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Im Gespräch: Gary Shilling : „Das systemische Risiko ist gewaltig“

  • Aktualisiert am

Bild: Bloomberg

Mit Liquiditätsspritzen versuchen die Zentralbanken die Lage an den Finanzmärkten zu beruhigen. Anlageexperte Gary Shilling ist jedoch vorsichtig. Er rechnet mit einer Rezession, fallenden Rohstoff- und Aktienkursen, dagegen setzt er auf Treasuries.

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          Mit umfangreichen Liquiditätsspritzen versuchen die Zentralbanken die Lage an den Finanzmärkten zu beruhigen. Bisher ist ihnen das noch nicht gelungen. Die systematischen Risiken sind noch sehr groß, erklärt der bekannte amerikanische Anlage- und Wirtschaftsberater Gary Shilling (siehe auch: A. Gary Shilling & Co. ).

          Er setzt auf fallende Kurse an den Rohstoffmärkten und den Börsen. Das gilt vor allem für jene Bereiche, die mit dem amerikanischen Hausbau-, Finanz- und Konsumbereich zu tun haben. Dagegen setzt er auf Kursgewinne und fallende Renditen bei länger laufenden amerikanischen Staatsanleihen und auf einen starken Dollar.

          Wir leben in interessanten Zeiten, ein Finanzunternehmen nach dem anderen gibt den Geist auf. Was geht vor sich da draußen?

          Es handelt sich im Kern um die Rückführung der Verschuldung in der Finanzstruktur. Zwei Bereiche der amerikanischen Wirtschaft hatten sich in den vergangenen Jahren gewaltig verschuldet. Das eine waren die privaten Haushalte, die zu viele Hypotheken auf ihre Häuser zu unvernünftigen Bedingungen aufgenommen hatten, die ihre Kreditkarten bis zum letzten ausreizten, die ihr Studium per Kredit finanzierten und so weiter - und die nun die Konsequenzen tragen müssen. Das andere waren die Finanzunternehmen, die ihre Verschuldungsgrade zurückführen müssen.

          Wie können die Unternehmen das tun?

          Sie haben grundsätzlich drei Möglichkeiten. Erstens können sie das Kapital erhöhen. Das ist im aktuellen Umfeld praktisch unmöglich, nachdem die Sovereign Wealth Funds mit ihren Kapitaleinlagen bei amerikanischen Finanzfirmen inzwischen massive Verluste erzielt haben. Alleine beim Konkurs von Lehman dürften sie etwa fünf Milliarden Dollar verloren haben. Andere Investoren halten sich zurück. Zweitens können sie Vermögenswerte verkaufen. Allerdings lässt sich deren Wert vielfach nur schwer ermitteln, wenn überhaupt. Wie immer man sie bewertet, die wahren Werte dürften unter denen liegen, zu welchen sie in den Büchern offiziell geführt werden. Drittens können sie sie abschreiben. Auf diese Weise jedoch wird Kapital verbrannt. Genau das wurde Lehman Brothers und AIG zum Verhängnis.

          Die Liste der „Vorfälle“ ist beachtlich: IKB, Bear Stearns, Fannie und Freddie, Lehman Brothers, Merril Lynch und AIG - wer wird der nächste sein?

          Eine gute Frage. Man hört zwar viele Gerüchte über Wachovia und andere, es gibt jedoch wenig Handfestes. Fakt ist, dass sich die Regierung und die Zentralbank zusammen in einer schwierigen Position befinden, wenn sie mit ihren Interventionen zur Rettung des Finanzsystems falsche Anreize vermeiden wollen.

          Welche Dimension haben die Probleme?

          Das systemische Risiko ist gewaltig. Die Finanzmärkte beruhen im Kern auf dem Vertrauen der Marktteilnehmer untereinander. Manche der amerikanischen Finanzunternehmen waren und sind im Verhältnis von 30 zu eins verschuldet. Sie sind gleichzeitig sehr kurzfristig refinanziert. Können sie ihre Schulden nun aufgrund des Misstrauens untereinander nicht mehr regelmäßig verlängern, so sind sie äußerst verwundbar. Im Moment scheinen sie sich nur noch auf die Regierung und die Zentralbank verlassen zu können.

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