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Geldpolitik und Finanzkrisen : Die zwei Epochen des Finanzkapitalismus

Bild: F.A.Z.

Das Zeitalter des Kredits folgt dem Zeitalter des Geldes. Nachdem der Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und Wirtschaft zusammengebrochen ist, eignet sich das Wachstum der Kredite als guter, aber nicht perfekter Krisenindikator.

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          Das Zeitalter des Geldes ist tot. Es lebe das Zeitalter des Kredits, dessen Analyse wertvolle Hinweise auf bevorstehende Finanzkrisen liefern kann. Das ist die These einer finanzhistorischen Untersuchung der Ökonomen Moritz Schularick (FU Berlin) und Alan Taylor (University of California Davis), die unter dem Titel "Credit Booms Gone Bust" bald in der Fachzeitschrift "American Economic Review" erscheinen wird.

          Schularick und Taylor bezeichnen die Zeit von 1870 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs als das Zeitalter des Geldes, wobei hier unter Geld im wesentlichen die auf der Passivseite der Bankbilanz befindlichen Einlagen von Kunden verstanden wird. Kredite sind die auf der Aktivseite der Bankbilanz befindlichen Forderungen der Bank. Geld und Kredit sind eng miteinander verbunden, da die Bankeinlagen zusammen mit der Kreditvergabe entstehen.

          Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und Wirtschaft ist zusammengebrochen

          "In dieser Zeit schwankten Geld und Kredit, aber sie befanden sich langfristig in einem stabilen Verhältnis zueinander und relativ zur Größe der gesamten Wirtschaft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt", schreiben Schularick und Taylor, die Daten aus 14 Industrienationen untersucht haben. Für diese erste Epoche des Finanzkapitalismus sei die Weltsicht, wie sie die Monetaristen um Milton Friedman besessen hatten, durchaus vernünftig: Die entscheidende Rolle spielt das Geld, und die Kernaufgabe der Geldpolitik besteht darin, die Geldmenge zu steuern.

          Dieser enge Zusammenhang zwischen Geld, Kredit und Wirtschaft ist nach den Arbeiten der beiden Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengebrochen. Geld und Kredit haben sich voneinander entkoppelt, und die Kredite sind sehr viel schneller gewachsen als die Bankeinlagen. Der Grund besteht darin, dass Banken nunmehr Kredite auch auf anderem Wege vergeben können als durch die Bereitstellung von Bankeinlagen, also durch die Schöpfung neuen Geldes. Ein solcher Weg ist beispielsweise die Ausgabe eigener Wertpapiere. Klassische Investmentbanken haben zumindest vor der Krise meist wenig Wert auf Einlagen von Kunden gelegt. Ihre Kreditvergaben refinanzierten sie lieber durch die Ausgabe häufig kurzfristiger eigener Wertpapiere. Der Kredit wuchs aber nicht nur schneller als das Geld, er wuchs auch mit einer sehr viel höheren Wachstumsrate als die Wirtschaft. Ungefährlich sind diese neuen Quellen des Kreditwachstums nicht: "Die Vorgänge in Finanzmärkten - Kreditkonditionen, Liquidität, Marktvertrauen - werden wichtiger denn je für die Kreditentstehung und die Finanzstabilität."

          Die Grafik belegt die Entkoppelung von Geld und Kredit in der Nachkriegszeit. Als Indikator für die Kredite werden hier die auf der Aktivseite der Bankbilanz befindlichen Positionen ("Bankaktiva") verwendet, für das Geld eine überwiegend aus den Kundeneinlagen bei Banken befindliche Geldmenge. Um diese beiden Größen länderübergreifend vergleichbar zu machen, wurden sie in Relation zur Güter- und Dienstleistungsproduktion (Bruttoinlandsprodukt) gesetzt. Interessant ist, dass sich diese Entkoppelung von Geld und Kredit in allen Industrienationen beobachten lässt. Sie ist also kein isoliertes Phänomen der angelsächsischen Länder mit ihren seit langem hochentwickelten Finanzmärkten.

          Hieraus leiten sich zwei wichtige Fragen ab: Wie lässt sich diese Entkoppelung von Geld und Krediten erklären? Und welche Folgen entstehen aus dieser Entkoppelung? Für die Frage nach den Ursachen ist die Erkenntnis wichtig, dass die Vergabe von Kredit gleichbedeutend ist mit dem Eingehen von Risiken. Das starke Wachstum der Kredite in der Nachkriegszeit spiegelt somit eine stark zunehmende Bereitschaft der Banken, Risiken einzugehen.

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