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Genussscheine : Inhaber werden oft leer ausgehen

Bild: Wonge Bergmann

Die jüngsten Schwierigkeiten bei einigen Genussscheinen bedeuten einen weiteren Rückschlag für das ohnehin sterbende Marktsegment. Negativ betroffen sind vor allem Privatanleger.

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          Die in wenigen Monaten fälligen drei börsennotierten Genussscheine der Commerzbank tragen Zinskupons zwischen 6,375 und 7 Prozent im Jahr. Das klingt nach verlockend hohen Zinszahlungen, wenn man diese Genussscheine zum Beispiel mit Bundeswertpapieren vergleicht, die in diesen Laufzeiten derzeit kaum mehr als 2 Prozent abwerfen. Allerdings stehen die Kupons nur noch auf dem Papier.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die teilverstaatlichte Commerzbank, die für 2008 noch 90 Millionen Euro an Genussschein-Inhaber ausgeschüttet hatte, wird für dieses Jahr keine Ausschüttung leisten, ebenso wenig ihre Tochtergesellschaft Eurohypo. Auch viele andere Banken werden auf die vor allem bei Privatanlegern beliebten Genussscheine keine Zinsen zahlen, weil neue Vorschriften der EU-Kommission nach staatlicher Bankenrettung dies verhindern.

          Das Segment trocknet langsam aus

          Genussscheine sind gesetzlich nicht geregelt. Je nach Ausgestaltung haben sie mehr Merkmale von Eigenkapital oder mehr Merkmale von Fremdkapital. Weil die Ausschüttung in der Regel vom Jahresgewinn abhängt und bei einem Jahresverlust die Kapitalrückzahlung herabgesetzt werden kann, zählen Genussscheine nach deutschen Bilanzregeln (HGB) oft zum haftenden Eigenkapital; nach IFRS dagegen - den Regeln, nach denen seit einigen Jahren kapitalmarktorientierte Gesellschaften bilanzieren müssen - zählt Genussschein-Kapital nicht zum hochwertigen Eigenkapital (Kernkapital). Dies liegt daran, dass Genussschein-Kapital dem Unternehmen nicht dauerhaft zur Verfügung steht, sondern dem Anleger zu einem festgelegten Zeitpunkt zurückgezahlt werden muss. Auf das Kernkapital aber achten die Rating-Agenturen in ihrer Beurteilung der Bonität eines Unternehmens besonders.

          Wegen der wachsenden Bedeutung des Kernkapitals nach IFRS sind Genussscheine für Unternehmen weniger attraktiv geworden. Vor allem bei den Hauptemittenten, den Banken, sind sie weitgehend aus der Mode gekommen. In den vergangenen Jahren hat es nach Beobachtung von Hartmut Preiß von der DZ Bank keine große Genussschein-Neuemission mehr gegeben. "Der Markt ist ausgetrocknet. Es kommen keine neuen Genussscheine hinzu, dagegen werden mehr und mehr Genussscheine fällig", sagt Preiß.

          EU-Kommission unterbindet Tricksereien

          Dass viele Banken die eigentlich zugesagten Kupons wegen sich abzeichnender Jahresverluste in diesem Jahr nicht zahlen werden, ist ein weiterer Nackenschlag für den darniederliegenden Genussscheinmarkt. In der Regel setzt eine Ausschüttung auf Genussscheine einen Gewinn nach HGB-Regeln voraus. Die IFRS-Bilanz ist dafür unbedeutend. Weil sie die Anleger nicht verprellen wollten, haben in der Vergangenheit viele nach IFRS verlustreiche Banken eine HGB-Jahresbilanz aufgestellt, darin mit Hilfe von aufgelösten Reserven einen Gewinn geschaffen und eine Ausschüttung vorgenommen. Die EU-Kommission aber duldet das nicht länger bei mit Staatshilfe geretteten Banken.

