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Im Gespräch: Laurence Kotlikoff, Boston University : Amerikas Schulden größer als die Griechenlands

  • Aktualisiert am

Professor Laurence Kotlikoff Bild: Privat

Die europäische Schuldenkrise sorgt für Schlagzeilen. Diese verdrängen die dramatische Entwicklung der Finanzlage Amerikas. Die Vereinigten Staaten seien im Kern zahlungsunfähig, sagt Laurence Kotlikoff, Professor an der Boston University.

          3 Min.

          Die europäische Schuldenkrise sorgte über das Wochenende wieder einmal für Schlagzeilen. Da immer offensichtlicher wird, dass Griechenland die Last seiner Schulden nicht mehr tragen kann, bleiben nur noch die Fragen offen, wann und wie sie restrukturiert werden. In Staaten wie Irland, Portugal und möglicherweise auch Spanien sieht es nicht viel anders aus.

          Bei aller Europaskepsis jedoch droht die dramatische Entwicklung der amerikanischen Finanzlage in den Hintergrund zu geraten. Denn bei allem Optimismus über die wirtschaftliche Entwicklung und eine erhoffte Verbesserung am Arbeitsmarkt sei es so gut wie unmöglich, dass das Land aus seiner schwierigen Finanzlage einfach so herauswachsen könne, erklärt Professor Laurence Kotlikoff von der Boston University im Gespräch mit FAZ.NET.

          Vereinigte Staaten sind im Prinzip zahlungsunfähig

          Er erklärt, die Vereinigten Staaten seien im Prinzip zahlungsunfähig. Die Kursentwicklung an den Aktien- und Rentenmärkten impliziere zwar bisher noch etwas anderes. Entscheidend jedoch sei die Sicht der Gläubiger. Vor jeder Insolvenz können Schuldner Kredite erhalten, bis sich die Umstände eben änderten. Lehman Brothers beispielsweise erhielt noch kurz vor der Pleite problemlos Fremdkapital, wenn auch nicht überall. Schließlich hätten manche verstanden, dass es Risiken gebe - und sie hatten damit recht.

          Rentenmarkthändler verhielten sich ähnlich. Viele von ihnen orientierten sich primär daran, was andere täten und nicht an den Fakten. Das führe dazu, dass amerikanische Staatsanleihen gehandelt und verkauft würden, bis es eben plötzlich nicht mehr der Fall sei. In diesem Zusammenhang könnten Aussagen des einflussreichen Fondsmanagers Bill Gross für eine Veränderung der Wahrnehmung sorgen. Er hatte jüngst erklärt, amerikanische Staatsanleihen verkauft zu haben.

          Während manche erklärten, die Vereinigten Staaten könnten nicht pleite gehen, da sie endlos Geld drucken könnten, sei das nicht möglich, weil die Währung sonst im Verhältnis zu anderen deutlich an Wert verlieren werde. Zudem habe die amerikanische Notenbank seit der Krise mehrere Billionen Dollar neu geschöpft. Sollten diese Geld in die Märkte gelangen, würden die Preise durch die Decke gehen. Denn verlören die Verbraucher das Vertrauen in die eigene Währung, verwandele sich der Dollar in eine heiße Kartoffel, die man möglichst schnell wieder los werden und in physische Gegenstände umwandeln wolle.

          Angesichts der demographischen Entwicklung müssten die Vereinigten Staaten Budgetüberschüsse erwirtschaften, statt die riesigen Defizite der Zeit. Sollte sich das nicht ändern, werde der Punkt kommen, an dem Rentemarkhändler oder Anleiheinhaber - chinesische und japanische eingeschlossen - die Zeit für gekommen hielten, zu verkaufen. Spätestens dann würden die Zinsen dramatisch nach oben schießen - und das Spiel sei aus. Die Entwicklung könne unter Umständen so laufen wie bei Bear Stearns. Damals waren erst Verkaufsgerüchte im Markt. Als sie schließlich zu realen Verkäufen führten, entwickelte sich eine dramatische Eigendynamik.

          Fiskalische Lücke von rund 200 Billionen Dollar

          Rentenmarktpessimisten lägen zwar schon seit Jahren falsch, erklärte Kotlikoff weiter. Auf der anderen Seite jedoch könne sich die amerikanische Wirtschaft noch so gut entwickeln - die Verbindlichkeiten seien viel zu groß, um in langer Sicht erfüllt werden zu können. Denn berücksichtige man neben den zuletzt dramatisch auf 14 Billionen Dollar gestiegenen offiziellen Staatsschulden die impliziten Zahlungsversprechen der Sozialsysteme, dann seien die Vereinigten Staaten mit einer fiskalischen Lücke von rund 200 Billionen Dollar (Differenz zwischen erwarteten Ausgaben und Einnahmen, Schätzung des Congressional Budget Office) konfrontiert. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des Landes sei sie größer als die Griechenlands.

          Die Pensionssysteme der meisten Industriestaaten seien nichts anderes als nun schon seit 60 Jahren laufende Schneeballsysteme. Sie würden zusammenfallen sobald der jüngere Teil einer Bevölkerung die vertraglich vereinbarten Zahlungen an die Älteren nicht mehr werde leisten wollen oder können. Die Vereinigten Staaten hätten diesen kritischen Punkt bereits erreicht. Denn um die fiskalische Lücke zu schließen müssten die Steuern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sofort und dauerhaft um mehr als 70 Prozent erhöht sowie Steuer-, Gesundheits- und Sozialsysteme radikal reformiert werden. Solche Maßnahmen jedoch seien weder von der demokratischen noch von der republikanischen Partei zu erwarten.

          Kotlikoff rechnet aufgrund einer wenig entschiedenen Wirtschafts- und Finanzpolitik mit einer Kombination aus zunehmender Armut, höheren Steuern, steigenden Zinsen und inflationären Impulsen. Entsprechend defensiv würde er sich als Anleger positionieren.

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