https://www.faz.net/-gv6-6ydqd

Griechenland : Die größte Umschuldung der Nachkriegszeit

  • Aktualisiert am

Nach dem Schuldenschnitt: Was erwartet die Gläubiger? Bild: dpa

Am Montag wurden griechische Staatsanleihen im Wert von 177,25 Milliarden Euro in neue Titel getauscht. Für Griechenland ist die Malaise damit aber noch lange nicht vorbei. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Was erhalten die Gläubiger mit dem Umtausch?

          Für 100 Euro alte Titel erhielt der Anleger: für 15 Euro neue Anleihen des EFSF mit Laufzeiten von ein und zwei Jahren; für 31,5 Euro zwanzig unterschiedliche neue Griechenlandanleihen mit Laufzeiten von 11 bis 30 Jahren. Sie wurden bereits am Montag gehandelt; neue Titel mit einer Laufzeit von 11 Jahren mit einer Rendite von 19 Prozent, die Anleihen mit 30 Jahren Laufzeit mit einer Rendite von 14 Prozent. Zusätzlich erhalten die Anleger einen Optionsschein, der eine kleine Rendite abwirft, wenn sich die griechische Wirtschaft rasch erholt.

          Wie groß ist die Teilnahmequote?

          An dem Umtausch beteiligen sich nach heutigem Stand gut 95 Prozent des privaten Anleihekapitals. Das sind Titel im Nennwert von mindestens 197 Milliarden Euro. Bei einigen Anleihen kann selbst per Gesetz keine vollständige Beteiligung erzwungen werden.

          Droht den Banken zusätzlicher Abschreibungsbedarf?

          Ja. Sie verzichten auf 53,5 Prozent des Nennwerts der Forderung. Aber der tatsächliche Verlust ist größer. Denn sie erhalten griechische Staatsanleihen, deren jährliche Verzinsung im Durchschnitt 3,65 Prozent beträgt. Das ist viel weniger als die aktuelle Risikoprämie Griechenlands, die sich in einem Marktzins von bis zu 30 Prozent ausdrückt. Deshalb müssen die Banken die neuen Anleihen auf den Barwert abschreiben. Dieser wird auf Basis des Marktzinses abgezinst. Bei einem Marktzins von etwa 13 Prozent müssen die Banken rund 75 Prozent ihrer Forderungen abschreiben.

          Was droht Gläubigern, die den Anleihetausch abgelehnt haben?

          Der größte Teil der privaten Gläubiger wird über die von der griechischen Regierung eingeführten Zwangsklauseln gezwungen. Davon sind die nach griechischem Recht begebenen Anleihen betroffen, auf die 86 Prozent der von privaten Gläubigern gehaltenen Titel entfallen. Auf Basis des Nennwerts beläuft sich das Volumen auf 206 Milliarden Euro. Die restlichen 29 Milliarden Euro sind Anleihen, die nach britischem Recht begeben worden sind. Hier haben private Anleger 20 Milliarden Euro angedient. Die noch unwilligen Gläubiger können bis zum 23. März entscheiden.

          Lehnen sie weiter ab, droht die griechische Regierung mit einem Komplettausfall. Diese Gläubiger haben keinen Anspruch, für ihre restliche Forderung kurzfristige Anleihen des Euro-Stabilisierungsfonds EFSF sowie neue griechische Titel zu erhalten. Private Anleger sind von ihrer Depotbank wegen des Anleihetausches angeschrieben worden. Sie sollten sich bei Fragen an diese wenden.

          Können Privatanleger gegen den Schuldenschnitt klagen?

          Anlegerschützer haben bereits Schadensersatzklagen gegen deutsche Banken und den griechischen Staat angekündigt. Die ersten Aussagen dazu kamen am Montag von einer Hamburger Kanzlei: Diese beruft sich vor allem darauf, die Betroffenen seien falsch beraten worden, weil man angeblich das Risiko des Totalverlusts verschwiegen hat. Außerdem pochen die Advokaten auf ein völkerrechtliches Abkommen zum Investitionsschutz, das Enteignungen verbietet. Dafür wäre ein Schiedsgericht zuständig. In den meisten Fällen müssten Forderungen aber vor der staatlichen Justiz in London, Washington oder Athen geltend gemacht werden, räumen die Juristen ein.

          Welche Erfolgsaussichten haben solche Prozesse?

          Bei Klagen wegen Falschberatung in Deutschland kommt es auf den Einzelfall an – und auf die Beweislage. Am ehesten könnte der Gang vor ein Schiedsgericht etwas bringen. Der stünde auch Privatleuten offen. Die von Hedgefonds angedrohten Klagen vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) dürften dagegen kaum Chancen bieten, weil die Menschenrechtskonvention das Eigentum weniger stark schützt als das deutsche Grundgesetz. Eine Anrufung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), wie sie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) propagiert, ist allenfalls über den Umweg über nationale Gerichte möglich und würde Jahre dauern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.