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Geldpolitik : Bleibt der Zins noch lange tief?

Janet Yellen erklärt während ihrer Pressekonferenz am Mittwoch, wieso der Leitzins geblieben ist, wo er war. Bild: AFP

Gehören hohe Zinsen der Vergangenheit an? Amerikas Notenbank-Chefin macht zumindest wenig Hoffnung. Das hat auch damit zu tun, wie sich junge Leute benehmen.

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          Eigentlich hatte Janet Yellen, die mächtigste Notenbankerin der Welt, wenig Aufregendes im Gepäck, als sie nach der Sitzung der amerikanischen Währungshüter am Mittwoch vor die Presse trat und die Beschlüsse verkündete: Die Leitzinsen bleiben wo sie sind, die Zentralbanker behalten sich für die Zukunft alle Möglichkeiten offen, der amerikanischen Wirtschaft geht es ordentlich, die jüngsten Wirtschaftsdaten enthalten ermutigende und betrübende Hinweise, ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der EU sei diskutiert worden - nichts, was nicht schon vorher irgendwie jedem daran Interessierten klar war.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Eine Passage in ihren Ausführungen lohnt aber doch noch für einen genaueren Blick. Janet Yellen hatte nämlich (die komplette Pressekonferenz kann übrigens hier angeschaut werden) erst in ihren Einführungsworten und dann auf die Nachfrage eines Journalisten etwas über den längerfristigen geldpolitischen Kurs gesagt, das in eine ganz wichtige Debatte passt, die Ökonomen gerade führen: Bleibt das Wirtschaftswachstum für längere Zeit sehr niedrig auch nachdem die unmittelbaren Folgen der Finanzkrise abgeflaut sind? Manch einer wie der frühere amerikanische Finanzminister Larry Summers warnen gar vor einer „säkularen Stagnation“, also einer wirklich langandauernden Schwächephase.

          Ist der „neutrale Zins“ niedriger als früher?

          Yellen thematisierte das über den sogenannten „neutralen Zins“, einer Fachvokabel, die normalerweise nur in Gesprächen zwischen Notenbankern oder Wirtschaftsprofessoren fällt, Expertensprache. Gerade für die Notenbanker ist das aber eine unglaublich wichtige Größe: Der neutrale Zins ist einfach zusammengefasst der Zinssatz, zu dem eine vollbeschäftigte Volkswirtschaft ihr Potential ausschöpft und zugleich das Preisniveau stabil bleibt. Das klingt kompliziert und ist es auch. Erschwerend hinzu kommt, dass diese Größe fiktiv ist, ein Ergebnis von anspruchsvollen Rechnungen und Schätzungen. Umgekehrt ist sie jedoch ziemlich hilfreich für die Notenbanker: Steigt dieser neutrale Zins, haben sie mehr Spielraum, die Leitzinsen anzuheben, sinkt er, fällt ihnen das eher schwer.

          Die schlechte Nachricht, die Yellen für alle diejenigen mitgebracht hatte, die auf steigende Zinsen hoffen, lautete nun: Dieser neutrale Zins wird nach ihrer eigenen und der Ansicht ihrer Währungshüter-Kollegen wohl noch längere Zeit sehr niedrig bleiben, länger als bislang vielleicht angenommen. Yellen selbst nannte drei Gründe dafür: Die wirtschaftlichen Entwicklungen im Rest der Welt, ein schwaches Produktivitätswachstum in Amerika und schließlich vergleichsweise wenige Haushaltsneugründungen ebenfalls in den Vereinigten Staaten.

          Auch die Wirkungsketten von jedem einzelnen dieser drei Punkte zur amerikanische Geldpolitik sind wieder kompliziert: Eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung etwa in China und anderen Schwellenländern und eine nach wie vor nur verhaltene Erholung in Europa führen zum Beispiel in der Tendenz zu niedrigeren Zinsen dort, die wiederum für sich genommen den Dollar wertvoller machen könnten gegenüber anderen Währungen, was wiederum amerikanische Produkte verteuert und damit die Wirtschaft eher bremst. Der aufwertende Dollar ist einer der wichtigsten Gründe, warum die amerikanische Notenbank ihrem ersten Zinsschritt seit beinahe einem Jahrzehnt im vergangenen Dezember bislang keine weiteren hat folgen lassen. Die amerikanische Notenbankerin Lael Brainard hat Ende des vergangenen Jahres einmal vorgerechnet (hier), dass beispielsweise eine reale Dollar-Aufwertung um 15 Prozent, wie sie zwischen Juni 2014 und Ende 2015 stattgefunden hat, einen mittelfristig um rund 1 Prozentpunkt niedrigeren Leitzins erfordere, um die amerikanische Wirtschaft vor den Folgen abzuschirmen.

          Junge Leute gründen weniger neue Haushalte

          Ein schwächeres Produktivitätswachstum, das Ökonomen nicht nur in den Vereinigten Staaten beobachten und über das sie schon länger rätseln, kann mehrere Gründe habe: Einer ist womöglich die demografische Entwicklung, älter werdende Gesellschaften sind weniger erfindungsreich - umso weniger Investitionen mit hoher Rendite gibt es, umso niedriger wiederum sind im Schnitt die Zinsen, die diejenigen bieten, die sich Geld leihen wollen (wenn sie nicht, wie viele große Firmen), nicht ohnehin gefüllte Kassen haben.

          Die nach Ansicht Yellens vergleichsweise niedrigen Haushaltsneugründungen in den Vereinigten Staaten sind wohl vor allem eine Folge der Finanzkrise und des eingebrochenen Immobilienmarktes, die noch nicht gänzlich abgeschüttelt ist. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ gründen überraschenderweise offenbar vermehrt vor allem Senioren neue Haushalte und nicht mehr jungen Menschen, die zum Studium oder danach zu Hause ausziehen. Die Haushaltsneugründungen gelten als wichtiger Indikator für den amerikanischen Immobilienmarkt - der wiederum auch wichtig dafür ist, wie viel die Amerikaner konsumieren und wie sich ihr Vermögen entwickelt.

          Yellen schätzt, dass sich alle drei Faktoren künftig eher verbessern könnten und sie und ihre Kollegen deswegen mittelfristig mehr Spielraum bekommen, um die Zinsen anzuheben. Derzeit scheint eine Grenze allerdings klar: Der neutrale Zins abzüglich der Inflation liegt in Amerika nahe null Prozent, wie die Währungshüterin mit Verweis auf Berechnungen vortrug. Das bedeutet, dass selbst dann, wenn die Inflation sich wieder dem Zielwert der Währungshüter von 2 Prozent annähern sollte, der Leitzins wohl ebenfalls höchstens auf 2 Prozent steigen könnte. Viel ist das, gemessen an den Jahrzehnten vor der Finanzkrise, nicht.

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