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Girokonten und Sparbücher : Die Deutschen verschenken 2,5 Milliarden Euro

  • -Aktualisiert am

Wenig Interesse an Zinsen und Zahlen: Blick in ein deutsches Sparbuch Bild: Frank Röth

200 Milliarden Euro lassen Bankkunden meist unverzinst auf ihren Girokonten liegen. Dabei brächten sie auf einem Tagesgeldkonto Zinsen. Das Risiko der Geldanlage bleibt dabei unverändert.

          Die Deutschen verschenken 2,5 Milliarden Euro Zinsen im Jahr. Die Mehreinnahmen kämen zustande, wenn sie Guthaben auf Girokonten und klassischen Sparbüchern – ohne jedes Risiko – auf ein Tagesgeldkonto übertragen würden. Dies ergeben Berechnungen des unabhängigen Finanzexperten Udo Keßler in Düsseldorf. Demnach könnten Arbeitnehmer, Auszubildende, Beamte, Rentner, Pensionäre und Hausfrauen statt 845 Millionen Euro Zinsen jährlich vier Mal mehr Zinsen – nämlich 3,3 Milliarden Euro – einstreichen.

          Girokonten sind ein denkbar ungünstiger Parkplatz für Guthaben, auf die ein Bankkunde nicht unmittelbar zurückgreifen muss. Nur etwa jede dritte Bank schreibt den Kunden Zinsen auf ihrem Girokonto gut. Dies ergibt eine Abfrage der FMH Finanzberatung Max Herbst. Und selbst bei Banken, die für jedes Guthaben einen Zins gewähren, liegt er nur selten über 0,5 Prozent. Da die meisten Banken keinen Zins zahlen, ergibt sich ein bundesweiter Durchschnittszins von 0,1 Prozent.

          Durch Einlagensicherung gedeckt

          Obwohl Girokonten für Sparer ein schlechtes Geschäft sind, haben unselbständige und sonstige Privatpersonen dort rund 200 Milliarden Euro liegen, ergab eine Umfrage von Keßler und der FMH Finanzberatung Max Herbst unter den Banken in Deutschland. Demnach machen täglich fällige Guthaben auf privaten Girokonten rund 35 Prozent der Sichteinlagen aus. Auf 567 Milliarden Euro belaufen sich laut Statistik der Bundesbank die Sichteinlagen der unselbständigen und sonstigen Privatpersonen (siehe Grafik). In dieser Zahl sind die täglich fälligen Guthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten enthalten. Da rund 35 Prozent davon auf privaten Girokonten liegen, leitet sich hieraus ein Betrag von 198,6 Milliarden Euro ab.

          Durch eine Überweisung des Betrags auf ein durchschnittlich verzinstes Tagesgeldkonto könnten Private Bankkunden leicht zusätzliche Zinseinnahmen in Milliardenhöhe erzielen. Die Rechnung: 1,12 Prozent zahlt das Kreditgewerbe laut FMH-Erhebung im Durchschnitt auf Tagesgeldkonten. Somit wären dies rund 2,2 Milliarden Euro Zinsen im Jahr. Auf Girokonten schreiben Banken im Durchschnitt 0,13 Prozent gut. Das sind etwa 258 Millionen Euro. Daraus ergibt sich ein Zinsvorteil von knapp 2 Milliarden Euro. Wählten die Kunden eine Bank mit einem hohen Tagesgeldsatz von 2 Prozent, läge die jährliche Mehreinnahme sogar bei 3,7 Milliarden Euro.

          Das Risiko der Geldanlage verändert sich für den Bankkunden noch nicht einmal. Denn Tagesgeld ist genauso täglich verfügbar wie Guthaben auf dem Girokonto. Und selbst im Insolvenzfall der Bank verändert sich der Status des Kunden als Gläubiger der Bank nicht. Sowohl Guthaben auf dem Girokonto wie auch Tagesgeld sind in diesem Fall durch die Einlagensicherung gedeckt.

          Eine zusätzliche Zinseinnahme ergäbe sich, wenn die Deutschen ihr Geld von klassischen Sparbüchern mit dreimonatiger Kündigungsfrist auf ein Tagesgeldkonto überwiesen. Denn laut FMH verzinsen die Banken Sparbücher mit durchschnittlich 0,59 Prozent. 99,5 Milliarden Euro haben Inländer laut Bundesbank auf Sparbüchern angelegt. Folglich überweisen die Banken ihren Sparbuch-Sparern rund 587 Millionen Euro. Eine Überweisung auf ein durchschnittlich verzinstes Tagesgeldkonto brächte fast doppelt so viel: 1,1 Milliarden Euro. Damit verschenken die deutschen Sparer Zinseinnahmen von 527 Millionen Euro im Jahr.

          Finanziellen Puffer einplanen

          Beim Sparbuch verzichtet der Sparer zudem auf eine Flexibilität, wie sie bei Tagesgeld Standard ist. Unabhängig vom angelegten Betrag kann er täglich über die gesamte Summe verfügen, während er von seinem Sparbuch nur maximal 2000 Euro je Kalendermonat abheben darf. Höhere Beträge muss er drei Monate im Voraus kündigen, wenn er den Vorschusszinsen entgehen will, die das Kreditinstitut ihm ansonsten in Rechnung stellt.

          Insgesamt lassen sich Deutsche auf ihren Girokonten Zinsgutschriften von 1,97 Milliarden Euro im Jahr entgehen und auf ihren Sparbüchern weitere 527 Millionen Euro – das macht 2,49 Milliarden Euro. Selbstverständlich ist dies eine Schätzung, die mit Unschärfen versehen ist. Doch die Studie aus Düsseldorf zeigt, dass die Deutschen mit wenig Aufwand mehr aus ihrem Geld herausholen könnten. Dennoch wäre es verkehrt, zu Monatsanfang das Girokonto abzuräumen und das gesamte Guthaben auf ein Tagesgeldkonto zu überweisen. Viele Rechnungen werden im Laufe des Monats fällig, und auch die Raten für Kredite werden in der Regel zur Monatsmitte abgebucht.

          Zudem ist es sinnvoll, einen finanziellen Puffer für unvorhergesehene Ausgaben einzuplanen. Denn noch unvorteilhafter als verschenkte Guthabenzinsen auf dem Girokonto sind Dispo- und Überziehungszinsen. Für genehmigte Überziehungen zahlen Bankkunden derzeit laut FMH im Durchschnitt 11,3 Prozent Sollzinsen, für ungenehmigte deutlich mehr.

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