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Geldmarkt : Anleger flüchten vor der Krise in die Liquidität

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Skyline Bild: Marcus Kaufhold

Die Unsicherheit ist groß: Die Banken und Versicherer reagieren auf die Verschärfung der Schuldenkrise, indem sie sich mehr Geld von der Europäischen Zentralbank leihen, während auch mancher Privatanleger Angst um sein Geld hat.

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          Unter den Anlegern wächst die Furcht vor einer Verschärfung der Schuldenkrise und eine Ansteckung auf andere Märkte. Liquidität ist für viele das Gebot der Stunde. Sie wollen schnell und sicher an ihr Geld kommen und schichten in Richtung Girokonto um oder investieren in Wertpapiere, die sich schnell und zuverlässig verkaufen lassen. Das gilt in Europa vor allem für deutsche Staatsanleihen. Ihre Rendite ist in den vergangenen zwei Wochen von knapp 2,9 auf 2,4 Prozent gesunken.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Risikoscheu und die Flucht in Liquidität ist auch bei den Banken zu beobachten. Sie haben in den vergangenen Tagen ihre aus Sicherheitsgründen gehaltene Überschussliquidität stark erhöht. Das hat zuletzt dazu geführt, dass sie große Summen in der nur mit 0,75 Prozent verzinsten Einlagenfazilität der Zentralbank parken mussten. Der Wert hat sich seit Beginn der Woche von knapp 50 auf gut 120 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Das ist der höchste Wert seit fünf Monaten.

          In den vergangenen beiden Wochen hätten die Banken wegen der prekären Lage in Italien und Spanien wieder deutlich mehr Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) geliehen, um sich einen Liquiditätspuffer zu verschaffen, hieß es auf dem Geldmarkt. Zunächst hätten die Banken ihre Anforderungen in der laufenden Mindestreserveperiode erfüllt. Weil das nun weitgehend geschehen ist, sei der Wert der Einlagenfazilität seit Montag sprunghaft gestiegen. Dass sich die Sorgen um die Stabilität der Banken wieder verschärft haben und so die Flucht in liquide Anlagen verstärkt, spiegelt sich auch in den Kosten für Absicherungsgeschäfte. Gemessen am Itraxx-Index für erstrangige Bankforderungen haben sich die Prämien für CDS auf europäische Großbanken seit April im Durchschnitt von 120 auf knapp 200 Basispunkte erhöht.

          „Der Informationsbedarf ist groß“

          „Gerade Banken und Versicherer haben früh reagiert und Risikobestände in Anleihen aus Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien abgebaut“, sagt Jörg Schubert, Vorstand von Bantleon, einer Fondsgesellschaft, die neben Versicherungsgesellschaften mittelgroße Banken wie Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken betreut. Auch ihre taktischen Aktienbestände hätten diese abgebaut und Kursgewinne realisiert.

          „Wir sehen vor allem eine Umschichtung in Liquidität“, sagt Schubert. Dass Banken und Versicherer verstärkt lang laufende Bundesanleihen kaufen, wie es der Renditerückgang vermuten lassen könnte, hat der Fondsexperte nicht feststellen können. Vielmehr interessierten sich institutionelle Investoren verstärkt für Absolute-Return-Produkte, die unabhängig von der Marktentwicklung eine positive Rendite versprechen.

          Thomas Bossert, der bei Fondsgesellschaft Union Investment das Portfolio-Management für institutionelle Kunden leitet, hat beobachtet, dass diese Großanleger – Banken, Altersvorsorgeeinrichtungen und Versicherer – vermehrt Sicherheit suchen. Er vermutet, dass die Banken, die sich jetzt verstärkt Liquidität bei der EZB besorgen, nicht unbedingt aus Deutschland kommen. Allerdings stellt er auch bei deutschen institutionellen Anlegern eine große Unsicherheit fest, obwohl sich diese nicht sofort in einer Flucht in Sicherheit ausdrückt. „Der Informationsbedarf ist zurzeit sehr groß“, sagt Bossert. „Anleger, die sonst eine höhere Rendite als der Vergleichsindex anstreben, denken jetzt stärker an Absicherung und absolute Renditen.“

          Unterschiedliche Reaktionen bei Privatanlegern

          Doch wie reagiert der Privatanleger? Kundenberater in den Sparkassen schildern unterschiedliche Eindrücke. Aus einer Sparkasse in Nordrhein-Westfalen heißt es: „Fast jeder unserer Kunden hat derzeit Angst um sein Geld.“ Nicht nur Aktienanleger beunruhige der jüngste Kursrutsch. Auch Kunden, die fast nur Bundesanleihen oder Sparkassenbriefe hielten, sorgten sich um die Werthaltigkeit. Gerade die ältere Generation, die Erfahrung mit Hyperinflation habe, treibe die Angst vor Geldentwertung wegen der hohen Staatsschulden um. Die Nachrichten, dass Italien und Spanien womöglich künftig keinen Zugang mehr zum Kapitalmarkt haben könnten, hätten viele Sparer aufgeschreckt: „Die Leute haben mehr Geld zu Hause, mehr Geld als üblich auf dem Girokonto und sie flüchten in Gold“, beobachtet der Sparkassenkundenberater in Nordrhein-Westfalen. Vor einem Jahr, nach Ausbruch der Griechenland-Krise habe man noch mit Engpässen bei der Bedienung der Goldnachfrage zu kämpfen gehabt: „Heute sind wir sofort lieferfähig, nur bei Sonderwünschen kann die Lieferzeit acht Tage betragen.“

          Ein Kundenberater einer hessischen Sparkasse dagegen kann schreckhaftes Verhalten nicht beobachten. Eine höhere Bargeldhaltung gebe es nicht. „Die Kunden stecken weiterhin ganz normal ihr Geld in festverzinsliche Anlagen.“ Dass die Zinsen historisch niedrig seien, werde achselzuckend hingenommen. Inflationsängste spielten in den Kundengesprächen kaum eine Rolle, Gold auch nicht.

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