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Geldpolitik : Der Bruch

Will die Geldpolitik in Europa lockern: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank Bild: dapd

Amerika und Europa marschieren in entgegengesetzte Richtung. Fed-Chefin Janet Yellen hebt die Zinsen an, EZB-Präsident Mario Draghi will die Geldpolitik lockern. Es drohen heftige Turbulenzen.

          Die mächtigsten Notenbanker der Welt bereiten sich gerade auf eine außergewöhnliche Situation vor. Janet Yellen, die Chefin der amerikanischen Fed, wird schon bald die Zinsen anheben. Nach einer Sitzung am vergangenen Mittwoch ließ sie die Finanzwelt wieder spekulieren, wann – aber nicht mehr, ob. Mario Draghi dagegen, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), will die Zinsen in Europa noch bis Ende 2016 nahe null lassen – und die Geldpolitik mit dem Ankauf von Wertpapieren sogar lockern.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Amerika und Europa planen also eine Ära der gegenteiligen Geldpolitik: eine Zeit, in der die zuletzt immer einflussreicher gewordenen Notenbanken in die entgegengesetzte Richtung steuern. Ökonomen haben dafür ein etwas sperriges Wort: Globale „Divergenz“ – die Zinsen laufen auseinander. Was bedeutet das für die Welt?

          Anlageexperten von Goldman Sachs verglichen Mario Draghi, 67, und Janet Yellen, 68, in der vergangenen Woche mit zwei Kontrahenten beim Armdrücken – von denen jeder seine Kraft in die exakt entgegengesetzte Richtung einsetzt und es im Vorfeld nicht auszumachen ist, wie das ausgeht. Wer wird den stärkeren Bizeps haben: die kleine, perfektionistische Frau in Washington – oder der Italiener aus dem Frankfurter Eurotower?

          Wirtschaftsprofessor warnt vor zwei Gefahren

          Vor allem die Übergangszeit dürfte turbulent werden – und erhebliche Risiken auch für Anleger mit sich bringen. Markus Brunnermeier, Wirtschaftsprofessor an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton, sieht für diese Phase vor allem zwei Gefahren: Die eine hängt mit den Banken zusammen, die andere mit den internationalen Kapitalströmen.

          Um die Banken war es zuletzt etwas ruhiger geworden: auch, weil die niedrigen Zinsen und hohen Kurse für Wertpapiere die Bankbilanzen stabilisiert hatten. Wenn nun die Zinsen in Amerika steigen, verlieren viele festverzinsliche Wertpapiere zunächst an Wert. Das kann die Bankbilanzen schwächen und die Banken wieder in Not bringen.

          Die andere Gefahr hängt mit den internationalen Kapitalströmen zusammen. Wenn die Amerikaner ihre Zinsen zu abrupt anheben, drohen weltweit Turbulenzen. Die Generalprobe dafür gab es im Mai 2013. Damals kündigte Ben Bernanke, Yellens Vorgänger als Fed-Chef, lediglich an, dass die Notenbank den Ankauf von Staatsanleihen zurückfahren könnte. Die Folgen waren so verheerend, dass er danach Monate wartete und überhaupt nichts machte, bevor er den Ankündigungen Taten folgen ließ.

          Die Aussicht, dass mit dem Ende der Anleihekäufe die Zinsen am Kapitalmarkt in Amerika steigen könnten, veränderte nämlich das Kalkül vieler internationaler Investoren. Bis dahin brachten viele ihr Geld bevorzugt in Schwellenländer. Sie nahmen die politischen und wirtschaftlichen Risiken dort wegen der höheren Zinsen in Kauf.

          Die Erwartung steigender Zinsen in Amerika veränderte dieses Rendite-Risiko-Kalkül schlagartig: In diesem Licht schienen viele Risiken in den Schwellenländern auf einmal viel zu hoch – die Investoren zogen das Geld ab. Gewaltige Verschiebungen der internationalen Kapitalströme waren die Folge. Die Währungen mehrerer Schwellenländer kamen ins Trudeln, ganze Staaten gerieten in Bedrängnis.

          „Taper Tantrum“, einen „Zins-Zorn“ oder „Tobsuchtsanfall“ der internationalen Investoren, hat Larry Hatheway das Phänomen getauft. Der Chefökonom der Investmentsparte der Schweizer Bank UBS meint, genau das könnte sich fortsetzen, sobald gute Wirtschaftsdaten aus Amerika eine Zinserhöhung in näherer Zukunft wahrscheinlich machten. Die Investoren sind in der Zwischenzeit schließlich wieder in die Schwellenländer zurückgekehrt. Die Geschichte könnte sich wiederholen.

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