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Geldanlage : „Wenn Sie es wollen - lebenslang!“

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Kein Herz für Hochzins-Sparer: Postbank-Tochter BHW in Hameln Bild: picture-alliance/ dpa

„Wir haben den Renditeknaller“, rührte die BHW vor Jahren die Werbetrommel für ein Produkt namens "Dispo Plus". Heute will die Bausparkasse nichts mehr damit zu tun haben. Sie stößt lieber ihre Kunden mit Vetragskündigungen vor den Kopf.

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          Als der „Dispo Plus“-Tarif 1999 schon zwei Jahre nach seiner Geburt nur noch ein Auslaufmodell war, wurden die BHW-Verkäufer im Rhein-Main-Gebiet ein letztes Mal auf ihn eingeschworen. Sie bekamen einen Stapel Flugblätter in die Hand gedrückt, auf der eine Uhr „Fünf vor zwölf“ anzeigt. „Der Star-Tarif für Sparer“, lautet die Überschrift. „Die Zeit läuft - jetzt noch Abschlussmöglichkeit, bis zu 5 Prozent Guthabenzins“, steht darunter.

          Ihre Aufgabe, noch so viel Verträge wie möglich unters Bausparervolk zu bringen, erfüllten die haupt- und nebenberuflichen Vertreter vorbildlich. Noch heute schlummern 400.000 Verträge aus dieser Tarif-Ära im Bestand des BHW - immerhin knapp 10 Prozent des Gesamtbestandes.

          „Niemand konnte ahnen, dass die Zinsen viele Jahre so niedrig sein würden“

          Was damals Anlass zum Schulterklopfen innerhalb der Bausparkasse gab, ist inzwischen zu einer ernsthaften Belastung für das Unternehmen geworden. Eine Verzinsung von 5 Prozent für eine risikolose Geldanlage ist seit der Jahrtausendwende nirgendwo mehr zu finden. „Damals konnte niemand ahnen, dass die Zinsen viele Jahre so niedrig sein würden“, blickt ein Sprecher des Unternehmens, das heute der Postbank gehört, zurück. Offenbar ist den meisten Sparern dieser Vorzug von „Dispo plus“ bewusst - sie denken deshalb gar nicht daran, in andere Tarifvarianten zu wechseln. Die Refinanzierung wird so zu einer schweren Bürde, das Hochzinsangebot von damals kostet die Bausparkasse heute richtig viel Geld.

          In ihrer Not griff das BHW vor drei Monaten zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Den ersten 7.000 Kunden im „Dispo Plus“ wurde der Vertrag einseitig gekündigt. Es ist ein bislang einmaliger Vorgang, die Kundschaft in dieser Art und Weise vor den Kopf zu stoßen. Doch die Abwägung zwischen Unternehmens- und Kundeninteresse muss wohl eindeutig ausgefallen sein. Ziel des Bausparens sei es, ein zinsgünstiges Darlehen zu bekommen, heißt es in einer Stellungnahme zu entsprechenden Kundenbeschwerden. „Bei Vollansparung kann von einem Bausparvertrag im Sinne des Bausparkassengesetzes nicht mehr die Rede sein.“

          Vor zehn Jahren klang das noch ganz anders. „Wir haben den Renditeknaller“, rührte der damalige Vorstandsvorsitzende Reinhard Wagner kräftig die Werbetrommel. „Damit hat auch derjenige, der später keine Bauwünsche realisieren will, einen guten Ertrag.“ Seinen Verkäufern rief er in einer Außendienstmitteilung zu: „In der Tat haben wir eine Botschaft, die Millionen Menschen - Bausparer und andere - jubeln lassen muss.“ Bei allen Mitarbeitern müsse die Erkenntnis reifen, „welch einen Volltreffer BHW gelandet hat“. In der Pressemitteilung zur Produktvorstellung wurde nicht der Hinweis vergessen: „Wer keine konkreten Bauabsichten hat, kann (inklusive Wohnungsbauprämie, Red.) Höchstrenditen von bis zu 7,2 Prozent erzielen.“

          Nach ihren Kunden lässt die Bausparkasse nun auch ihre Verkäufer im Stich

          Eine BHW-Kundin aus dem Rhein-Main-Gebiet zauberte in diesen Tagen aus ihren Unterlagen schließlich das „Fünf vor zwölf“-Flugblatt hervor, mit dem letztmals für das Hochzinssparen getrommelt wurde. Besonders hatte es ihr der darin enthaltene Punkt „Zinsgarantie“ angetan: „Wenn Sie wollen - lebenslang!“ Das Versprechen hielt gerade einmal acht Jahre - kürzlich bekam sie die Kündigung ihres Vertrages. Die Bausparerin beschwerte sich daraufhin bei der Ombudsfrau des Verbandes der Privaten Bausparkassen. Von dieser zur Stellungnahme aufgefordert, schrieb das BHW: „Die Beschwerde bezieht sich auf die selbstgefertigte Werbung eines selbständigen Handelsvertreters, die nicht von der BHW Bausparkasse autorisiert und dieser bislang auch nicht bekannt war.“

          Der nebenberufliche BHW-Verkäufer Wolfgang Kraft - er verteilte das Flugblatt in Offenbach - reagiert zunächst verblüfft auf den Versuch, ihm die falschen Versprechungen in die Schuhe zu schieben: „Das ist definitiv nicht von mir.“ Wenn es nicht aus der Zentrale in Hameln stamme, dann aus der Geschäftsstelle in Frankfurt. „Ich wäre gar nicht in der Lage gewesen, das zu machen.“ Dann darf er in der Stellungnahme des BHW an die Ombudsfrau noch lesen, dass die Bausparkasse ihm ohnehin nicht viel zutraut: „Die Werbung weist Rechtschreib- und Interpunktionsfehler auf und weicht für den Empfänger erkennbar von der professionell gestalteten, bekannten BHW-Werbung ab.“ Nach ihren Kunden lässt die Bausparkasse nun auch ihre Verkäufer im Stich.

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