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Green Bonds : Banken ringen um Kriterien für Öko-Anleihen

Atomkraft oder Idylle - was genau ist grün, im Sinne der „Green Bonds“? Bild: dpa

Öko-Anleihen, so genannte „Green Bonds“, sind ein Wachstumsmarkt. Aber was ist eigentlich grün? Das Atomkraftwerk, weil es kein Kohlendioxid ausstößt?

          3 Min.

          In deutschen Banken haben sich einige die Augen gerieben, als der französische Energiekonzern EDF die Emission von Öko-Anleihen angekündigt hat. Dass einer der größten Betreiber von Atomkraftwerken sogenannte Green Bonds begibt, ist in Deutschland unvorstellbar. Denn der Erlös muss dem Umwelt- und Klimaschutz dienen. „Während Kernenergie in Frankreich als umweltverträglich gilt, wird sie in Deutschland wegen der Gefahren für Umwelt und Leben abgelehnt“, sagt Stephanie Sfakianos, die bei der französischen Bank BNP Paribas für nachhaltige Kapitalanlagen verantwortlich ist. Sie spricht damit ein zentrales Problem der Green Bonds an, von denen inzwischen mehr als 100 Milliarden Euro im Umlauf sind: Wie die darüber aufgenommenen Mittel verwendet werden, ist Auslegungssache.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dem Thema werden sich am kommenden Donnerstag Banken und Investoren unter dem Dach der International Capital Markets Association (ICMA) beschäftigen. Es gibt schon Grundsätze, die Green Bond Principles. Diese sollen nun verfeinert werden, aber in den Banken befürchten viele, dass ein Berichtswesen entsteht, wodurch die Emission solcher Öko-Anleihen teurer wird und sich für viele Emittenten nicht mehr rechnen kann. Auf beiden Seiten ist die deutsche Förderbank KfW vertreten. Sie ist wie so viele staatliche Institute ein wichtiger Emittent von grünen Anleihen, hat sich aber gleichzeitig dazu verpflichtet, diesen Markt durch die Investition von 1 Milliarde Euro zu fördern. Die gleiche Summe will die Deutsche Bank in Green Bonds anlegen.

          Vor jeder Anlage in diese Titel prüft die KfW nach Angaben eines Sprechers das Green-Bond-Rahmenwerk des Emittenten. Die Einhaltung der Grundsätze sei wesentliche Voraussetzung, weil dadurch ein Mindestmaß an Transparenz gewährt werde. Darüber hinaus erwartet die KfW, dass die Emittenten ihr Drittgutachten zu Verfügung stellen. Schließlich misst sie nach der Emission regelmäßigen Berichten über die Mittelverwendung eine große Bedeutung zu. „Die Investoren können abschließend erst anhand der Berichte prüfen, ob die Emissionserlöse tatsächlich in die angestrebten Projekte oder Projektkategorien geflossen sind und ob die Umweltziele erreicht wurden“, erklärt der KfW-Sprecher.

          Furcht vor zu strengen Vorgaben

          Doch hier melden einige Banken Bedenken an. „Für die Unternehmen stellen die regelmäßigen Berichte zur Mittelverwendung aus der Emission einen zusätzlichen Aufwand dar“, sagt Marc Müller, der bei der Deutschen Bank das deutsche Geschäft mit Unternehmensanleihen verantwortet. Ingo Nolden, der bei HSBC Trinkaus das Geschäft mit Unternehmensanleihen leitet, warnt: „Durch zu strenge Vorgaben kann der gerade ins Laufen kommende Motor abgewürgt werden.“ Sein Haus setzt hier auf Transparenz zwischen allen Beteiligten. Bei den Green Bonds müssten die Investoren entscheiden, in welche Titel und damit in welche Formen der Nachhaltigkeit sie investieren. „Ich kann mir vorstellen, dass sich über die Zeit einheitliche Standards etablieren werden“, sagt Nolden.

          Ähnlich sieht es Müller: „Mit der zunehmenden Marktreife werden auch die Standards für Green Bonds einheitlicher.“ Schon jetzt werden seiner Ansicht nach mit diesen Instrumenten verstärkt erneuerbare Energien und Energieeffizienz finanziert, also zentrale Themen adressiert. Beide, Müller und Nolden, sind überzeugt, dass eine Lösung über den Markt besser ist als eine erzwungene. Investoren, die an der Mittelverwendung zweifeln, werden solche Emittenten meiden.

          Doch für Sfakianos von BNP Paribas stellen die variierenden Definitionen ein Problem dar. „Darüber, was eine ,grüne Kapitalanlage‘ ist, herrscht kein allgemeiner Konsens.“ Sie nennt als weiteres Beispiel für den Interpretationsspielraum ein Gaskraftwerk, das zwar Kohlendioxidemissionen reduziert, aber mit Erdgas einen fossilen Energieträger benötigt. Für sie steht fest: „Klare und verbindliche Definitionen sind notwendig.“ Denen kommt die KfW als Emittentin nach. Sie legt großen Wert auf eine transparente Vorgehensweise, so wie sie es auch als Investorin erwartet. Dazu zählen regelmäßige und öffentliche Berichte über die Mittelverwendung, aber auch die Einschaltung externer Institute. So ermittelt das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung die Umweltauswirkungen des zugrundeliegenden Kreditprogramms. Das im Bereich Umwelt- und Klimaforschung tätige Institut Cicero, das zu den wichtigsten Prüfern von Green Bonds zählt, stellt ein Zertifikat aus. Demnach sind die Öko-Anleihen der KfW sogar „dark green“, also „tiefgrün“.

          Nachhaltigkeit wird wichtiger

          Mit den Green Bonds wollten die Banken auch den Problemen begegnen, die mit den Klimaschutzanleihen aufgetreten sind. Diese Titel, von denen mit 470 Milliarden Euro mehr als vier Mal so viel im Umlauf sind, weisen noch weniger Standards auf als die Green Bonds. Diese werden nach Ansicht von Sfakianos in den kommenden zehn Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen, weil die Auswirkungen des Klimawandels in Kombination mit der Zunahme der Weltbevölkerung ein immer schwerwiegenderes Problem werden. „Green Bonds ermöglichen privaten Investoren, ihr Kapital für sich arbeiten zu lassen und gleichzeitig etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen“, wirbt die BNP-Paribas-Fachfrau. Sie ist überzeugt, dass in Zukunft das Thema Nachhaltigkeit alle Geschäftspläne entscheidend beeinflussen wird. „Ich erwarte, dass Nachhaltigkeitsprinzipien in zehn Jahren einem Drittel aller Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern in irgendeiner Form zugrunde liegen werden“, lautet ihre Prognose.

          Auch Müller von der Deutschen Bank ist zuversichtlich, dass die Finanzierung über Green Bonds für Unternehmen immer interessanter wird. „Sie können sich neue Investorengruppen erschließen und attraktive Finanzierungskonditionen erzielen.“ Die Anlagepools für Nachhaltigkeit und Umweltschutz würden wachsen, auch Investoren öffneten sich.

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