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Geldpolitik : Märkte erwarten vorerst keine Leitzinssenkung

  • Aktualisiert am

Von unveränderten Leitzinsen geghen Volkswirte im Vorfeld der nächsten Sitzung der Europäischen Zentralbank am kommenden Donnerstag aus. Aber mittelfristig ist die Wahrscheinlichkeit für niedrigere Zinsen gestiegen.

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          Von der zinspolitischen Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag wird weithin keine Senkung des Euro-Leitzinses erwartet. Das zeigen Umfragen unter Volkswirten sowie die Kurse an den Zins-Terminmärkten. Die EZB wird demnach die Forderungen aus der Politik nach niedrigeren Leitzinsen nicht erhören. Der überraschende Rückgang der Inflationsrate auf 1,6 Prozent im Februar hatte diesen Forderungen Rückenwind verschafft.

          Viele EZB-Beobachter erwarten aber, daß der Rat das Thema diskutieren und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der anschließenden Pressekonferenz darüber berichten wird. Das könnte den Spekulationen auf eine zukünftige Leitzinssenkung Auftrieb geben: Ganz im Sinne der EZB würde dies die Euro-Aufwertung dämpfen.

          Terminmarkt deutet zaghaft mittelfristige Bewegung an

          Nach Umfragen der Nachrichtenagenturen Bloomberg und VWD gehen praktisch alle Großbanken im Euroraum davon aus, daß der Leitzins am Donnerstag unverändert bei 2,0 Prozent bleibt. Auch der Zinsterminkontrakt für Dreimonatsgeld mit Verfall im März spiegelt diese Erwartung. Allerdings ist der Zins des Terminkontrakts mit Verfall im Juni in der vergangenen Woche erstmals seit vielen Monaten wieder knapp unter 2,0 Prozent gefallen. Nach Einschätzung der Märkte hat somit die Wahrscheinlichkeit zugenommen, daß die EZB bis zur Jahresmitte ihren Leitzins senkt. Zum Jahresende erwarten die Märkte aber einen Leitzins von 2,25 Prozent. Ähnlich sehen es auch die Analysten.

          In den vergangenen Tagen hatten Bundeskanzler Gerhard Schröder, der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin sowie auch der neue "Wirtschaftsweise" Peter Bofinger die EZB aufgefordert, ihren Leitzins zu senken. Hintergrund sind Sorgen, daß die Aufwertung des Euro die ohnehin schwache konjunkturelle Erholung im Euroraum abwürgt. Niedrigere Euro-Zinsen, so die Hoffnung, könnten die Euro-Aufwertung bremsen und zugleich die Konjunktur stimulieren.

          Unterschiedliche Argumentationsketten

          Nach Einschätzung von Ulrich Kater, dem designierten Chefvolkswirt der Deka-Bank, hat sich am verhalten positiven Ausblick für Inflation und Wirtschaftswachstum im Euroraum zuletzt aber nichts Wesentliches geändert. Zudem sei die Euro-Aufwertung vorerst gestoppt. Die EZB sollte deshalb die Zinsen nicht ändern, meint Kater.

          Demgegenüber meint Kornelius Purps, Zins-Analyst bei der Hypo-Vereinsbank, daß die EZB mit Blick auf die überraschend günstige Inflationsrate und den sich eintrübenden Konjunkturausblick das Für und Wider einer Zinssenkung wie ein "Risikomanager" abwägen sollte - ähnlich wie dies die amerikanische Notenbank tut. Dabei dürfte herauskommen, daß das Inflationsrisiko derzeit gering sei. Denn der Wettbewerbsdruck aufgrund der Globalisierung verhindere größere Preiserhöhungen. Das verschaffe den Zentralbanken Spielraum, das Wachstum über niedrigere Zinsen zu fördern.

          Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, glaubt, daß der Euro-Leitzins auf absehbare Zeit da bleibt, wo er ist. Zu einer Zinssenkung dürfte sich die EZB nur entschließen, wenn eine weitere Aufwertung des Euro die Deflationsdebatte wiederaufleben lassen sollte. Auch Kater glaubt, daß die EZB ihr "Zinspulver" trocken halten dürfte - für mögliche schlechtere Zeiten.

          Auch Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital, glaubt nicht an eine Zinssenkung am kommenden Donnerstag, er hält sie auch nicht für nötig: Die Notenbankzinsen seien auf historischem Tief, zudem verbuche Europa den größten Liquiditätsüberhang seit zwei Dekaden. Zudem seien die Investitionen nicht vom kurzfristigen Notenbankzins, sondern von langfristigen Überlegungen wie Gewinnerwartungen und Risiken abhängig.

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