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Geldmarktfonds : Eine Schwächung des amerikanischen Finanzsystems

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Der frühere amerikanische Notenbankchef Paul Volcker sieht Geldmarktfonds als eine Gefahr für das amerikanische Finanzsystem. „Wenn Banken Wettbewerber haben, die unter völlig anderen Bedingungen arbeiten, schwächt dies das Finanzsystem.“

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          Der frühere amerikanische Notenbankchef Paul Volcker sieht Geldmarktfonds als eine Gefahr für das amerikanische Finanzsystem. Ihr Aufsichtsrecht sollte dem von Banken angenähert werden. „Banken bleiben das funktionelle Herz des Finanzsystems. Sie sind geschützt und reguliert“, sagte Volcker im Interview mit Bloomberg News. „Wenn sie Wettbewerber haben, die unter völlig anderen Bedingungen arbeiten, dann schwächt dies das Finanzsystem.“

          Geldmarktfonds investieren in kurzfristige Schuldverschreibungen, die für Unternehmen und Finanzinstitutionen eine wichtige Finanzierungsbasis bilden. Der 1971 entstandene Sektor verwaltet heute ein Anlagevolumen von rund 3,5 Billionen Dollar und bietet damit zahlreichen Unternehmen und Finanzdienstleistern eine Finanzierungsmöglichkeit außerhalb des Bankensektors - und das zu günstigeren Konditionen als Bankkredite.

          Commercial Paper: „ riesige Quelle liquider Mittel“

          Die Bedeutung des Sektors für die amerikanische Wirtschaft wurde im September deutlich, als der 62,5 Milliarden Dollar schwere Reserve Primary Fund zusammenbrach und einen Ansturm der Anleger auslöste. Das führte zu einem Einfrieren des Marktes für kurzfristige unbesicherte Schuldverschreibungen von Unternehmen, sogenannten Commercial Paper, so dass Tausende von Unternehmen plötzlich Schwierigkeiten hatten, sich zu finanzieren.

          Die Geldmarktfonds „sind für erstklassige Schuldner eine riesige Quelle liquider Mittel“, sagt Anthony J. Carfang, Partner bei der Beratungsgesellschaft Treasury Strategies in Chicago. „Sie sind hocheffizient und sehr transparent und reduzieren die Kapitalkosten.“ Die jährliche Rendite dreimonatiger Commercial Paper von Emittenten außerhalb des Finanzsektors lag in der vergangenen Woche bei 0,26 Prozent. Carfang schätzt, dass Unternehmen rund einen halben Prozentpunkt über dem Londoner Interbankensatz zahlen müssten, um solche Papiere mit Bankkrediten abzulösen. Das entspräche einem Zinssatz von 0,92 Prozent.

          Geldmarktfonds sind der größte Käufer für Commercial Paper. Ende März hielten die Geldmarktfonds 578,7 Milliarden Dollar an Commercial Paper, das sind 41 Prozent der unlaufenden Papiere, geht aus Daten der amerikanische Notenbank Federal Reserve hervor.

          Der Grund für die günstigen Konditionen der Geldmarktfonds liege darin, dass die Fonds nicht an Vorschriften wie die Anforderungen des Einlagensicherungsfonds gebunden seien, erläutert Volcker, der die Fed zwischen 1979 und 1987 leitete. Für die Aufsicht über die Fonds ist die amerikanische Wertpapierbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) zuständig.

          Ende der Geldmarktfonds in der bisher bekannten Form?

          Volcker fordert, dass die Fonds entweder sich der gleichen Aufsicht unterordnen wie die Banken oder ihre Flexibilität bei der Rechnungslegung aufgeben, mit der sie den Preis für ihre Anteile stabil bei einem Dollar halten können. Im Gegensatz zu Anleihefonds, die ihre Positionen zum aktuellen Marktwert ansetzen müssen, bewerten die Geldmarktfonds ihre Papiere zum erwarteten Rückzahlungsbetrag bei Fälligkeit - vorausgesetzt, beim Emittenten gibt es keinen Zahlungsausfall. Der konstante Preis der Anteile macht die Geldmarktfonds für Anleger besonders attraktiv.

          Der 81jährige ehemalige Notenbankchef hat sich bereits häufiger dafür ausgesprochen, Geldmarktfonds bei der Aufsicht ähnlich wie Banken zu behandeln. Da die Regierung von Präsident Barack Obama derzeit die Aufsichtsregelungen für die Fondsbranche überarbeitet, zeigen sich Fondsmanager betroffen von Volckers Vorschlägen. Diese „würden zu einem Ende der Geldmarktfonds in ihrer aktuellen Form“ führen, erklärte Paul Schott Stevens, Vorsitzender des Branchenverbands Investment Company Institute in Washington, im März.

          Bisher sind die Fonds um radikale Änderungen herumgekommen. Als die SEC am 24. Juni neue Regelungen für die Branche vorschlug, entsprachen diese im Großen und Ganzen den Empfehlungen der Branche. Am 15. September wird jedoch die präsidiale Arbeitsgruppe für den Finanzmarkt einen Bericht zur Branche veröffentlichen. Von der Regierung hatte die Gruppe den Arbeitsauftrag, zu prüfen, ob bei den Geldmarktfonds die Praxis des konstanten Anteilwerts von einem Dollar beendet werden sollte, oder ob die Fonds gezwungen werden sollten, für den Notfall liquide Mittel vorzuhalten.

          Die Nummer Eins bei Geldmarktfonds in den Vereinigten Staaten ist Fidelity Investments in Boston, die 506,3 Milliarden Dollar in solchen Fonds verwaltet. Das zeigen Daten des Analyseunternehmens Crane Data in Westborough, Massachusetts. Insgesamt managen unabhängige Vermögensverwalter wie Fidelity oder Blackrock rund die Hälfte des in Geldmarktfonds angelegten Kapitals. Der Rest entfällt auf Fondsgesellschaften, die zu Banken gehören. In dieser Kategorie ist J.P. Morgan Chase & Co. mit einem in Geldmarkfondsvolumen von 390,3 Milliarden Dollar der Platzhirsch.

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