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Großbritannien : Eine Welle von Staatsanleihen

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Bild: F.A.Z.

Die britische Regierung kämpft mit der katastrophalsten Haushaltslage seit den fünfziger Jahren. Ein gigantisches Emissionsvolumen von Staatsanleihen konterkariert die Politik der quantitativen Lockerung der Bank von England.

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          Die britische Regierung kämpft mit der katastrophalsten Haushaltslage seit den fünfziger Jahren. Der Druck, auf Jahre ein gewaltiges Haushaltsdefizit zu finanzieren, wird den britischen Staat auf lange Zeit abhängig davon machen, dass Investoren in britische Staatsanleihen (Gilts) investieren.

          Gleichzeitig muss der britische Staat hoffen, dass sein Rating der Staatsschulden von „AAA“ durch die internationalen Ratingagenturen nicht langfristig herabgesetzt wird, und dies, obwohl die Nettoschuldenquote Großbritanniens nach Schätzungen der jüngsten Haushaltsvorlage von derzeit 55 Prozent auf 76 Prozent im Jahr 2013/2014 steigen wird.

          Schuldenberg zuletzt nur nach Kriegsschulden so hoch

          Das letzte Mal kämpfte Großbritannien mit einem solchen Schuldenberg in den fünfziger Jahren, als es die Kriegsschulden abtragen musste. Nach Maastricht-Definition wird die Bruttoschuldenquote im jetzt beginnenden Fiskaljahr auf 82 Prozent und bis 2013/2014 auf mehr als 90 Prozent zulegen.

          Der britische Staat muss seine Neuverschuldung, die sich allein in diesem Jahr auf 175 Milliarden Pfund (194 Milliarden Euro) beläuft, und die Ausgaben für die Lloyds Bankengruppe und Northern Rock über die Ausgabe von Gilts decken. Schatzkanzler Alistair Darling schockierte die Londoner City daher mit der Ankündigung, allein im kommenden Fiskaljahr werde das Emissionsvolumen von Gilts am Markt 220 Milliarden Pfund betragen. Dies ist um die Hälfte mehr als im laufenden Fiskaljahr.

          Das britische Management Debt Office (MDO) verlässt sich bereits nicht mehr darauf, dieses Emissionsvolumen nur mit Hilfe von Tendern an den Markt zu bringen. Das MDO hat deshalb die Londoner City damit überrascht, einen mit 25 Milliarden Pfund relativ großen Betrag an lang laufenden Gilts mit Hilfe eines Bankenkonsortiums zu platzieren. Dies hat den Vorteil, dass sich der Staat nicht darauf verlassen muss, dass am Tag des Tenders ausreichend Nachfrage für seine Papiere besteht. Vielmehr übernimmt eine Bank die Aufgabe, die Emission anschließend über ein Konsortium zu platzieren.

          Der größte Teil des Emissionsvolumens wird mit 74 Milliarden Pfund im kurz laufenden Bereich bis zu sieben Jahren und mit 70 Milliarden Pfund im mittleren Laufzeitenbereich bis zu 15 Jahren auf den Markt kommen. Der mittlere Laufzeitenbereich ist das Marktsegment, in dem die Bank von England operiert, um ihr Programm der quantitativen Lockerung der Geldmenge in Höhe von 75 Milliarden Pfund durchzuführen, im Rahmen dessen sie sukzessive Gilts mit einer Laufzeit von 7 bis 15 Jahren aufkauft. Unabhängige Marktbeobachter wie Monument Securities argumentieren: „Man kann sich natürlich fragen, warum das MDO die Gilts nicht direkt an die Bank von England verkauft und dem Steuerzahler die administrativen Kosten der Tender erspart. So gesehen, verliert die quantitative Lockerung ihren Glanz.“

          Gigantisches Emissionsvolumen der Regierungen konterkariert quantitative Lockerung

          In der Tat ist am britischen und amerikanischen Kapitalmarkt zu beobachten, dass die Renditen nach Ankündigung der quantitativen Lockerung der Notenbanken an den Anleihemärkten zwar nachgaben und damit den von den Notenbanken gewünschten Effekt für die Realwirtschaft abgaben. Das gigantische Emissionsvolumen der Regierungen an den Kapitalmärkten treibt indessen die Renditen wieder in die Höhe - die schlechte Haushaltslage konterkariert daher die quantitative Lockerung der Notenbanken. Anders herum wird auch ein Schuh daraus: Die Käufe der Notenbanken helfen den Regierungen, ihr Emissionsvolumen erfolgreich platzieren zu können.

          Für das Beibehalten des Rating eines "AAA" ist die langfristig stabile Verfassung der gesamten Volkswirtschaft wichtig, und die Möglichkeit und der Wille einer Regierung entscheidend, die Staatsschulden abzutragen. Die Vereinigten Staaten stehen derzeit schlechter da als Großbritannien: Im Herbst wird die Schuldenquote der Amerikaner 70,6 Prozent erreicht haben. Eine Schuldenquote von 70 Prozent ist bei Schwellenländern bereits Grund zur Sorge. Angesichts der gewaltigen Bedeutung des Dollar und des Pfund als Reservewährung würde eine Bonitätsabwertung beider Länder katastrophale Auswirkungen an den Kapitalmärkten haben.

          Moody's hat daher explizit nach der britischen Haushaltsvorlage bestätigt, dass das Rating Großbritanniens die "höchstmögliche Form des Aaa" sei und als "stabil" gewertet werde. Erst wenn eine Folgeregierung in den nächsten Jahren entscheide, auf Dauer mit derart hohen Defiziten und Staatsschulden zu operieren, könnte dies Auswirkungen auf das Rating haben. Aber die Londoner City ist unbeeindruckt: "Die Schlussfolgerung ist, dass das Triple-A nicht mehr die Qualität hat, die es früher garantierte", moniert Monument Securities.

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