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Garantiezinssenkung : Front der Lebensversicherer bröckelt

Der GDV befürchtet, dass Lebensversicherungen für Kunden an Attraktivität verlieren Bild: dpa

Lebensversicherer sollen ihre künftigen Verpflichtungen nur noch mit 1,75 Prozent abzinsen können. Bis Mitte Januar dürfen der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, Verbraucherschützer und die Deutsche Aktuarvereinigung dazu Stellung nehmen.

          Die Ablehnung aus der Branche ist deutlich. Selbst wenn man sehr vorsichtig rechne, sei es nicht notwendig, den derzeitigen Garantiezins von 2,25 Prozent zu senken, lässt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wissen. Das Bundesfinanzministerium sieht das anders: Nur noch mit 1,75 Prozent sollen die Lebensversicherer ihre künftigen Verpflichtungen abzinsen können. Bis Mitte Januar dürfen GDV, Verbraucherschützer und die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) dazu Stellung nehmen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          So vehement der Versichererverband die radikale Senkung auch ablehnt, in der Branche gibt es erste Stimmen, die das Ministerium unterstützen: „Wir brauchen Spielraum, um unser Risikokapital zu steuern. Deshalb bin ich ein großer Freund davon, die Garantieverzinsung auf 1,75 Prozent zu senken“, sagt Helmut Hofmeier, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Leben. Die neuen Aufsichtsregeln, die von 2013 an gelten sollen, zwingen die Versicherer erstmals dazu, ehrlich auszurechnen, welcher Kapitalbedarf sich aus ihren langfristigen Garantien ergibt. Anders als früher lassen die Aufsichtsbehörden Schockszenarien rechnen - etwa ein Absinken der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf 1,5 Prozent. Die Versicherer müssen solche Entwicklungen auffangen können und trotzdem sicherstellen, dass sie ihr Versprechen einhalten können.

          „Die Zinsentwicklung des vergangenen Jahres hat gezeigt, dass wir nicht weiter machen konnten wie bisher“, sagt auch Norbert Heinen, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Versicherungen. Deshalb sei es vernünftig, den Rechnungszins zu senken. So müsse sogar grundsätzlich in Frage gestellt werden, ob man weiter Garantien, die über 60 oder 70 Jahre eingehalten werden müssen, auf Basis vergangener Zinsen aussprechen könne. Schließlich ließen sich am Kapitalmarkt kaum Titel finden, die längere Laufzeiten als 30 Jahre hätten.

          Garantiezins wird nur auf den Sparanteil der Beiträge angerechnet

          Anders als üblich hält sich das Ministerium von Wolfgang Schäuble (CDU) mit seinem Vorstoß nicht an eine Empfehlung der DAV, die diese auf Basis der durchschnittlichen Umlaufrendite der vergangenen zehn Jahre abgibt. Brisant ist die Idee aus Berlin auch deshalb, weil der Vorschlag schon zum 1. Juli umgesetzt werden soll. Die Empfehlung der DAV, den Zins bei 2,25 Prozent zu belassen, hatte bis Ende 2011 gegolten. In der kommenden Woche wird sie dem Ministerium ihren Vorschlag für 2012 vorlegen.

          Trotz seiner grundsätzlichen Zustimmung hält Heinen die Frist bis zum 30. Juni für zu ambitioniert. Mit 1,75 Prozent würde der Zins auf ein Niveau abrutschen, auf dem fraglich wäre, ob die Versicherer garantieren könnten, die eingezahlten Beiträge mindestens zu erhalten. Dazu sind sie etwa bei Riester-Verträgen gesetzlich gezwungen. Denn der Garantiezins wird nur auf den Sparanteil der Beiträge angerechnet. Was der Versicherer für den Abschluss und die Verwaltung der Police ausgibt und für den Todesfallschutz reserviert, wird von den Prämien abgezogen, so dass oft nur noch 80 Prozent der Beiträge verzinst werden.

          GDV befürchtet, dass Lebensversicherungen an Attraktivität verlieren

          „Eine Senkung unter 2,25 Prozent würde für die meisten Unternehmen bedeuten, dass sie ihre Kostenstrukturen anpassen müssen“, gibt Heinen zu bedenken. Abschlusskosten könnten dann nicht mehr in den ersten Jahren der Vertragszeit abgegolten werden, sondern müssten wie bei Investmentfonds auf mehr Jahre verteilt werden. „Das wäre ein größerer Eingriff in die Produktwelt, der nicht in so kurzer Zeit zu bewältigen ist.“

          Der GDV befürchtet, dass Lebensversicherungen für Kunden an Attraktivität verlieren. Der Garantiezins gilt für neue Verträge und kann nicht nachträglich gesenkt werden. Das ist eines der Verkaufsargumente der Branche mit ihren rund 91 Millionen Lebensversicherungen. Davon sind 13,5 Millionen fondsgebundene Policen, bei denen die Kunden das Anlagerisiko allein tragen. Über den Garantiezins hinaus gewähren die Unternehmen laufende Überschussbeteiligungen und bei Ablauf einen Schlussüberschuss. Die laufende Verzinsung ist zuletzt abermals gefallen. Lag sie im Marktdurchschnitt im vergangenen Jahr nach Angaben der Ratingagentur Assekurata bei 4,19 Prozent, ist sie nach Auswertung von 61 von 74 Versicherern auf 4,10 gefallen. Von diesen haben 40 ihre Überschussbeteiligung gesenkt, darunter die beiden marktführenden Allianz und R+V sowie die Zurich und die Debeka, der fünft- und der sechstgrößte Anbieter. Einige Gesellschaften senkten sogar um 0,4 Punkte: der Volkswohl Bund von 4,75 auf 4,35 Prozent und die Neue Bayerische Beamten von 4,5 auf 4,1 Prozent.

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