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Geldpolitik : Wofür die Banken Liquidität brauchen

  • -Aktualisiert am

Bild: Röth, Frank

Die Europäische Zentralbank stellt den Geschäftsbanken zusätzliche Liquidität in Milliardenhöhe bereit. Wofür benötigen Banken und Sparkassen dieses Geld?

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          Wie in den vergangenen Wochen hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken in einem turnusmäßigen Refinanzierungsgeschäft wiederum deutlich mehr Geld zur Verfügung gestellt, als unter normalen Umständen für ein Gleichgewicht am Geldmarkt nötig gewesen wäre. Die EZB versucht damit, die Verspannungen im Interbankenhandel mit Geld zu lindern.

          Die drei wichtigste Gründe für den Liquiditätsbedarf

          Geschäftsbanken benötigen vor allem aus drei Gründen Guthaben bei der Zentralbank, oft "Zentralbankgeld" oder "Liquidität" genannt. Erstens, weil sie eine Mindestreserve vorhalten müssen. Dabei gilt, vereinfacht dargestellt: Aus den Kundenguthaben, die eine Geschäftsbank im Oktober im Durchschnitt hatte, errechnet sich die Mindestreserve, die sie im November auf einem Konto bei der Zentralbank halten muss - und zwar im Tagesdurchschnitt. An einem einzelnen Tag kann die Geschäftsbank somit weniger Guthaben halten, an anderen Tagen hingegen mehr - was den Banken Flexibilität verschafft. Entscheidend ist, dass das kumulierte Guthaben über die 28 Tage, die eine Reserveperiode normalerweise dauert, dem 28-fachen des Tagesdurchschnitts entspricht.

          Zweitens benötigen die Geschäftsbanken Guthaben bei der Zentralbank, um den Bargeldbedarf der Wirtschaft zu befriedigen. Ähnlich wie ein Kunde einer Geschäftsbank sein Guthaben in Bargeld abheben kann, kann sich eine Geschäftsbank ihr Guthaben bei der Zentralbank in bar auszahlen lassen - um letztlich die Kundennachfrage nach Bargeld zu befriedigen.

          Drittens benötigen die Geschäftsbanken Zentralbankgeld, um Überweisungen ihrer Kundschaft abzuwickeln: Überweist ein Kunde zum Beispiel 100 Millionen Euro von seiner Bank A auf das Konto eines Geschäftspartners bei einer anderen Bank B, wird das modellhaft so abgewickelt: Bank A instruiert die Bundesbank, ihr Konto bei der Bundesbank mit 100 Millionen Euro zu belasten und diesen Betrag dem Konto der Bank B bei der Bundesbank gutzuschreiben. Bank B wiederum schreibt die 100 Millionen Euro dem Begünstigten gut.

          Die Aufgabe des Geldmarkts

          Bank A muss sich nun bemühen, ihr Konto bei der Bundesbank wieder auszugleichen. Denn zu Geschäftsschluss um 18 Uhr darf ihr Konto bei der Bundesbank nicht im Minus sein, die Bundesbank gewährt keinen Überziehungskredit. Typischerweise sucht Bank A nun über den Geldmarkt nach einer anderen Bank, deren Guthaben bei der Bundesbank - wie im Beispiel dasjenige der Bank B - im Plus liegt. In normalen Zeiten findet sich regelmäßig eine dritte Bank, die Bank A die benötigte Liquidität - natürlich gegen Zinsen - leiht, sei es als "Tagesgeld" nur über Nacht bis zum nächsten Morgen, sei es für ein paar Tage oder Monate.

          Über den Geldmarkt wird somit die Liquidität, die die Zentralbank über Refinanzierungsgeschäfte zur Verfügung stellt, täglich denjenigen Banken zugeleitet, die sie benötigen, sei es, um ihr Mindestreservesoll zu erfüllen (Stichpunkt für diese Berechnung ist der Kontostand nach Geschäftsschluss um 18 Uhr), sei es, um Bargeldabhebungen zu refinanzieren, sei es, um Nettoabflüsse von Kundengeldern "einzudecken". Inzwischen ist der Geldmarkt im Euro-Raum völlig integriert, nicht zuletzt durch das neue Zahlungsverkehrssystem "Target2" des Euro-Systems. Im Jahr 2006 wurden über dieses System täglich rund 350 000 Zahlungen im astronomischen Gesamtvolumen von 2,4 Billionen Euro abgewickelt, an Spitzentagen deutlich mehr. Darin spiegelt sich, wie lebhaft Zentralbankgeld am Geldmarkt gehandelt wird.

          Weshalb der Geldhandel aktuell gestört ist

          Aufgrund der Vertrauenskrise, die das internationale Bankensystem seit dem Sommer erfasst hat, funktioniert dieser Geldhandel nun nicht mehr so reibungslos. Viele Banken horten Liquidität, die ihnen von dritten Kreditinstituten aufgrund von Kundenüberweisungen zufließt, auf ihrem Konto bei der Bundesbank oder einer anderen Zentralbank des Euro-Systems. Erstens, weil sie befürchten, dass eigene Kunden Geld abziehen könnten; die Bank müsste diese Liquidität dann wieder eindecken. Und zweitens, weil sie anderen Banken misstrauen.

          In normalen Zeiten kann im Euro-System recht gut abgeschätzt werden, wie viel Zentralbankgeld das Euro-Bankensystem insgesamt benötigt. Denn dieser Bedarf ergibt sich aus dem schon feststehenden Mindestreservesoll, den Schwankungen im Bargeldbedarf sowie einigen anderen Posten. Die benötigte Liquidität versteigert die EZB über Refinanzierungsgeschäfte mit wöchentlicher und dreimonatiger Laufzeit; über den Geldmarkt wird die Gesamtliquidität dann auf die einzelnen Geschäftsbanken nach deren Bedürfnissen verteilt.

          Weil einzelne Banken nun Liquidität horten, muss das Euro-System zusätzliche Liquidität bereitstellen. So wird sie den Banken am heutigen Mittwoch 178 Milliarden Euro gutschreiben, die sie in einem Refinanzierungsgeschäft zu einem Durchschnittszins von 4,20 Prozent versteigert hat. Das seien 30 Milliarden Euro mehr, als unter normalen Umständen - wenn nicht gehortet würde - nötig gewesen wäre, heißt es. Durch diese überreichliche Zuteilung von Liquidität ist der Zins für Tagesgeld am Dienstag von 4,08 auf 4,03 Prozent gefallen. Würde das Euro-System weniger Liquidität zur Verfügung stellen, würde die Nachfrage derjenigen Banken, die ihr Guthaben bei der Zentralbank unbedingt ausgleichen müssen, den Zins für Tagesgeld nach oben treiben - und damit über das Niveau des Leitzinses von 4,0 Prozent, den der EZB-Rat derzeit für angemessen hält und anstrebt. Die EZB muss also zusätzliche Liquidität bereitstellen, weil ihr "Leitzins" sonst seine Funktion als Leitzins verlöre.

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