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Zentralbanken : Lieber Anleihekäufe als Negativzinsen

Im Juni 2014 beschloss die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals den Negativzins. Bild: dpa

Von der Übergangslösung in den Dauerzustand: Notenbanken senden Signale, die auf Zweifel am Sinn von Negativzinsen deuten. Die Märkte beantworten dies mit neuen Tiefs von Anleiherenditen.

          Nachher wird vielleicht wieder einmal die Bank of England als Trendsetterin gelten. Die „Old Lady aus der Threadneedle Street“, wie ihr Spitzname lautet, hat vor wenigen Jahren das Modell der Notenbank, unter deren Dach sich auch die Finanzaufsicht befindet, popularisiert.

          In der vergangenen Woche sandte sie wiederum ein deutliches Zeichen aus, als sie ihre Geldpolitik lockerte: Sie senkte ihren Leitzins auf einen historischen Tiefstand von 0,25 Prozent und kündigte Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen an.

          Gleichzeitig machte ihr Gouverneur Mark Carney deutlich: „Ich bin kein Fan negativer Zinssätze. Wir sehen ihre Folgen in anderen Finanzsystemen. Wir haben andere Möglichkeiten, unsere Geldpolitik zu lockern, wenn dies notwendig sein sollte.“ Die Zinsuntergrenze für die Bank of England liege nahe null Prozent. Da Carney gleichzeitig auch Helikopter-Geld entschieden ablehnte, lässt sich seine Botschaft auch so zusammenfassen: Lieber Anleihekäufe als Negativzinsen.

          Renditen fallen in ganz Europa

          An den Finanzmärkten ist die Botschaft angekommen. Die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen fällt immer weiter und erreichte am Dienstag mit 0,589 Prozent einen historischen Tiefstand. Die Rendite zehnjähriger spanischer Staatsanleihen fiel erstmals in der Geschichte unter die Marke von 1 Prozent.

          Am Anleihemarkt ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Falle einer weiteren geldpolitischen Lockerung eher ihr Anleihekaufprogramm ausweiten als den negativen Einlagenzins noch einmal deutlich senken wird. Dieser Zinssatz für Einlagen von Banken bei der EZB liegt bei minus 0,4 Prozent. „Zinssenkung war gestern, heute ist Liquiditätssteuerung“, fasst der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, kurz und bündig zusammen.

          Negative Leitzinsen gibt es auch in anderen Ländern wie der Schweiz, Dänemark, Schweden und Japan. Der Fall der EZB ist aber besonders interessant. Nirgendwo ist die Kritik am negativen Einlagenzins so heftig wie in Deutschland, aber ein wesentlicher Grund für seine Einführung war ausgerechnet die Bereitschaft der EZB, auf die Stimmung in Deutschland Rücksicht zu nehmen. Man kann dies im Nachhinein ebenso als Ironie wie als Tragik verstehen – oder als ein großes Missverständnis.

          Negativer Leitzins weiterhin umstritten

          Als die EZB den negativen Einlagenzins im Juni 2014 erstmals einführte, hätte sie nach Berichten von Insidern eigentlich lieber ein Anleihekaufprogramm beschlossen, weil sie dessen geldpolitische Wirkung für stärker hielt.

          Allerdings war damals in Deutschland die juristische Auseinandersetzung um das OMT-Programm, das Anleihekäufe ausgewählter Länder unter Bedingungen vorsieht, noch am Laufen. Angeblich wollte in dieser Situation die EZB-Führung mit Blick auf die Stimmung in Deutschland kein allgemeines Anleihekaufprogramm beschließen.

          So kam es zum negativen Einlagenzins, den man für unverfänglicher hielt, da ihn die EZB mit der herrschenden Wirtschaftstheorie nicht als einen Systembruch ansah, sondern als simple Fortsetzung eines schon seit Jahren befindlichen Trends sinkender Leitzinsen.

          Die psychologischen Wirkungen eines negativen Zinses wurden nicht als erheblich betrachtet, weil man – bis heute zu Recht – davon ausging, dass die Banken den Negativzins nicht an Privatkunden weitergeben.

          Negativzins sollte nur eine Übergangslösung sein

          Und die Bedeutung der negativen Zinsen für die Gesundheit der Banken und Sparkassen wurde nicht sehr hoch gehängt, weil man den Negativzins als eine vorübergehende Maßnahme ansah. Heute hat man den Negativzins und ein Anleihekaufprogramm.

          Die skeptischen Äußerungen gegenüber negativen Leitzinsen haben gerade in jüngerer Vergangenheit deutlich zugenommen, weil die negativen Konsequenzen für Banken und Sparkassen zunehmend erkannt werden. Die Bank of Japan führte zwar im Januar einen negativen Einlagenzins ein, aber er liegt mit minus 0,1 Prozent sehr niedrig, und die Mehrheit für seine Einführung war eng.

          Seitdem wird in Japan permanent über weitere geldpolitische Lockerungen geredet, der negative Leitzins als Instrument aber kaum einmal erwähnt. In den Vereinigten Staaten haben führende Vertreter der Fed negative Leitzinsen als ein prinzipiell mögliches Instrument bezeichnet, gleichzeitig aber, für den Fall der Fälle, eine Vorliebe für ein neues Anleihekaufprogramm bekundet. Das entspricht der Position Carneys in London. In der angelsächsischen Welt werden Anleihekaufprogramme generell positiver gesehen als zum Beispiel in Deutschland.

          „Der Bankensektor wird durch Zinspolitik extrem gestresst“

          Auch in Kontinentaleuropa lohnt es sich, Geldpolitikern zuzuhören. In der Schweiz haben Vertreter der Nationalbank mehrfach anklingen lassen, dass der negative Einlagenzins von derzeit minus 0,75 Prozent als Untergrenze angesehen werden sollte.

          In Dänemark, wo sich die Geldpolitik am Wechselkurs von Krone und Euro orientiert, hat die Nationalbank eine Entspannung am Devisenmarkt genutzt, um ihren negativen Einlagenzins von minus 0,75 auf minus 0,65 Prozent zu senken.

          Für die EZB hat Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré kürzlich einen bemerkenswerten Spagat versucht, indem er die allgemeine EZB-Linie mit Spielraum für eine weitere Lockerung der Geldpolitik betonte, aber auch andeutete, dass der Spielraum nach unten für den Einlagenzins mit Blick auf die Gesundheit der Banken nicht mehr groß sein dürfte.

          „Insgesamt wird der Bankensektor durch diese Art der Zinspolitik extrem gestresst“, schreibt Bielmeier von der DZ Bank. „Er ist jedoch weiterhin einer der wichtigsten Sektoren für das Funktionieren einer Volkswirtschaft.

          Entsprechend kann man die Notenbankzinsen nicht beliebig tief senken oder beliebig lange im negativen Bereich belassen.“ Das sehen Geldpolitiker heute kaum anders – aber dafür bleiben Anleihekäufe ein Thema.

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