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Graue Geschäfte : Warnungen vor Crowdfunding

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Die britische Finanzaufsichtsbehörde FSA hält Finanzierungen über das Internet für hochriskant. Schwarmfinanzierer gibt es auch in Deutschland

          Die britische Finanzaufsicht Financial Services Authority (FSA) hat Anleger davor gewarnt, sich blauäugig an Crowdfunding, an Finanzierungen über das Internet, zu beteiligen. „Viele Möglichkeiten zum Crowdfunding sind hochriskant, sehr komplex, bieten keine garantierte Rendite, nur selten Dividenden, und wenn überhaupt, dauert es sehr lange, bis Investoren einen Erfolg sehen“, bemängelt die FSA.

          Ohne Kontrolle

          „Es ist eine sehr illiquide Anlageform, wofür es keinen Sekundärmarkt gibt.“ Nahezu keine Internetseite im Crowdfunding unterläge irgendeiner Kontrolle, wie das Geld verwaltet wird. „Denken Sie daran, dass Sie in diesen Fällen nicht dem Anlegerschutz unterliegen“, warnt die Aufsichtsbehörde.

          Bei Crowdfunding werden Menschen, die Geld für Projekte suchen, über das Internet mit Geldgebern zusammengebracht. In den vergangenen Jahren hat sich diese Idee, die aus den Vereinigten Staaten kommt, auf die Finanzierung von jungen Unternehmen oder Gründern über viele Kleinanleger ausgedehnt.

          Unter dem Radar

          Auch in Europa wird Crowdfunding populär. 37 Plattformen allein in Kontinentaleuropa greifen die Banken aus dem Internet in den verschiedensten Bereichen an, vom Zahlungsverkehr bis zu Crowdfinance, hat das Core Institute in Berlin in einer Studie gezählt. So haben sich in Deutschland Anbieter wie Smava oder Seedmatch etabliert. Auch stehen weitere Unternehmensfinanzierer wie Bergfürst oder Best BC vor dem Start.

          In Deutschland unterliegen öffentliche Geldangebote der Prospektpflicht: Ein Wertpapierprospekt muss über alle Risiken informieren und von der deutschen Finanzaufsicht Bafin genehmigt werden. Diese Regel greift nicht bei öffentlichen Angeboten unter 100.000 Euro. Dies machen sich Schwarmfinanzierer zunutze und bleiben meist unter der Grenze. Bergfürst dagegen hat eine Bafin-Lizenz beantragt und peilt Eigenkapitalfinanzierungen zwischen 2 und 5 Millionen Euro an.

          Geld gegen Beteiligung

          Die FSA in London hat dem ersten britischen Schwarmfinanzierer, Seedrs, die Zulassung erteilt. Jeff Lynn, Anwalt und Vorstandsvorsitzender von Seedrs, ist über die ersten Erfolge der Website begeistert. Schon im ersten Monat hätten sich drei Jungunternehmen darüber Kapital beschafft und ihre Ziele erreicht: Der Technologie-Start-Up Digital Spin nahm über das Crowdfunding von Seedrs 60.000 Pfund (gut 76.000 Euro) auf. Die Investoren erhielten dafür eine Kapitalbeteiligung von 15 Prozent an dem Unternehmen.

          Gleichzeitig verschafften sich mehrere Lehrer über Seedrs 30.000 Pfund, um eine Gesellschaft zu gründen, die Lehrpersonal die Auswahl didaktisch passender Computerspiele für Schüler auswählen lässt. Den Kleinanlegern wurde eine Beteiligung von 8 Prozent eingeräumt. Das dritte Unternehmen, Satago, hilft Geschäftsleuten, das Zahlverhalten ihrer Kunden besser einzuschätzen. Auch hier erhielten die Anleger über Seedrs gemeinsam eine Beteiligung von 14 Prozent.

          Pochen auf Prüfungen

          Seedrs ist das Paradebeispiel in Großbritannien für Crowdfinancing. Lynn ist daran interessiert, dass sein Geschäft korrekt und legal abläuft, und er sagt, gerade deshalb habe er die Genehmigung der FSA erhalten. Bevor Seedrs Jungunternehmer auf der Internetseite akzeptiert, führt Seedrs eine Unternehmensprüfung durch.

          Diese soll verhindern, dass die Struktur des Jungunternehmens nicht stimmig ist und dass Investoren über versteckte Konstruktionen später böse Überraschungen erleben. Außerdem werden die Geschäftspläne geprüft. Während der Investitionsdauer kontrolliert Seedrs die Beziehung zwischen Investoren und Unternehmern. All dies ist weitgehend Standard in der Welt des Crowdfunding.

          Nur für erfahrene Anleger

          Für erfahrene Investoren könne Crowdfinancing eine interessante Beimischung für ein diversifiziertes Portfolio bedeuten, räumt die FSA allerdings ein. Lynn zielt nach eigener Aussage auf Anleger ab, die Erfahrung in der Finanzwelt haben, also auf ausgebildete, wirtschaftlich kenntnisreiche Privatleute und Unternehmer, aber nicht auf die Masse der Hausfrauen, auf die zum Beispiel Crowdfinancing in den Vereinigten Staaten abzielt. Dort wurde im April ein Gesetzesvorschlag eingebracht, um diese neue Form der Anlage und der Kapitalbeschaffung zu regulieren.

          Zwei Jahre hätte es gebraucht, um Seedrs mit den britischen und europäischen Finanzvorschriften in Einklang zu bringen, und die FSA habe ein Jahr benötigt, um die Genehmigung zu erteilen, sagt Lynn. Jetzt hoffe er, mit Seedr in Europa - und letztlich auch den Vereinigten Staaten - expandieren zu können.

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