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Hintergrund : Was eine inverse Zinsstruktur bedeutet

  • Aktualisiert am

Bild: Eurexchange

In Amerika lag die Rendite zweijähriger Anleihen am Dienstag erstmals seit fünf Jahren wieder über dem Renditeniveau zehnjähriger Anleihen. Unter Börsianern gilt dies als Warnsignal.

          In der Regel werfen lang laufende Zinspapiere eine höhere Rendite ab als Kurzläufer - der Zinssatz steigt also mit der Bindungsdauer. Das ist leicht nachvollziehbar, schließlich gehen Anleger, die sich länger binden, höhere Risiken ein. Und das höhere Risiko, das sich beispielsweise in Form einer steigenden Inflation zeigen kann oder in der Ungewißheit über die Bonität des Schuldners zum Rückzahlungszeitpunkt, wird eben mit einer höheren Verzinsung entlohnt.

          Ablesen läßt sich das aktuelle Verhältnis der kurzfristigen zu den langfristigen Zinsen in der sogenannten Zinsstrukturkurve. Diese verdeutlicht das Verhältnis der kurzfristigen zu den langfristigen Zinssätzen. Die Renditen am kurzen Ende geben dabei Auskunft, ob die Geldpolitik eher locker (tiefe Renditen) oder eher restriktiv (hohe Renditen) ist.

          Das lange Ende spiegelt die Erwartung der Marktteilnehmer wider, ob künftig die Inflation verhalten sein wird (niedrige Renditen) oder ein Teuerungsschub droht (hohe Renditen). Eine steigende Zinsstrukturkurve wird dabei als normal angesehen (und häufig auch so bezeichnet). In diesem Fall sind die kurzfristigen Zinsen niedriger als die Zinsen für längerfristig gebundenes Kapital.

          Von einer flachen Zinsstrukturkurve wird dann gesprochen, wenn die Zinssätze für alle Zinsbindungsdauern in etwa gleich hoch sind. Und von einer inversen Zinsstrukturkurve, die noch seltener als eine flache Zinsstrukturkurve auftritt, ist dann die Rede, wenn die kurzfristigen Zinssätze höher sind als die langfristigen. Das heißt, die Zinsstrukturkurve fällt (siehe Grafik).

          Inverse Zinsstruktur gilt als Vorbote von Konjunkturproblemen

          Eine inverse Zinsstruktur entsteht entweder, wenn die Notenbank die kurzfristigen Zinsen durch Zinserhöhungen in die Höhe treibt oder wenn Anleger, die eine Konjunkturschwäche befürchten, ihr Kapital vermehrt in langfristige Zinspapiere stecken und damit deren Renditen drücken. Zinserhöhungen beschließt eine Notenbank typischerweise dann, wenn sie, etwa wegen steigender Ölpreise, Inflationsgefahren wittert und deshalb das Wirtschaftswachstum bremsen will.

          Eine restriktivere Zinspolitik kann neben bremsenden Effekten auf die Inflation auch bewirken, daß die Anleger künfitg eine Abschwächung des Wachstums befürchten. In einem solchen Fall spricht dann nichts mehr gegen den Kauf langlaufender Anleihen, wodurch deren Kurse steigen und ihre Rendite sinkt.

          Die Zinsstrukturkurve findet an der Börse deshalb viel Beachtung, weil sich aus ihren Verlauf Rückschlusse auf den Zustand der Konjunktur ziehen lassen und das wiederum sehr wichtig für die Einschätzung der weiteren Kursaussichten und die Ableitung einer entsprechenden Anlagestrategie ist. Mit einer normalen Zinsstrukturkurve verbinden Marktteilnehmer in der Regel positive Konjunkturerwartungen und langfristig steigende Zinsen.

          Dagegen schrillen bei Volkswirten beim Auftreten einer inversen Zinsstrukturkurve die Alarmglocken, weil sie häufig der Vorbote für bevorstehende volkswirtschaftliche Probleme gilt. So hat eine neuere Untersuchung der Federal Reserve in New York ergeben, daß eine inverse Zinsstrukturkurve der präziseste Einzelindikator für eine drohende Rezession ist.

          Studien belegen Prognosequalität der Zinsstrukturkurve

          Anderen Studien zufolge kommt es ein Jahr nach einer Inversion der Zinsstruktur oder etwas später zu einer Rezession. Außerdem schneidet der S&P-500 in den zwölf Monaten nach einer Inversion mit einem Plus von 1,06 Prozent im historischen Vergleich relativ schlecht ab. Ihre Prognosequalität bewies die inverse Zinsstrukturkurve zuletzt im Jahr 2000, als sie frühzeitig auf die nachfolgende Rezession in Amerika hinwies. Eine inverse Zinsstruktur kann auf mittelfristig wieder fallende kurzfristige Leitzinsen hindeuten, ebenfalls ein Signal dafür, daß die Marktteilnehmer negative Konjunkturerwartungen hegen.

          Mit dazu bei trägt auch die Tatsache, daß die Bereitschaft des Bankensektors zur Kreditvergabe bei einer steilen Zinsstrukturkurve höher ist. Den bei einer inversen Zinsstrukturkurve müssen Banken für die Refinanzierung mehr zahlen als sie über die die Kreditvergabe verdienen. Gleichzeitig nimmt aber die Kreditnachfrage mit einer flachen Zinsstrukturkurve zu, weil es sich dann lohnt, einen Kredit zur Anlage auf einem Festgeldkonto aufzunehmen, da der Einlage- über dem Entleihungszins liegt. Dieser Gegensatz löst sich erst dann auf, wenn die Banken höhere Kreditzinsen durchsetzen können oder die Kreditvergabe eingeschränkt wird.

          Kein absolut verläßlicher Indikator

          Nicht selten erwies sich eine inverse Zinsstrukturkurve in der Vergangenheit als verläßlicher Indikator für eine bevorstehende Rezession. Daher verwundert nicht, daß die Börsianer hellhörig werden, wenn die Zinsstrukturkurve wie am Dienstag in Amerika kurzzeitig geschehen (zehnjährige Anleihen rentierten da im Handelsverlauf mit 4,372 Prozent knapp unter dem Renditeniveau zweijähriger Anleihen von 4,373 Prozent), erstmals seit fünf Jahren wieder invers wird.

          Aber es gibt auch außerordentliche wirtschaftliche Umstände, die eine inverse Zinskurve bedingen können. Ob das auch diesmal der Fall ist, bleibt abzuwarten. So könnte die inverse Zinsstruktur durch das nach wie vor bestehende Überangebot an anlagebereitem Geld und einem damit verbundenen Anlagenotstand zu erklären sein. Unabhängig davon sollten Anleger das damit verbundene Signal Ernst nehmen und nach weiteren Hinweisen für eine eventuell bevorstehende Konjunkturschwäche Ausschau halten.

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