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Geldpolitik : EZB leiht den Banken 489 Milliarden Euro für drei Jahre

  • -Aktualisiert am

EZB: Rekordsummen für einen Rekordzeitraum Bild: dapd

Die Banken des Euroraums haben sich bei der Europäischen Zentralbank mit ungewöhnlich hoher Liquidität eingedeckt: Der EZB-Kredit mildert die Knappheit an langfristiger Finanzierung. Dahinter steckt aber noch ein weiteres Kalkül.

          Um das Bankensystem des Euroraums zu stabilisieren, hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch 489 Milliarden Euro für drei Jahre verliehen. Das ist im Volumen mehr denn je. Auch die lange Laufzeit ist ungewöhnlich; vor der Krise waren Fristen von einer Woche bis drei Monaten üblich. Zudem verschafften sich die Banken jetzt dreimonatige Kredite über weitere 33 Milliarden Dollar, die über eine Tauschvereinbarung der EZB mit der amerikanischen Notenbank Federal Reserve finanziert werden.

          „Das Geschäft ist auf breite Nachfrage getroffen“

          Das Finanzierungsgeschäft mit dreijähriger Laufzeit war Anfang Dezember beschlossen worden, mindestens ein weiteres wird folgen. Mehr als 500 Banken gaben Gebote ab. Diese breite Beteiligung führte auf dem Geldmarkt zu Erleichterung. Zuvor war befürchtet worden, gerade die schwächsten Banken könnten sich zurückhalten, um den Eindruck der Verzweiflung zu vermeiden. Doch hatten EZB und die nationalen Notenbanken die Banken ausdrücklich zur Teilnahme aufgerufen. „Das Geschäft ist auf breite Nachfrage getroffen. Das ist kein schlechtes Zeichen“, sagte Bundesbankvorstand Joachim Nagel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Üblicherweise nehmen an einzelnen Finanzierungsgeschäften der EZB 300 bis 800 der rund 6000 Banken des Euroraums teil.

          Die EZB, die in der gegenwärtigen Krise die größte Gefahr für die Finanzstabilität seit dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers vor gut drei Jahren sieht, will mit dem langfristigen Kredit die Finanzierung der Banken erleichtern. Allein in den ersten drei Monaten des kommenden Jahres werden Bankenanleihen für rund 220 Milliarden Euro fällig. Solche Anleihen waren vor der Krise das wichtigste Instrument für den Austausch zwischen Banken, die über mehr als genügend Geld für ihren Bedarf verfügen und solchen, die zu wenig haben. Inzwischen ist dieser Markt jedoch in weiten Teilen zum Erliegen gekommen. Immer mehr muss kurzfristig finanziert werden, doch einigen ihrer Konkurrenten trauen viele Banken gar nicht mehr. Die lange Laufzeit des neuen EZB-Kredits kommt daher Banken entgegen, bei denen langfristige Ausleihungen bisher kurzfristigen Finanzierungen gegenüberstanden.

          Langfristige Finanzierungen erleichtert

          Ein gewisser Fristenunterschied gehört zwar zum Geschäftsmodell vieler Banken. Doch in den Jahren vor der Krise wurden sie immer weiter ausgereizt, was große Liquiditätsrisiken verursachte. Deshalb achten Aufsichtsbehörden, Ratingagenturen und vor allem Gläubiger nun sehr darauf; Banken mit einer zu kurzfristigen Finanzierung werden gemieden. Der dreijährige EZB-Kredit mildert für die Banken die Knappheit an langfristiger Finanzierung.

          Hinter der Ausleihung über einen Zeitraum von drei Jahren steckt ein weiteres Kalkül. Der französische Staatspräsident Nikolas Sarkozy begrüßte kürzlich die neuen langfristigen Geschäfte der EZB: „Das bedeutet, dass jetzt jeder Staat zu seinen Banken gehen kann, die Liqudität zu ihrer Verfügung haben werden“, sagte er. Die Kurse der Anleihen finanzschwacher Euroländer waren deshalb gestiegen. Spanien kam bei seiner jüngsten Anleiheemission zu deutlich günstigeren Kondition an Geld als zuletzt.

          „Das erschwert einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik.“

          Für den Dreijahreskredit zahlen die Banken, die nach einem Jahr ein Kündigungsrecht haben, den durchschnittlichen während der Laufzeit geltenden Leitzins. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sagte dieser Zeitung: „Wollte die EZB in einem oder zwei Jahren die Leitzinsen erhöhen, dann würden die heute getätigten Käufe von Peripherieanleihen für die dortigen Banken allerdings unattraktiver, was die EZB davon abhalten könnte, ihre Leitzinsen anzuheben. Das erschwert einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik.“ Zudem würden die Staatsanleihen als Sicherheiten beliehen, was das Risiko für die EZB erhöhe.

          Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, vermutet dagegen, dass nur ein kleiner Teil in Staatsanleihen investiert werden wird. Denn die Banken stünden unter dem Druck des Marktes, ihre Bestände an Euro-Staatsanleihen zu reduzieren. Deshalb erwartet Mayer insbesondere für Anleihen aus Spanien und Italien, wo zu Beginn des Jahres hohe Tilgungen bevorstehen, neuerliche Kursverluste.

          Ein begrenzender Faktor für den Kauf von Staatsanleihen ist auch der Mangel an von der EZB akzeptierten Sicherheiten. Die Staatsanleihen können zwar beliehen werden, allerdings nur mit einem Abschlag. Um die Knappheiten an Sicherheiten zu verringern, geht Italien nun wieder dazu über, Anleihen der heimischen Banken mit einer Staatsgarantie auszustatten, wodurch sie als Pfand akzeptabel werden.

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