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Geldpolitik : Zentralbanken in der Krise

Zentralbanken müssen den Wert des Geldes sichern. Das gelingt nur, wenn sie unabhängig sind. Doch die Unabhängigkeit der Geldpolitik ist bedroht. Nicht von Regierungen. Sondern von privaten Banken.

          Die Führungen der Europäischen Zentralbank und der Bank von England treten an diesem Donnerstag zusammen, um über die geldpolitische Lage zu beraten. Die Leitung des amerikanischen Federal Reserve Board (Fed) folgt in der kommenden Woche. Die allgemeine Erwartung geht dahin, dass die EZB und die Bank von England ihre Leitzinsen nicht verändern werden, während eine Zinssenkung der Fed als höchst wahrscheinlich gilt. Die Frage scheint nur noch, ob die Fed den Leitzins um 25 oder 50 Basispunkte zurücknimmt.

          Selten ist vor Sitzungen der großen Zentralbanken so viel über Zwangslagen der Geldpolitik gesprochen worden. Selbst Führungsmitglieder von Zentralbanken räumen ein, die Entscheidungsfindung sei ungeheuer schwierig. Der Zwiespalt ist leicht zu beschreiben: Die Zentralbanken schicken sich an, Entscheidungen zu treffen, die mit ihrer vornehmsten Aufgabe, der Sicherung der Geldwertstabilität, nicht übereinstimmen. Mit Blick auf die Inflationsgefahren dürfte die Fed ihren Leitzins jetzt nicht weiter senken, und die EZB müsste ihren Zins in dieser Woche erhöhen.

          Vor allem die Großbanken machen Druck

          Beides wird vermutlich nicht geschehen. Denn die Zentralbanken stehen unter erheblichem Druck der Teilnehmer an den Finanzmärkten und hier besonders der großen Banken. Deren Ökonomen und Anlagestrategen verkünden seit Wochen vor allem, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten, angesichts der nicht bewältigten Krise der Banken und der Gefahr eines Einbruchs des Wirtschaftswachstums müssten die Zentralbanken ihre Prioritäten überprüfen und ihre Politik nicht stur an der Inflationsbekämpfung ausrichten. Ein führender Bankmanager am Platz Frankfurt bezeichnete eine eventuelle Leitzinserhöhung der EZB kürzlich als, so wörtlich, „Katastrophe“.

          Es wäre naiv zu glauben, dass die Drohkulissen in den Zentralbanken keinerlei Wirkung hinterließen. Formal unabhängige Geldpolitiker mögen Forderungen von Staats- und Regierungschefs mit leichter Hand zurückweisen. Wenn die Spitzen der großen internationalen Geschäftsbanken für den Fall von Zinserhöhungen schwere Verwerfungen des Finanzsystems in Aussicht stellen, wird selbst der hartgesottenste Geldpolitiker nachdenklich.

          Unter Bankern

          Denn eine Zentralbank ist nicht nur eine politische Institution. Sie ist traditionell auch die „Bank der Banken“, und wenn sie auch aus gutem Grund keine Verantwortung für das Wohlergehen einzelner Geschäftsbanken trägt, so gehört es doch zu ihrer Aufgabe, durch die Bereitstellung einer ausreichenden Menge Geld die Funktionsfähigkeit des gesamten Bankensystems zu sichern. Kein Geldpolitiker will in den Ruf geraten, als Totengräber des internationalen Finanzsystems in die Geschichtsbücher einzugehen.

          Dennoch stellt sich die Frage, ob die Geschäftsbanken dabei sind, die Zentralbanken über Gebühr für ihre eigenen Fehler in die Haftung zu nehmen. Seit langem wird diskutiert, ob die Zentralbanken, und hier in erster Linie die Fed, wegen ihrer über Jahre sehr lockeren Geldpolitik einen wesentlichen Teil der Verantwortung für die Krise an den Finanzmärkten tragen. Selbst wenn in dieser These ein Kern Wahrheit liegen sollte, so darf sie nicht von grotesken Fehlleistungen der Geschäftsbanken ablenken. Kein Geldpolitiker trägt Verantwortung für die fahrlässige Vergabe von Hypothekenkrediten an verarmte amerikanische Bürger. Und kein Geldpolitiker ist verantwortlich für die von keinerlei Risikobewusstsein getrübte Profitgier, die private und öffentliche Geschäftsbanken zur Gründung überdimensionierter Zweckgesellschaften (Conduits) trieb, deren Konstruktion einige Bankvorstände offenbar nicht verstanden und die heute die Quelle von viele Milliarden Euro teuren Abschreibungen sind.

          Die eigentliche Aufgabe

          Ebenso wenig trägt eine Zentralbank die Verantwortung, wenn Geschäftsbanken kurzfristiges Geld hereinnehmen, das sie langfristig ausleihen, ohne sich der Risiken dieser Praxis bewusst zu sein, oder wenn sie einem blinden Vertrauen in die Bewertungen von Ratingagenturen zum Opfer fallen. Vor allem in Amerika ist der Eindruck entstanden, dass Geschäftsbanken hohe Risiken eingehen im Vertrauen darauf, im Krisenfall von der Fed und der Regierung gerettet zu werden.

          Es ist daher an der Zeit, dass die Zentralbanken sich auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen. Wenn dem Bankensystem kurzfristig Geld fehlt, kann ihm dies die Zentralbank vorübergehend zur Verfügung stellen, so wie es die EZB in den vergangenen Monaten vorbildlich getan hat und jetzt auch wieder tut. Mehr Unterstützung brauchen die Geschäftsbanken nicht.

          Eine Zentralbank verrät ihren Auftrag, wenn sie ihre Zinspolitik an der Ertragsrechnung der Geschäftsbanken oder an den Erwartungen der Aktienmärkte ausrichtet und dabei eine steigende Inflation in Kauf nimmt, unter der alle Bürger leiden. Hat sich die Inflation erst einmal ausgebreitet, lässt sie sich nur mit hohen wirtschaftlichen Kosten wieder bekämpfen. Zentralbanken müssen nicht nur von Regierungen, sondern auch von Geschäftsbanken unabhängig bleiben.

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