          Als Auflage für die Genehmigung staatlicher Beihilfen für Banken hat die EU-Kommission vielmehr durchgesetzt, dass diese auch nach erfolgreicher Bilanzkosmetik auf Ausschüttungen verzichten müssen. Die Bayern LB durfte schon für 2008 keine Zinsen auf Genussscheine leisten. Für 2009 werden in Deutschland neben der Commerzbank und der Eurohypo auch die staatlich gestützten Banken Hypo Real Estate, West LB, LBBW und HSH Nordbank ihre Genussscheine und stillen Einlagen nur im unwahrscheinlichen Fall bedienen, dass sie ohne das Heben von Reserven einen Bilanzgewinn erzielen.

          Genussschein-Kapital haftet für Verluste

          Damit ist der Markt für Genussscheine noch uninteressanter geworden. Auch in der Vergangenheit seien die Handelsumsätze schon niedrig gewesen, sobald eine Emission plaziert gewesen sei, erinnert sich DZ-Bank-Analyst Preiß. Inzwischen aber sei der Markt so ausgetrocknet, dass es für Privatanleger sehr riskant sei, über die Börse Genussscheine zu kaufen. Dabei werden für viele Genussscheine inzwischen Preise deutlich unter dem Nennwert und damit dem voraussichtlichen Rückzahlungsbetrag 100 genannt. Der bis zum 31. Dezember laufende Genussschein der Commerzbank zum Beispiel wird mit Kursen zu 77 Prozent gehandelt.

          Das erscheint günstig, zumal die Commerzbank mitgeteilt hatte, sie werde, soweit erforderlich und zulässig, Rücklagen und Sonderposten auflösen, um 2009 zumindest eine schwarze Null nach HGB zu schaffen. Der nur durch Heben von Reserven mögliche Gewinn erlaubt zwar wegen des Vetos der EU anders als in der Vergangenheit keine Ausschüttung. Doch Genussschein-Inhabern der Commerzbank bleibt, anders als im Jahr 2006 den Genussschein-Inhabern der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR), damit wohl das Schlimmste erspart: die Kapitalherabsetzung. Aber Genussschein-Inhaber anderer Banken könnten auch 2009 wieder zu spüren bekommen, dass Genussschein-Kapital Eigenkapital ähnelt und für Verluste haften kann.

          Mit Zitronen gehandelt

          Für 18,2 Milliarden Euro hätte der Bund im Winter die gesamte Commerzbank kaufen können. Der Bankenrettungsfonds Soffin aber entschied sich, den Großteil des Geldes, 16,4 Milliarden Euro, als stille Einlage bereitzustellen und nur 25,1 Prozent des Stammkapitals zu erwerben. Diese Lösung wurde der Öffentlichkeit als kluger Schachzug verkauft: Stille Einlagen zählen für die Commerzbank zum Eigenkapital; der Bund hält sich als stiller Teilhaber im Hintergrund, bekommt aber für seine Einlage ansehnliche 1,5 Milliarden Euro jährlich Zinsen.

          Doch die Rechnung geht nicht auf. Der Bund hat mit Zitronen gehandelt. So wie Genussschein-inhaber für 2009 keine gewinnabhängige Ausschüttung erhalten, wird die Commerzbank auch die stille Einlage des Bundes nicht bedienen. Denn die Bank macht - keineswegs überraschend - in diesem Jahr Verlust. Die Commerzbank darf nach Vorschriften der EU im Verlustfall nichts ausschütten. Das wusste der Soffin, aber er hat dennoch diese Variante zum offenkundigen Schaden des Steuerzahlers gewählt.

          Schlimmer noch: Der Bund ist gerade dabei, mit der West LB denselben Fehler abermals zu begehen. Im Gespräch ist eine stille Einlage für die nach Abspaltung einer West-LB-Bad- Bank übrig bleibende Kernbank in Höhe von rund 2 Milliarden Euro. Besser wäre es, man überließe es den heutigen Eignern der Bank, sie für den Verkauf zu schmücken. Ober glaubt jemand ernsthaft, die West LB werde in den nächsten Jahren so viel Gewinn machen, dass sie von der EU vorgeschriebene 9 Prozent Zinsen auf eine stille Einlage wird zahlen können?

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