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Im Gespräch: Yves Mersch, Luxemburgs Notenbankpräsident : "Nicht Mittelmaß, sondern Exzellenz ist die Vision des Euro"

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Yves Mersch, Präsident der Banque Central Luxembourg Bild: picture alliance /

Von einem künstlichen Eingriff in die deutsche Exportstärke hält Yves Mersch nichts. Er will die Banken nicht für immer mit Geld überschwemmen und warnt davor, dass die Euro-Staaten gemeinsam Schulden aufnehmen. Der Luxemburger gilt als Außenseiter im Rennen um die nächste EZB-Präsidentschaft.

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          Herr Mersch, die Wirtschaft wächst kräftig, und die Inflationsrate nähert sich zwei Prozent. Wird es Zeit, das Geld, das den Banken in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht, knapper zu machen?

          Zunächst ist es erfreulich, dass die Wirtschaft des Euro-Gebiets sich im zweiten Quartal kräftiger erholt hat als vielfach erwartet. Allerdings bleibt die Ungewissheit über Rückschläge hoch. Zudem darf man nicht vergessen, dass die Währungsunion eine tiefe Rezession und Finanzkrise zu überwinden hat. Auch wenn die Wirtschaft wieder wächst, liegt das Produktions- und Einkommensniveau immer noch unter dem von vor der Krise. Das Inflationsrisiko ist derzeit gering. Das aktuelle Zinsniveau ist daher noch angemessen. Es könnte aber in der gegenwärtigen Situation geboten sein, den geldpolitisch relevanten Zeithorizont zu strecken.

          Aber den Banken geht es doch wieder besser. Müssten da nicht die Liquiditätshilfen bald reduziert werden?

          Die Rückführung der Liquiditätshilfen hat längst begonnen. Wir haben zum Beispiel keine zusätzlichen längerfristigen Finanzierungsgeschäfte mehr ANTWORT: angekündigt nach dem Auslaufen derer mit sechs- und zwölfmonatiger Laufzeit im letzten Quartal dieses Jahres. Auch ist das Kaufprogramm für Covered Bonds planmäßig beendet worden. Gleichwohl ist das Finanzsystem immer noch fragil. Wir setzten unseren Exit behutsam fort und begleiten die Normalisierung in den einzelnen Marktsegmenten. Allerdings liegt die hohe Zeit der unkonventionellen Maßnahmen eindeutig in der Vergangenheit.

          Wird es überhaupt eine Rückkehr zur Normalität geben, zu Finanzierungsgeschäften mit begrenzter Zuteilung?

          Der sogenannte Mengentender mit Vollzuteilung ist ein probates Mittel in Krisenzeiten, um die Auswirkungen für die Kreditvergabe zu entschärfen. Zwar lässt sich der Zustand nach der vollständigen Überwindung der Krise nur erahnen. Ich sehe allerdings keine zwingende Notwendigkeit, die Vollzuteilung in einer „neuen Normalität“ beizubehalten. Über Zinstender lassen sich die kurzfristigen Zinsen sehr gut kontrollieren.

          Droht uns ein Japan-Szenario mit geringem Wachstum über viele Jahre?

          Durch Finanzkrisen bedingte Rezessionen dauern normalerweise länger als normale Abschwünge. Allerdings liefert uns die Geschichte auch Hinweise, wie man die Herausforderungen meistern kann. Das Beispiel der skandinavischen Länder belegt, dass die Wiederherstellung eines gesunden Finanzsystems besonders wichtig ist. „Zombie-Banken“, wie wir sie aus Japan kennen, wirken dagegen wachstumshemmend. Daneben ist eine auf Stabilität angelegte Wirtschaftspolitik unabdingbar für ein nachhaltiges Wachstum. Daher sind glaubhafte Exit-Strategien aus der gegenwärtigen expansiven Fiskalpolitik von zentraler Bedeutung. Die Finanzpolitik sollte zudem künftig stärker regelgebunden sein. Strukturreformen, besonders am Arbeitsmarkt, helfen, das Wachstumspotential zu stärken.

          Deutschland wird wegen seiner Kostendisziplin und der Exportstärke gescholten. Wirtschaften die Deutschen auf Kosten der anderen?

          Ich mische mich nicht in die Verhandlungskompetenz der Sozialpartner in einem anderen Land ein. Daher ist mir die Forderung fremd, die deutschen Firmen sollten gezielt ihre Wettbewerbsfähigkeit reduzieren. Diese ist Ergebnis unternehmerischer Entscheidungen und nicht zentraler Wirtschaftspolitik. Solche Forderungen widersprechen dem Geist der Marktwirtschaft. Lassen Sie mich daran erinnern, dass die Währungsunion nie auf Mittelmaß angelegt war. Ziel war nicht, die durchschnittliche Stabilität der teilnehmenden Währungen zu gewährleisten, sondern die der besten. Mit Blick auf die Kaufkraft der gemeinsamen Währungen ist uns das gelungen. Analog sollte das Ziel sein, die Wettbewerbsfähigkeit der Erfolgreichen zum Maßstab zu erklären. Nicht Mittelmaß, sondern Exzellenz ist die Vision, die dem Euro zugrunde liegt.

          Vor der Finanzkrise blieben die Zinsen niedrig, obwohl sich in einigen Ländern die Wirtschaft überhitzte. Heute könnte der Leitzins für Deutschland schon zu niedrig sein. Ein Zins für einen Wirtschaftsraum von mehr als 300 Millionen Menschen - kann das gutgehen?

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