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Gastkommentar : Greenspan-Rede sollte nur Politiker beschwichtigen

  • -Aktualisiert am

Bild: Deutsche Bundesbank, OECD, Deutsche Bank

Die jüngsten Aussagen von Notenbankpräsident Greenspan sorgten für Verwirrung am Rentenmarkt. Doch genau genommen ängstigen ihn derzeit weder Inflation noch Konjunktur, schreibt Rich Miller von BusinessWeek Online.

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          Für viele Finanzexperten klangen die Aussagen von Federal Reserve Chairman Alan Greenspan vor dem Kongreß am 20. und 21. Juli nach einer weitaus härteren Gangart als erwartet. Während er erneut wiederholte, daß die Zentralbank die Zinsen wahrscheinlich schrittweise anheben werde, war er gleichzeitig besonders bemüht, zu betonen, daß die Fed wenn nötig auch zu einem aggressiveren Vorgehen bereit sei, um die Inflation unter Kontrolle zu halten.

          Und außerdem äußerte er, die Wirtschaft sei stabil genug, um auch mit einer zügigen Zinserhöhung spielend fertig zu werden, sollte diese sich als nötig erweisen. Es war daher wenig überraschend, daß die Kurse der amerikanischen Schatzanleihen an beiden Tagen nach Greenspans Äußerungen einbrachen, da man befürchtete, der Zentralbankchef wolle damit den Weg für eine Trendwende in der Zinsstrategie ebnen.

          Greenspans Zuversicht: Wirtschaftsaufschwung bei niedriger Inflation

          Nun, eine härtere Gangart in Punkto Inflationsbekämpfung ist eine Sache. Aber wir wollen es mal nicht übertreiben. Sicher, Greenspan hat durch seine Aussagen deutlich gemacht, daß er sich mehr um einen möglichen Anstieg der Inflation als um eine Schwächung der Wirtschaft sorgt. Aber Tatsache ist, daß ihm beides nicht wirklich sehr zu schaffen macht. Er ist vielmehr zuversichtlich, daß die Wirtschaft auf einem guten Weg zu dauerhaftem Wachstum bei niedriger Inflation ist. Er glaubt darüber hinaus, daß die Fed aus eben diesem Grund an ihrer Strategie einer „maßvollen“ Zinserhöhung wird festhalten können.

          Es stellt sich nun also die Frage, warum er in seinen Aussagen einen möglichen Strategiewechsel andeutet. Das hat viel damit zu tun, in wessen Namen und vor welchem Auditorium Greenspan seine Aussagen machte. Man darf eines nicht vergessen: Als Greenspan diese Woche dem Kongreß den Halbjahresbericht der Fed präsentierte, tat er dies im Namen des gesamten Federal Open Market Committee, das die Zinspolitik der Zentralbank festlegt, und sprach somit nicht nur für sich selbst.

          Rede sollte Politiker-Sorgen ausräumen

          Einige Mitglieder dieses Komitees machen sich deutlich mehr Sorgen um einen möglichen Anstieg der Inflation als Greenspan. Sie stehen Greenspans Argumentation, der Anstieg der Inflation in diesem Jahr sei nur eine vorübergehende Entwicklung, skeptisch gegenüber und fühlen sich daher mit seinem Plan einer schrittweisen Zinserhöhung entsprechend unwohl. Indem er betonte, daß die Fed bereit sei, alles Nötige zu tun, um die Inflation niedrig zu halten, brachte Greenspan zum Teil diese Befürchtungen öffentlich zum Ausdruck.

          Schon vor Beginn seiner Aussage am 20. Juli wurde Greenspan von Politikern beider Parteien dahingehend bedrängt, die erwarteten Zinserhöhungen angesichts der jüngsten Flut schwacher Wirtschaftsdaten zu drosseln. „Diese [Wirtschaftsdaten] stellen die positiven wirtschaftlichen Aussichten in Frage“, sagte Senator Paul S. Sarbanes (Demokrat/Maryland), der andeutete, die Fed könnte darauf mit einer veränderten Politik in Form einer langsameren Zinserhöhung reagieren. „Ich hoffe, die Fed schaltet [in Sachen Zinserhöhung] nicht auf Autopilot“, fügt Senator Jim Bunning (Republikaner/Kentucky) hinzu. „Ich möchte nicht, daß aus einem Schluckauf [der Wirtschaft] eine ausgewachsene Grippe wird.“

          Wahrscheinlich hat Greenspan gehofft, derlei Bedenken mit seinen Aussagen auszuräumen. Er weiß, daß es noch lange dauern wird, bis die Fed die Zinsen auf ein normaleres Niveau erhöht haben wird. Selbst nach der Erhöhung der kurzfristigen Zinsen durch die Fed Ende Juni um ein viertel Prozentpunkt bleibt die Geldpolitik extrem expansiv.

          Geldpolitik weiterhin expansiv, aber Dämpfung der Inflationserwartungen

          Mit 1,25 Prozent ist der Tagesgeldsatz - also der Zinssatz, den die Banken untereinander für Tagesgeld berechnen - so niedrig wie seit mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr. Und - was noch entscheidender ist - er liegt unterhalb der Inflationsrate. Nach Abzug der Kosten für Nahrungsmittel und Energie war der Private Verbraucherpreisindex, den die Fed bevorzugt zur Messung der Inflation heranzieht, im Mai um 1,6 Prozent höher als vor einem Jahr. Wenn man sich an der historischen Entwicklung orientiert, sollte der Tagesgeldsatz 2,5 bis drei Prozent höher sein als die Inflation statt niedriger.

          Greenspans harte Worte zum Thema Inflation dienen auch noch einem anderen Zweck. Sie tragen dazu bei, die Inflationserwartung in Grenzen zu halten. Das ist von entscheidender Bedeutung, da steigende Preise eine Spirale in Gang setzen. Wenn Unternehmen und Mitarbeiter erst einmal von Preissteigerungen ausgehen, handeln sie in einer Weise, die die inflationäre Spirale erst richtig in Gang bringt. Die Unternehmen werden eher die Preise erhöhen und die Mitarbeiter werden sich aggressiver für höhere Löhne einsetzen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

          Im Moment denkt Greenspan nicht, daß das passieren wird. Er ist wahrscheinlich tatsächlich im Hinblick auf die wirtschaftlichen Perspektiven so entspannt wie ein eher besorgter Zentralbanker es sein kann. Ignorieren wir das Gerede auf dem Rentenmarkt. Greenspan scheint an seinem Plan, die Zinsen schrittweise anzuheben, festzuhalten, und sein scharfer Ton vor dem Kongreß ist Teil dieser Strategie.

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