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Geldpolitik der EZB : „Der deutsche Sparer wird gar nicht betrogen“

Das Gebäude der EZB in Frankfurt am Main Bild: dpa

Viele deutsche Sparer fühlen sich als Opfer der EZB-Geldpolitik. Mario Draghi hält dagegen – und verweist auf Äußerungen der Deutschen Bundesbank.

          Wenn sich Kunden von Banken und Sparkassen in Deutschland über niedrige Zinsen beklagen, zeigen deren Vertreter – Kundenberater, Vorstände oder Verbandsfunktionäre – gerne mit dem Zeigefinger auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Zinspolitik sorge dafür, dass der brave Sparer so gut wie nichts mehr bekomme, heißt es dann. EZB-Präsident Mario Draghi hat kürzlich zur Gegenoffensive geblasen und die These zurückgewiesen, dass es dem deutschen Sparer unter seinem Regiment besonders schlecht ergehe. Besonders pikant:

          Draghi verwies in einer Grundsatzrede Ende Januar bei der Deutschen Börse in Eschborn zur Begründung seiner These auf Ausarbeitungen der Deutschen Bundesbank, von denen der Sparer in seiner Bank oder Sparkasse bisher möglicherweise noch nichts erfahren hat.

          Ausgangspunkt der Überlegungen Draghis, der Bundesbank und anderer Fachleute ist, dass am Ende für den Sparer nur zählt, was ihm nach Abzug der Inflationsrate bleibt. Entscheidend für den Sparerfolg ist nicht die unmittelbar sichtbare Rendite, die der Sparer für sein Festgeld, seine Spareinlage oder für seine Lebensversicherung erhält, sondern die um die Inflationsrate korrigierte reale Rendite.

          Kein singuläres Euro-Phänomen

          Ein Beispiel: Ein Nominalzins von 10 Prozent sieht optisch beeindruckend aus, er erweist sich aber als Verlustgeschäft – pointiert könnte man auch sagen: als Enteignung –, wenn die Inflationsrate 15 Prozent ausmachte. Umgekehrt sieht ein Nominalzins von 3 Prozent kärglich aus, aber bei einer Inflationsrate von 1 Prozent erwiese er sich als sehr attraktiv.

          Die Klagen über die schädlichen Wirkungen der Geldpolitik der EZB hatten zur Jahresmitte 2014 in Deutschland erheblich zugenommen. So hielt Sparkassen-Verbandschef Georg Fahrenschon damals die Bezeichnung „teilweise Enteignung der Sparer“ durch die EZB für angebracht. Kurze Zeit später veröffentlichte die Bundesbank einen Beitrag mit dem Titel „Negative reale Verzinsung von Einlagen kein Problem“. In ihm zeigte die Bundesbank, dass es auch vor der Einführung des Euros immer wieder Phasen gegeben hatte, in denen die Realverzinsung für Einlagen bei Banken und Sparkassen negativ gewesen war.

          Für Spareinlagen lässt sich dies, wie die Grafik dokumentiert, zum Beispiel für die frühen siebziger, die frühen achtziger und die frühen neunziger Jahre belegen. „In den vergangenen Jahrzehnten waren negative Realzinsen sogar eher die Regel als die Ausnahme“, schrieb die Bundesbank. Die Botschaft war deutlich: Auch zu Zeiten der D-Mark verloren Sparer mit Bankguthaben immer wieder real an Kaufkraft. Es handelt sich nicht um in singuläres Euro-Phänomen.

          Wasser auf Draghis Mühlen

          Im Herbst 2015 nahm die Bundesbank in ihrem Monatsbericht das Thema wieder auf. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass viele Deutsche neben Guthaben bei Banken und Sparkassen noch mindestens eine Kapital-Lebensversicherung besitzen, die als Instrument zur sehr langfristigen Vermögensbildung genutzt wird. Dagegen besitzt nur ein kleiner Teil der deutschen Sparer direkt Aktien oder Anleihen. Daher schauten sich die Fachleute der Bundesbank an, wie sich ein aus Bargeld, Bankeinlagen und Lebensversicherungen bestehendes Geldvermögen entwickelt hat.

          Hier zeigt sich nun, dass ein solches Vermögen von Anfang 2008, also dem Beginn der Finanzkrise, bis Ende 2014 eine jährliche reale Rendite von 1,8 Prozent gebracht hat. Dieses Ergebnis war für Draghi Wasser auf seine Mühle: „Sicher, dieser Wert liegt unter dem vor der Krise verzeichneten Durchschnitt. Von einer ,Enteignung‘ der Sparer kann aber wohl kaum die Rede sein, und die Lage stellt sich zudem besser dar als wiederholt der Fall seit Anfang der neunziger Jahre.“

          Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat mehrfach das Thema öffentlich aufgenommen. „Aber auch die Sparer zählen sich zu den Leidtragenden der Niedrigzinsen“, sagte er im Herbst 2015 vor dem Presseclub Wiesbaden. „Was bei dieser Klage häufig übersehen wird, ist freilich die Tatsache, dass der inflationsbereinigte Zins, also der Realzins von Sparanlagen im historischen Vergleich, gar nicht so niedrig ist. Der Realzins von Sparanlagen in Deutschland liegt derzeit bei ungefähr einem Viertelprozent und damit im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Und in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren gab es immer wieder Phasen mit negativen Realzinsen.“

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