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Gesundheitswesen : Teuerung trifft Gesetzliche und Private

Technischer Fortschritt kostet: PKV und GKV leiden gleichermaßen Bild: Cornelia Sick

Wo steigen die Preise am schnellsten, in der privaten oder der gesetzlichen Krankenversicherung? Fachleute führen einen bizarren Streit über die richtige Berechnung.

          2 Min.

          Teurer wird es für alle. Sowohl für Kunden der privaten Krankenversicherer als auch für Mitglieder der Krankenkassen steigen die Kosten seit Jahren. Doch um wie viel genau? Darüber streiten die Versicherungsmathematiker. Die Beitragserhöhungen für Privatversicherte fallen einer neuen Studie zufolge nur geringfügig stärker aus als die für gesetzlich Versicherte. In den zwölf Jahren bis 2009 hätten sie mit 3,3 Prozent jährlich um 0,2 Prozentpunkte höher gelegen, geht aus einer Untersuchung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) hervor. „Die Preissteigerungen im Gesundheitswesen sind erheblich, aber sie treffen beide Systeme“, sagte Christian Hofer, Mitglied des Vorstands des DAV-Krankenversicherungsausschusses. Er widersprach damit dem Ergebnis einer Studie des unabhängigen IGES-Instituts, das mit 3,9 Prozent in der PKV deutlich höhere Steigerungen als in der GKV ermittelt hatte, wo die Rate nur 2,4 Prozent betragen habe.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die DAV, eine Vereinigung der Versicherungsmathematiker, führt die unterschiedlichen Ergebnisse auf methodische Fehler des IGES zurück. Dort sei nicht berücksichtigt worden, dass in der GKV im Untersuchungszeitraum Leistungen erheblich eingeschränkt wurden. Anders als die gesetzlichen Kassen dürfen die privaten Versicherer allerdings ihre einmal versprochenen Leistungen nicht zurückfahren und können Preissteigerungen nur über Beitragserhöhungen auffangen.

          Für ihre Analyse hat die DAV deshalb die Leistungskürzungen um einmalig 5,7 Milliarden Euro auf die Verträge umgerechnet und zudem den 2004 eingeführten Bundeszuschuss aus Steuermitteln an die GKV berücksichtigt. Dieser hat beispielsweise im Jahr 2006 4,2 Milliarden Euro betragen. Auch die Beitragsentwicklung in der PKV wurde anders bewertet als in der IGES-Studie. So wurde der vor elf Jahren eingeführte Zuschlag von 10 Prozent auf den Beitrag berücksichtigt, den der Gesetzgeber verlangte, um überproportionale Beitragsanpassungen im Alter zu vermeiden. Als besonders auffällig stellen die Studienautoren die Entwicklung in den vergangenen drei Jahren dar. Habe es in der PKV ein vergleichsweise moderates Prämienwachstum gegeben, seien die Beiträge in der GKV in wachsendem Tempo gestiegen (siehe Grafik) gestiegen.

          Bild: F.A.Z.

          Keine überproportionalen Steigerungen

          Das IGES verteidigte sein Vorgehen. „Wir haben selbst offengelegt, dass das Datenmaterial nur eingeschränkte Aussagen zulässt“, sagt Mitautorin Susanne Hildebrandt, ebenfalls Versicherungsmathematikerin. Zudem sei das Ergebnis, dass Beiträge im Alter stärker stiegen, nicht widerlegt, weil die DAV keinen Vergleich der heutigen Tarife mit denen vor einigen Jahren vorgenommen habe. Die DAV dagegen hat die Entwicklung der Beiträge über die verschiedenen Altersstufen beobachtet und dabei keine überproportionalen Steigerungen für ältere Kunden beobachtet. Vielmehr seien die Beiträge von einem bestimmten Alter an leicht rückläufig gewesen. „Wenn ein 90-Jähriger denselben Beitrag zahlt wie ein 65-Jähriger, dann hat er ja nicht an überproportionalen Beitragssteigerungen teilgenommen“, argumentiert DAV-Mitglied Hofer.

          Seine Argumentation kritisieren allerdings Verbraucherschützer. „Das Ergebnis entspricht nicht den Beobachtungen, die wir seit 30 Jahren machen“, sagte Thorsten Rudnik, Vorstandsmitglied des Bundes der Versicherten. Ältere PKV-Kunden berichteten verzweifelt, dass ihre Beiträge überproportional gestiegen seien und sie keinen Ausweg wüssten. Da sie nicht mehr in die Gesetzliche Krankenversicherung zurückwechseln dürfen, bleibt ihnen meist nur noch der Wechsel in einen PKV-Tarif mit geringerem Leistungsumfang. Einer Umfrage unter 1700 Mitgliedern seines Verbandes entnahm Rudnik die Aussage, dass ein Viertel der Befragten in den vergangenen Jahren jährliche Beitragssteigerungen von mehr als 10 Prozent erlebt hatten. Die DAV-Mathematiker verweisen darauf, dass die PKV durch ihre Alterungsrückstellungen auf die höheren Gesundheitskosten im Alter vorbereitet sei. Dagegen sei die Gesetzliche Krankenversicherung von staatlichen Zuschüssen abhängig.

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