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Im Gespräch: Hongkongs Regierungschef Tsang : „Die Euro-Staaten müssen die Märkte überzeugen“

  • Aktualisiert am

Donald Tsang, Regierungschef von Hongkong Bild: Archiv

Hongkongs Regierungschef Tsang hat zwei Wirtschaftskrisen in Asien erlebt. Vom Euro-Raum könne ein globaler Finanz-Tsunami ausgehen, sagte er im F.A.Z.-Interview.

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          Herr Tsang, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagten Sie, für 2012 seien Sie besorgt wie nie zuvor. Warum?

          Die Krisen in Asien 1983 und 1997 beschränkten sich auf die Region. Jetzt steckt die Krankheit des Euro die ganze Welt rasend schnell an. Das ist erschreckend. Dabei sind die Folgen der heutigen Krisen schwer abzuschätzen. In Hongkong sind wir von der Staatsverschuldung kaum betroffen. Aber unsere Banken arbeiten mit Banken in den Vereinigten Staaten zusammen, und die Kunden sitzen in Europa und Amerika. Wenn unsere Banken getroffen würden, litte ganz Hongkong darunter. Darüber hinaus sehen wir nicht nur einen Zusammenbruch des Marktes, sondern der Staatsfinanzen und der Geldpolitik in der Europäischen Union sowie ein Zahlungsbilanzdefizit in den Vereinigten Staaten, das kaum vor den Präsidentschaftswahlen gelöst wird - daher meine Angst vor einem Finanz-Tsunami.

          Was kann Europa aus den Asien-Krisen lernen?

          Eine ganze Menge. Erstens muss man mit seinen Lösungen nicht in erster Linie sich selbst oder die Wähler, sondern die Märkte überzeugen, also die Investoren, Spekulanten und Hedgefonds und möglichst deren Erwartungen übertreffen. Dabei gilt: Je länger man wartet, desto höher wird der zu zahlende Preis. Zweitens kann man die institutionellen Defizite, die in einer Krise sichtbar werden, ausmerzen. Allerdings dürfen die Menschen nicht vergessen werden. Mit anderen Worten: Alle Austeritätsmaßnahmen müssen mit Wachstumsimpulsen versehen werden, die Arbeitsplätze schaffen. Es geht nicht nur um "Firewalls" und Geld für die Banken, sondern um Hoffnung für die Menschen und deren Jobs, damit sie konsumieren. Europa mag in Budgetschwierigkeiten stecken, aber sichere Jobs sind wichtig, und darauf achten die Märkte.

          Wie sollen Jobs entstehen, wenn die Eurozone vor einer Rezession steht?

          Ich kenne die Verhältnisse nicht genau. In Hongkong drohte damals eine Kreditklemme in den kleinen und mittleren Unternehmen. Dabei hatten sie gute Produkte. Also garantierten wir die Kredite gegenüber den Banken. Am Ende überlebten die Betriebe und mit ihnen die Arbeitsplätze. Aber es musste schnell geschehen, damit die Hoffnung nicht verflog. Daneben halfen wir den Ärmsten in der Bevölkerung, zum Beispiel über Mieterleichterungen in staatlichen Wohnungen oder Zuschüssen zu den Schulgeldern. Auf diese Weise konnte das Konsumniveau gehalten werden. Heute ist Hongkong stärker denn je. Wir haben Vollbeschäftigung, und die Wirtschaft wächst. Wir verfügen über ein Triple A der Ratingagenturen.

          Soll man den Leuten am besten ungeschminkt die Wahrheit sagen?

          Die Menschen erwarten keine Lösungen über Nacht. Aber sie wollen umfassend darüber ins Bild gesetzt werden, wie die Staatsschulden beseitigt werden. Parallel dazu müssen die kleinen und mittleren Unternehmen gestützt werden, denn sie schaffen die dringend benötigten Arbeitsplätze.

          Spüren Sie schon Auswirkungen der Krisen in Europa und Amerika?

          Die Folgen sind schon sichtbar. Unsere Exporte nach Europa und Amerika gehen zurück, wenn auch bisher nicht auf das Niveau von 2008. Glücklicherweise bringen die Ausfuhren nach China einen gewissen Ausgleich. Als Drehscheibe des Handels in ganz Ostasien haben wir sogar eine ganz gute Indikation für die Rezessionsgefahren, die global drohen.

          Droht 2012 ein Rückgang in den Ausfuhren aus Hongkong?

          Dieser Fall könnte eintreten. Im ersten Quartal 2011 wuchsen sie um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, im zweiten stagnierten sie, im dritten gingen sie um vier Prozent zurück. Diese Tendenz dürfte sich fortsetzen, schätze ich.

          Steht Hongkong vor einer Wachstumsdelle?

          Ich kann die Entwicklung aufgrund mehrerer Indikatoren nur schätzen, aber es ist gut möglich, dass sich der Zuwachs im Bruttoinlandsprodukt auf zwei Prozent gegenüber fünf Prozent 2011 abschwächt.

          Was halten Sie von Angela Merkels Widerstand gegen höhere "Firewalls" in der Eurozone?

          Es kommt darauf an, wozu das Geld dienen soll. Es ist sinnvoll im Fall vorübergehender Liquiditätsprobleme. Aber Staaten, die im Grunde insolvent sind, vermag eine "Firewall" nicht zu schützen. Die Märkte werden solche Wälle niederreißen. Auch die chinesische Mauer konnte nicht alle Invasoren abwehren. Die solventen Marktwirtschaften dürfen nicht in Gefahr geraten. Aus diesem Grund muss der Fall Griechenland rasch gelöst werden. Je länger man sich mit der Lösung Zeit lässt, desto schärfer muss ein Schuldenschnitt ausfallen. Das erschwert jedoch die Zustimmung der Gläubiger. Geschwindigkeit ist entscheidend, und das Testgelände ist Griechenland.

          Die Deutschen sind auch gegen Eurobonds. Was sagen Sie, zu Recht?

          Sie können effektiv sein, wenn sich alle einig sind. Aber sie müssen mit der Disziplin einhergehen, die wirtschaftlichen, fiskalischen und geldpolitischen Defizite zu kurieren. Aus Sicht der Märkte können Eurobonds ein sinnvolles Mittel sein, den weiteren Zerfall des Systems zu stoppen. Die Eurozone ist wie eine Ehe. Sie muss gute und schlechte Zeiten aushalten.

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