https://www.faz.net/-gv6-8pe7s

Finanzmärkte : „Es gibt starke Argumente für eine weiterhin expansive EZB-Politik“

„Es gibt starke Argumente für eine weiterhin expansive Geldpolitik“, sagt Goldman Sachs-Chefökonom Jan Hatzius. Bild: Tobias Everke

Der Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs erwartet - anders als viele Marktteilnehmer - höhere Leitzinsen in den Vereinigten Staaten und ist optimistisch für die amerikanische Wirtschaft.

          2 Min.

          Während an den Finanzmärkten die Ansicht verbreitet ist, dass die Fed ihren Leitzins im laufenden Jahr zwei Mal erhöhen werde, erwartet Goldman Sachs-Chefökonom Jan Hatzius drei Erhöhungen des Leitzinses. In ein paar Jahren könne der Leitzins dann sogar rund 3,5 Prozent erreichen, sagte Hatzius auf dem jährlichen Finanzmarktausblick der Bank in Frankfurt.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          „In den Vereinigten Staaten herrscht nahezu Vollbeschäftigung“, sagte Hatzius zur Begründung. „Und die Löhne beginnen zu steigen.“ In den ersten Monaten des Jahres sollte die amerikanische Wirtschaft noch von günstigen Bedingungen an den Finanzmärkten profitieren. Im Verlauf des Jahres sollte dann eine expansivere Finanzpolitik Impulse für das Wirtschaftswachstum aussenden. Goldman Sachs geht zwar nicht davon aus, dass der künftige Präsident Donald Trump seine Ankündigungen aus dem Wahlkampf vollständig umsetzen könne, da konservativ gesinnte Republikaner im Senat dies ablehnen dürften. Aber es sei eine Finanzpolitik zu erwarten, als deren Folge sowohl die Rate des Wirtschaftswachstums als auch die Inflationsrate um ein paar Prozentpunkte hinter dem Komma zulegen dürften. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen erwartet Hatzius am Jahresende bei 3 Prozent.

          So weit ist die Eurozone aus der Sicht des Ökonomen noch lange nicht. „Wenn man auf den Konjunkturzyklus schaut, befindet sich die Eurozone heute, wo die Vereinigten Staaten vor drei Jahren waren“, sagte Hatzius, der daraus den Schluss ableitet: „Es gibt starke Argumente für eine weiterhin expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).“ Hatzius erwartet erst für das Jahr 2018 eine Senkung der monatlichen Anleihekäufe unter das ab April gültige Volumen von 60 Milliarden Euro. Eine Erhöhung des Leitzinses sieht er nicht vor dem Jahr 2019. Die von manchen Bankökonomen in Deutschland vertretene These, die Geldpolitik der EZB habe keine positiven gesamtwirtschaftlichen Wirkungen, bestreitet Hatzius, der als junger Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft tätig war: „Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht funktioniert die Geldpolitik.

          Die Dollar-„Parität“ für einen Euro dürfte 2017 Realität werden

          Huw Pill, Chefökonom Europa von Goldman Sachs, erwartet für Europa im laufenden Jahr die Fortsetzung eines „bescheidenen Aufschwungs“; allerdings habe die Unterstützung des Wirtschaftswachstums durch die Abwertung des Euros und fallende Rohstoffpreise nachgelassen. Ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum in der Eurozone hänge fast ausschließlich von einer Lockerung der Finanzpolitik ab und damit indirekt vom Anleihekaufprogramm der EZB. Als einen Belastungsfaktor für das Wirtschaftswachstum in Europa nannte Pill politische Unsicherheit.

          Die unterschiedliche geldpolitische Ausrichtung auf beiden Seiten des Atlantiks sollte ihre Wirkung auf den Wechselkurs nicht verfehlen. Bis Ende des Jahres dürfte ungefähr die sogenannte „Parität“ von einem Dollar für einen Euro erreicht werden; und 2018 sei ein Fall des Wechselkurses unter die Parität zu erwarten, prognostizierte Hatzius. Erwartete Zinsdifferenzen spielten für den Wechselkurs eine wichtige Rolle, sagte der Ökonom.

          „Alle Vermögenspreise sind gegenwärtig hoch“, sagte der Leiter der globalen Aktienanalyse von Goldman Sachs, Peter Oppenheimer, auf der Frankfurter Konferenz. „Die hohen Bewertungen gehen mit der Gefahr niedriger Renditen im laufenden Jahr einher.“ Auf der Empfehlungsliste der Bank stehen dennoch neben liquiden Anlagen auch Aktien und Rohstoffe. „Amerikanische Aktien sind in historischer Betrachtung hoch bewertet, aber sie bewegen sich nicht auf absoluten Höchstständen“, sagte Oppenheimer.

          Für Anleihen ist Oppenheimer nicht optimistisch, da Kursverluste zu erwarten seien, falls wie erwartet die Renditen weiter zulegen sollten. Auf dem Aktienmarkt sehe er eine Neuorientierung, weil die Marktteilnehmer weniger auf die Geldpolitik achteten, sondern die Annahme einer Belebung der Weltkonjunktur und daher steigender Unternehmensgewinne. Diese Annahme sei in den aktuellen Aktienkursen aber schon weitgehend enthalten.

          Weitere Themen

          Das Finale im Rat der EZB

          FAZ Plus Artikel: Geldpolitik : Das Finale im Rat der EZB

          Die Inflation steigt und steigt. Am 16. Dezember will die Europäische Zentralbank die Weichen für ihre künftige Geldpolitik stellen. Für Bundesbankpräsident Weidmann wird es die letzte Sitzung in seiner Amtszeit. Wird sie zur Zäsur?

          Topmeldungen

          Die menschenleere Marburger Altstadt Ende April kurz vor dem Beginn der nächtlichen Ausgangssperre.

          F.A.Z. Frühdenker : Wann darf der Staat die Bürger einschränken?

          Das Verfassungsgericht entscheidet über die Corona-Bundesnotbremse. Die NATO-Außenminister beraten über Russlands Invasionspläne in der Ukraine. Und die Queen ist nicht mehr Staatsoberhaupt von Barbados. Der F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.