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Grauer Kapitalmarkt : Zweifel an der Stabilität von Chinas Schattenbanken

Beinahe gestürzt: Der China Credit Trust stand kurz vor der Pleite und wurde dann doch noch aufgefangen Bild: picture alliance / dpa

Der chinesische Staat verhindert in letzter Sekunde den Ausfall eines Fonds. Das Ausmaß der Probleme im riesigen Schattenbankensystem bleibt im Dunkeln.

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          In Peking ist die Zahlungsunfähigkeit einer privaten Anlagegesellschaft in letzter Minute abgewendet worden. Nach Ansicht von Bankfachleuten illustriert die Beinahe-Pleite die Gefahren am grauen Kapitalmarkt – könnte im besten Falle aber auch das Risikobewusstsein der Anleger schärfen. Lokalen Medien zufolge haben die Gläubiger des in Not geratenen Finanzprodukts „Credit Equals Gold No. 1“ kurz vor Fälligkeit das Angebot eines ungenannten Investors erhalten, die Anlagen zu übernehmen. Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um ein mehrheitlich staatliches Konsortium unter Einschluss der beteiligten Bank ICBC und der Provinz Shanxi, in welcher der Schuldner ansässig ist, ein privates Kohleunternehmen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auf dem Papier sei das Engagement zwar gerettet worden, sagt Stephen Green, Chefökonom für China bei der Bank Standard Chartered in Hongkong. „De facto aber ist die Investition ausgefallen.“ Obgleich die Privatkunden letztlich gerettet worden seien, steige jetzt das Bewusstsein für das Risiko solcher Produkte. „Das ist eine gute Sache: Es wird die Finanzierungskosten der Investmentgesellschaften in die Höhe treiben und das Volumen der von ihnen verwalteten Vermögenswerte senken.“

          Andere Fachleute sind weniger optimistisch. „Kurzfristig ist die Beilegung ein Sieg für die staatlichen Stellen, die Angst vor einer Ansteckung der Märkte hatten“, sagt Mark Williams, Chefökonom für Asien bei Capital Economics in London. „Aber manchmal wären kleine Zahlungsausfälle von riskanten, hochverzinsten Produkten wie diesem besser, als wenn sich über längere Zeit überfällige Forderungen auftürmen, weil sich die Investoren kaum um Kreditrisiken scheren.“ Williams weist auf die enorme Bedeutung des Schattenbankenwesens hin, zu dem das in Rede stehende Treuhandprodukt (Trust) gehöre: Der graue Kapitalmarkt trage mittlerweile fast so viel zum Kreditwachstum in China bei wie die offiziellen Bankdarlehen.

          „Kredit gleicht Gold“

          Über die Definition und den Umfang herrscht allerdings Uneinigkeit. Korrekterweise müsste man von „Geschäften außerhalb der Bankbilanzen“ sprechen. Denn die meisten Engagements werden nicht von obskuren Finanzeinrichtungen vermittelt, sondern von den staatlichen Geschäftsbanken. Nur dass sie eben nicht in den Büchern auftauchen, so dass die Geldhäuser weder dafür haften, noch die Ausleihungen mit Eigenkapital unterlegen müssen. Gemäß der Zentralbank PBOC zur Gesamtfinanzierung in der Gesellschaft (TSF) wurden über solche Produkte 2013 rund 5,2 Billionen Yuan oder 618 Milliarden Euro neu aufgenommen. Der Anstieg zum Vorjahr betrug 43 Prozent, so dass sie mittlerweile 30 Prozent des Neukreditvolumens ausmachen; 2012 waren es 23 Prozent.

          Die Akademie für Sozialwissenschaften CASS, die wichtigste staatliche Denkfabrik, schätzt das aufgelaufene Gesamtvolumen der Schattenkredite auf 20,5 Billionen Yuan (2,5 Billionen Euro). Das wären 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Die Bankenaufsicht CBRC spricht von 22 Billionen Yuan (2,6 Billionen Euro), andere Schätzungen reichen bis zu 4,4 Billionen Euro. Nach Angaben des Verbands der Trust-Unternehmen beliefen sich allein die Vermögenswerte seiner Mitglieder zuletzt auf 10,1 Billionen Yuan oder 1,2 Billionen Euro. In stark verschuldeten Körperschaften wie der Stadtprovinz Chongqing macht die Schattenfinanzierung nach Auskunft des dortigen Bürgermeisters inzwischen gut die Hälfte der Gesamtfinanzierung in der Gesellschaft aus.

          Der jetzt in Schieflage geratene Fonds, der übersetzt „Kredit gleicht Gold“ heißt, war von der Vermögensanlagegesellschaft China Credit Trust Co. Ltd. 2010 aufgelegt worden, um das Unternehmen Shanxi Zhenfu Energy zu finanzieren. Die Anleger lockte man mit einem Renditeversprechen von 10 Prozent; für einjährige Bankeinlagen gibt es nur etwas mehr als 3 Prozent. Doch 2012 wurde der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Kohleminenbetreibers wegen des Vorwurfs der illegalen Finanzmittelbeschaffung festgenommen. Die Krise verschärfte sich, als der Kohlepreis verfiel und neue Abbaulizenzen auf sich warten ließen.

          Kein Einzelfall

          Zuletzt zahlte der Trust Mitte Januar dieses Jahres 670 Millionen Yuan zurück. Er teilte aber zugleich mit, die zum Monatsende fälligen 3,3 Milliarden Yuan (400 Millionen Euro) nicht aufbringen zu können. Vertrieben hatte den Fonds die ICBC, die größte Bank der Welt, und zwar an 700 vermögende Privatanleger. Als die drohende Insolvenz bekanntwurde, lehnte das Institut jede Verantwortung ab und verwies darauf, dass die Anleger gemäß den Vertragsbedingungen selbst für den Ausfall hafteten. Daraufhin zogen aufgebrachte Investoren protestierend vor eine Bankniederlassung. Auch wurden die Aktienmärkte und die Öffentlichkeit unruhig, dass in China möglicherweise eine Welle von Zahlungsausfällen drohen könnte. Um eine Panik zu vermeiden, sahen sich die Verantwortlichen jetzt offenbar veranlasst, einzugreifen.

          Das Unternehmen China Credit Trust ist eines von etwa 60 solcher Gesellschaften in China, und es ist nicht das erste in Not. Stephen Green von Standard Chartered zufolge sind 2013 zehn bis zwanzig Trust-Fonds insolvent gegangen. Anleger hätten zwar Einbußen oder Verzögerungen bei der Rückzahlung hinnehmen müssen, es sei aber nicht zu einer „Systemschmelze“ gekommen. Deshalb drohe dergleichen auch diesmal nicht. Andere Analysten fürchten aber, dass die implizierte Staatsgarantie gegen Ausfälle, die sich im Falle des China Credit Trust zeigt, noch mehr Geld in zweifelhafte Anlagen lenken und so die Verwerfungen verschärfen könnte. „Das verstärkt das Problem des ,Moral Hazard‘ und macht es fast risikolos, Geld in Trusts, Vermögensverwaltungsprodukte oder andere Formen des Schattenbankenwesens zu stecken“, kritisierte Zhang Jian von BOC International Holdings in Peking gegenüber der Finanzagentur Bloomberg.

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