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Geldpolitik : Die Fed stellt die Weichen

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Fed-Chef Bernanke: Bleibt er hart oder wird er weich? Bild: AP

Am Dienstag steht abermals eine Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank an. Am Vorabend stiegen die Kurse an Wall Street, in der Hoffnung, Regierung und Notenbank werden die angeschlagenen Märkte retten. In deren Interesse steht zu hoffen, dass es die Fed nicht tut.

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          Die Finanzmärkte scheinen übermütig zu werden. Um deutlich mehr als zwei Prozent stiegen die Kurse an der Wall Street am Montagabend, trotz des, sicher erwartungsgemäßen, Insolvenzantrags des Hypothekenfinanzierers American Mortgage, dessen Geschäft mit Subprimes gar nichts zu tun hat und der anzeigt, dass mit den Kreditmärkten etwas grundsätzlich nicht stimmt.

          Doch dass da etwas nicht stimmt, ficht die Märkte nicht an - im Gegenteil. In den vergangenen Jahren sahen sie sich zunehmend hofiert. Die Wirtschaftspolitik - nicht nur in Amerika - richtete sich immer stärker an ihrem Wohl und Wehe, stat an dem langfristigen Interesse der Gesamtwirtschaft aus. Und zudem bekleidet mit Henry Paulson zum zweiten Mal nach 1999 ein ehemaliges Mitglied der Führungsetage der Investmentbank Goldman Sachs den Posten des Finanzministers.

          Staat und Notenbank sollen die Suppe auslöffeln

          Was Wunder also, dass die Märkte davon ausgehen, dass das, was sie der Wirtschaft mit einer leichtfertigen Kreditvergabe und Anleihenharakiri eingebrockt haben, der Staat auslöffelt. Nachdem in den vergangenen Wochen mindestens drei amerikanische Bundesstaaten konkrete Überlegungen angestellt hatten, wie man säumigen Schuldnern von Hypothekenkrediten unter die Arme greifen könne, trieben am Montag Spekulationen die Kurse, die Bundesregierung werde Schritte ergreifen, um die Verluste der Finanzdienstleister aus ihren blindwütigen Hypothekengeschäften zu dämpfen.

          Und dann ist da natürlich die Notenbank. Schon einmal hat die Fed in diesem Jahrzehnt die Finanzmärkte herausgehauen, indem sie diese förmlich in Liquidität ertränkte. Damit schuf sie so etwas wie einen Präzedenzfall. Seitdem aber ist ihr Ruf einer unabhängigen Instanz nicht besser geworden. Dem kompromissbereiten, aber berechenbaren Alan Greenspan ist mit Ben Bernanke ein Notenbankpräsident gefolgt, der als wenig berechenbar, ja gar launisch gilt.

          Als ehemaliger Vorsitzender des Wirtschaftsrats des Präsidenten ging ihm nie der Ruf besonderer Unabhängigkeit voraus, und so lässt sich leicht folgern, die Fed werde nach dem Willen des Weißen Hauses handeln. Zumal Bernanke den Spitznamen „Helikopter-Ben“ trägt, weil er einst vorschlug, eher Geld mit dem Hubschrauber abzuwerfen, als Gefahren für das Wachstum in Kauf zu nehmen. Dabei könnte ihm indes das Schicksal von Helmut Schmidt drohen, der einst lieber Inflation als Arbeitslosigkeit wollte, und am Ende beides hatte.

          Sinnfällige Analysen

          Und schon vor der Subprime-Krise spekulierten die Märkte darauf, die Fed werde die Zinsen nun endlich wieder senken, um einem möglicherweise schwächelnden Wirtschaftswachstum vorzubeugen. Indes behaupteten die meisten Anhänger dieser Spekulation im gleichen Atemzug, die amerikanische Konjunktur sei robust.

          Am Montag nun trieb die Kurse, dass sich die Hoffnung breitmachte, die Fed könnte ihre Einschätzung der Inflationsgefahr ändern und so scheinen die ersten bereits für den Donnerstag mit einer Zinssenkung zu rechnen, zumindest aber damit, dass eine solche rhetorisch vorbereitet wird, zumal die jüngsten Konjunkturdaten, die zunächst als wenig relevant eingestuft wurden, nun auf einmal genau darauf hindeuten sollen. Es stimmt nachdenklich, dass just die dem Finanzministerium so verbundene Investmentbank Goldman Sachs diese Möglichkeit ins Spiel brachte.

          Insgesamt besteht also die Hoffnung, die Party einer kreditfinanzierten Expansion werde weitergehen. Das könnte auch durchaus so kommen und für investierte Anleger wäre das sicherlich nicht die schlechteste Nachricht.

          Hoffen auf Weiterfeiern

          Immerhin waren es gerade die kreditfinanzierten Buyouts, die besonders in der ersten Hälfte des laufenden Jahres die Aktienkurse antrieben und bei denen derzeit eine lange Durststrecke droht. Der deutlich gesunkene Risikoappetit der Investoren hat das Buyout-Volumen seit Juni um 33 Prozent einbrechen lassen, zeigen Bloomberg-Daten.

          „Wir kommen zu dem Schluss, dass die Zeiten an der Wall Street härter werden“, sagt Steven Rattner, Mitgründer der Buyoutgesellschaft Quadrangle Group und früher Vice Chairman von Lazard Frères & Co. „Das wird sich auf Erlöse und Gewinne auswirken.“

          „Die Investoren kaufen Kredite und Anleihen nicht mehr so bereitwillig wie sie das bisher getan haben, und die Banken werden bei neuen großen Finanzierungen erst einmal zurückhaltend sein“, erklärt Daniel Stillit, Analyst bei UBS AG in London. „Das Risiko, dass die treibende Kraft des LBO-Marktes erlahmt, ist groß.“

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