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Langzeit-Anleihen : Hundert Jahre lang Zinsen kassieren

  • -Aktualisiert am

Langzeit-Anleihen erscheinen Privatanlegern interessant, doch sie sind mit einigen Nachteilen verbunden. Bild: dpa

Anleihen mit extrem langer Laufzeit kommen in Mode. Doch lohnt es sich wirklich, sie zu kaufen? Für Privatanleger bestehen eine ganze Reihe von Risiken.

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          Kanada und die Schweiz warteten in den vergangenen beiden Monaten mit einer Überraschung auf: Sie haben Anleihen mit einer Laufzeit von 50 Jahren begeben. Auch in Spanien und Amerika denken die Regierungen darüber nach, neue Anleihen mit solch langen Laufzeiten auf den Markt zu bringen. Die Länder nutzen damit die Gunst der Stunde aus, denn noch nie waren die Zinsen in Europa und Amerika so niedrig wie derzeit.

          Eine traumhafte Situation für viele Staaten: Sie können sich nicht nur zu den günstigsten Konditionen verschulden, sondern ihre Zinszahlungen zudem für Jahrzehnte auf dem niedrigen Niveau festschreiben. Die Anleger in aller Welt kaufen ihnen die Anleihen trotzdem ab – denn für die Papiere erhalten sie zumindest etwas höhere Zinsen als für Anleihen mit kürzeren Laufzeiten.

          Es gibt sogar Anleihen, die noch viel längere Laufzeiten haben als 50 Jahre. So haben beispielsweise der mexikanische Staat, aber sogar Unternehmen wie der französische Energieversorger GDF Suez und der Pharmahersteller Bayer Anleihen mit einer Laufzeit von einem Jahrhundert begeben. Insbesondere Großanleger wie Versicherungen oder Pensionsfonds kaufen diese sogenannten Langläufer – denn in ihrem Geschäft ist es mit das Wichtigste, auf lange Sicht mit festen Erträgen kalkulieren zu können. Das ermöglichen ihnen die Anleihen mit den langen Laufzeiten.

          Für Privatanleger erscheinen die Papiere vor allem aus einem Grund interessant: Die Renditen sind im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen geradezu verlockend. Während eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit in der vergangenen Woche erstmals weniger als ein Prozent Rendite einbrachte, lässt sich mit Kanadas 50-jähriger Anleihe immerhin ein Ertrag von 2,6 Prozent erzielen. Mit Mexikos hundertjähriger Anleihe ergeben sich sogar üppige 5,3 Prozent. Also sogleich zugreifen?

          Nicht unbedingt. Manchem Privatanleger mag die Vorstellung zwar als beruhigend erscheinen, über Jahrzehnte mit einem festen Zinssatz zu planen und die Anleihe vielleicht sogar den eigenen Kindern und Enkeln zu vererben (nur sie werden ja aller Voraussicht nach das Ende der Laufzeit erleben).

          Verlust bei vorzeitigem Verkauf

          Aber es bestehen dann doch eine ganze Reihe von Risiken: Zuallererst existiert natürlich keinerlei Gewissheit, dass Unternehmen wie GDF Suez und Bayer in hundert Jahren tatsächlich noch existieren – wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Bei soliden Staatsanleihen wie den kanadischen ist ein Ausfall zwar deutlich unwahrscheinlicher. Aber dass auch Staaten in Zahlungsprobleme geraten können, hat das Beispiel Argentinien gerade erst wieder gezeigt.

          Hinzu kommt: Anders als bei einer Versicherung oder einem Pensionsfonds werden wohl nur die wenigsten Privatanleger die Anleihen tatsächlich bis zum Ende der Laufzeit halten (selbst wenn der ursprüngliche Käufer sie seinen Nachkommen vererbt). Wenn sie aber vorzeitig verkaufen, müssen sie mit Verlusten rechnen: Denn die Papiere werden eher selten gehandelt, da Großinvestoren sie in der Regel nur zum Zeitpunkt der Emission erwerben. Es kann also passieren, dass sich überhaupt kein Käufer für die Anleihe findet. Und als ob das noch nicht genug wäre, holen sich Anleger mit manchen Anleihen auch noch ein Währungsrisiko ins Depot: Die mexikanische Staatsanleihe beispielsweise notiert in Dollar.

          Bei vielen Firmenanleihen ist außerdem aus einem weiteren Grund Vorsicht geboten: Oftmals handelt es sich – wie bei der Anleihe des italienischen Versorgungsunternehmens Enel – um sogenannte Nachranganleihen. Im Falle einer Pleite bekämen die Anleger ihr Geld also erst zurück, nachdem alle anderen Gläubiger ausbezahlt wurden.

          Noch gravierender ist aber ein anderes Problem: „Es ist nicht gewiss, dass die Leitzinsen in Europa und Amerika über Jahre hinaus so niedrig bleiben werden“, sagt Hartmut Preiß, Anleihenexperte bei der DZ Bank. Sobald die Zinsen aber steigen, werden Anleihen mit kürzeren Laufzeiten wieder attraktiver. Anleihen, die bereits auf dem Markt sind, verlieren dagegen an Wert – und das nicht zu knapp, denn Anleihen mit langen Laufzeiten sind besonders anfällig für Zinsänderungen: Ein Papier mit hundert Jahren Laufzeit verliert dabei mehr an Wert als eine Anleihe mit 50 Jahren Laufzeit und noch mehr als eine mit 30 Jahren Laufzeit. Wenn Anleger in einer solchen Phase verkaufen, machen sie womöglich also große Verluste.

          Bleibt unterm Strich: Ein wirklich gutes Geschäft sind Anleihen mit langer Laufzeit für Privatanleger nicht.

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