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„Hohe Wachsamkeit“ : EZB stimmt Märkte auf eine Zinserhöhung ein

  • -Aktualisiert am

Investoren rechnen fest damit, dass der EZB-Präsident eine Zinserhöhung andeuten wird: Jean-Claude Trichet Bild: Reuters

Stärkeres Wachstum und höhere Inflationsraten bestärken die EZB in ihrem Plan, die Leitzinsen weiter zu erhöhen. Es ist absehbar, dass EZB-Präsident Trichet am Donnerstag den Signalbegriff „hohe Wachsamkeit“ verwendet und so auf eine Zinserhöhung einstimmt.

          Investoren auf den Kreditmärkten und Analysten der Banken rechnen fest damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer nächsten Ratssitzung deutliche Hinweise auf eine Zinserhöhung im Juli geben wird. „Wir erwarten, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den Signalbegriff ,hohe Wachsamkeit' (strong vigilance) verwenden wird“, heißt es in einer Studie der italienischen Bank Unicredit. Wenn die EZB diese Formulierung in der Vergangenheit verwendete, folgte stets bei der nächsten Zinsentscheidung eine Zinserhöhung. In diesem Fall stände im Juli eine Erhöhung von 1,25 auf 1,50 Prozent bevor. „Die griechischen Spannungen werden nur begrenzt Einfluss haben auf die Entschlossenheit der EZB, die Zinsen im Juli zu erhöhen“, sagt Jürgen Michels, ein Volkswirt der Citigroup. „Der Euroraum als Ganzes steht ganz gut da. Deshalb wird die EZB den Leitzins anpassen müssen. Nicht zuletzt muss sie sich so positionieren, dass sie ihre Glaubwürdigkeit schützt.“

          Ein weiterer Aufschub gilt auch deshalb als unwahrscheinlich, weil die EZB im Anschluss an die Zinspause im Mai die Marktreaktionen als übertrieben bezeichnet hatte. Anfang Mai waren die Erwartungen weiterer Zinsschritte zunächst geschwunden, ehe einige Ratsmitglieder der Zentralbank härtere Töne folgen ließen und diese Marktbewegungen als übertrieben bezeichneten. Zudem haben in den vergangenen Tagen einige Notenbanker - darunter auch Mario Draghi aus Italien, Trichets designierter Nachfolger - angedeutet, dass sie für eine weitere geldpolitische Straffung sind. Sie reagieren damit unter anderem auf den Anstieg der Teuerungsrate, die für den Euroraum auf 2,8 Prozent gestiegen ist. Mittelfristiges Ziel der EZB ist eine durchschnittliche Inflationsrate von knapp 2 Prozent.

          Leitzins und Inflationsrate steigen

          Auch die Inflations- und Wachstumsprognosen dürften die Notenbanker in ihrem Drang zu höheren Leitzinsen bestärken. Am Donnerstag werden sie die neuen Vorhersagen der EZB-Fachleute veröffentlichen. Wenn die Analysten der Banken richtig liegen, dürfte die Wachstumsprognose für den Euroraum für dieses Jahr von 1,7 auf 1,9 Prozent oder gar 2 Prozent erhöht werden. Die Prognose für die Inflationsrate dürfte für dieses Jahr von 2,3 auf 2,5 bis 2,7 Prozent korrigiert werden. Die Vorhersage der Inflation im Jahr 2012 dürfte dagegen bei 1,7 Prozent belassen werden oder nur leicht steigen.

          Auf dem Geldmarkt wird der Zinsschritt im Juli als nahezu sicher angenommen. Das signalisieren die Zinssätze für Terminkontrakte auf Geld, das sich die Banken untereinander für einen Monat leihen. In diesen Terminsätzen sind bis zum Jahresende mindestens zwei weitere Zinsschritte auf dann 1,75 Prozent vorweggenommen. Sie signalisieren die Erwartung, dass der Leitzins danach weiter steigt und am Ende des nächsten Jahres 2,25 Prozent beträgt. Von Reuters befragte Analysten von 74 Banken im Euroraum rechnen im Durchschnitt dann sogar mit einem Leitzins von 2,5 Prozent.

          „Die Vollzuteilung bleibt wohl“

          Für die Leitzinsen wird der EZB also immer noch eine zügige Normalisierung zugetraut. Dagegen scheint die Rückführung der in der Finanzkrise eingeführten Kredithilfen für die Banken ins Stocken zu geraten. Für Donnerstag erwarten Bankenfachleute, dass die EZB eine Fortsetzung der Vollzuteilung zum Leitzins bei allen Finanzierungsgeschäften, also auch bei denen mit drei Monaten Laufzeit, ankündigen wird. Seit dem Beginn der Finanzkrise dürfen sich die Banken des Euroraums so viel Geld zum Leitzins leihen, wie sie wünschen.

          „Die Vollzuteilung bleibt wohl“, sagt Michael Schubert von der Commerzbank. Die EZB-Ratsmitglieder Gertrude Tumpel-Gugerell und Jens Weidmann hätten sich in den vergangenen Tagen zwar für ein Ende der Vollzuteilung ausgesprochen, dafür aber keinen Zeitpunkt genannt. Der italienische EZB-Direktor Lorenzo Bini Smaghi habe gesagt, die EZB müsse zunächst eine Lösung für den mangelnden Marktzugang der Banken in Griechenland, Portugal und Irland finden. Erst dann könne eine Ausstiegsstrategie für die Nothilfen umgesetzt werden.

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