bild nur.

          Peripherie-Anleihen mit gesenktem Risiko

          Die durch die Notenbankpolitik ausgelöste Umschichtung des Anlagekapitals erklärt auch die - trotz schwacher Wachstumszahlen und verzögerter Haushaltssanierung - in der Peripherie sinkenden Renditen der Staatsanleihen. Das Anlagekapital sucht sich die höheren Renditen in der Peripherie, zumal das im vergangenen September angekündigte OMT-Programm der EZB dem Risiko vorbeugt, dass die Währungsunion plötzlich auseinander fliegt.

          Gerade weil die EZB angekündigt hat, den Euro im Notfall mit konditionierten Anleihekäufen zu retten, fließt das Anlagekapital in die höher rentierenden Anleihemärkte der Peripherie und löst dort eine sukzessiv sinkende Renditeentwicklung aus. So muss die EZB ihr im September vergangenen Jahres angekündigtes OMT-Programm nicht einmal umsetzen. Dies ist genau das, was sich Notenbanken eigentlich ersehnen, wenn sie die Märkte in Schach halten wollen.

          Angesichts der schweren Rezession hat die EU akzeptiert, dass Spanien erst 2016 und nicht bereits 2014 sein Haushaltsdefizit unter die Marke von 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes senken kann. Im Gegensatz zum März 2012 ist die Verlängerung der Haushaltssanierung dieses Mal von der spanischen Regierung mit der EU abgesprochen und von weiteren Reformplänen begleitet. Dies erklärt, warum die Rendite für spanische Staatstitel mit zehn Jahren Restlaufzeit vergangene Woche sogar weiter auf 4,27 Prozent sank und nicht - wie im vergangenen Jahr - letztlich auf einen Rekord von 7,75 Prozent stieg.

          Gewinner und Verlierer im Dax: Die Grafik verbindet die Kursänderungen der 30 Werte des Deutschen Aktienindex in zwei Zeiträumen in Prozent. Auf der Vertikalen sind die Änderungen der vergangenen 12 Monate abgebildet, auf der Horizontalen jene aus der vergangenen Woche. Die erfolgreichsten Aktien finden sich in der Grafik oben rechts, die erfolglosesten unten links. Die Größe der die Aktien abbildenden Kreise bestimmt sich durch den Börsenwert der Unternehmen.

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