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Geldpolitik : Was tut die EZB jetzt noch?

Mit ihren Versuchen, Wachstum zu erzeugen, bisher mäßig erfolgreich: die Europäische Zentralbank Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen schon weit gesenkt. Trotzdem ist die Inflation nahe Null. Gibt es einen Ausweg?

          3 Min.

          Die Gefahr ist groß, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Pulver schon längst verschossen hat. Denn am Montag sind die Anleger vor der geldpolitisch wichtigen Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag auf Nummer sicher gegangen und haben Kasse gemacht. Der Dax gab um 0,5 Prozent auf 9779 Punkte nach.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf dem EZB-Präsidenten Mario Draghi lastet ein hoher Erwartungsdruck. Bleibt seine schon in Aussicht gestellte weitere geldpolitische Lockerung hinter den Erwartungen zurück, könnte die Stimmung an den Märkten kippen und die Kurse deutlich fallen. Die Marktteilnehmer erwarten überwiegend eine weitere Senkung des Einlagensatzes sowie eine Ausweitung des Anleihenkaufprogramms.

          Der Einlagensatz beträgt seit dem 9. Dezember 2015 minus 0,3 Prozent. Erstmals hatte die EZB einen Strafzins auf die Einlagen, die Banken bei ihr parken, im Juni 2014 eingeführt. Darüber hinaus kauft sie Staatsanleihen, mit Hypotheken- oder Staatskrediten unterlegte Bankenanleihen sowie Anleihen staatlicher Unternehmen im Monat für 60 Milliarden Euro.

          Doch nach Ansicht von Frank Engels, Leiter des Rentenfondsmanagements der Union Investment, haben diese Maßnahmen ihre Wirkung bislang verfehlt. Im Februar lag die Inflationsrate mit minus 0,2 Prozent weit von der EZB-Zielrate von 2 Prozent entfernt. Darüber hinaus trübt sich die Konjunktur im Euroraum ein.

          „Stabilität unterhalb von 2 Prozent definieren“

          Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise hält eine Absenkung des Einlagenzinses auf minus 0,4 Prozent „und/oder“ eine Ausweitung der Anleihenkäufe auf 75 bis 80 Milliarden Euro für wahrscheinlich, kritisierte diese Schritte aber. „In Deutschland sind nachteilige Wirkungen der Niedrigzinspolitik auf die Sparer nach meiner Auffassung nicht zu bestreiten“, sagte Heise und verwies insbesondere auf die kapitalgedeckte Altersvorsorge: „Die Renditen von Lebensversicherungen und anderen langfristigen Sparformen sinken. Unternehmen müssen einen noch größeren Teil ihrer Gewinne für die Pensionsrücklagen verwenden, der für produktive Investitionen dann nicht zur Verfügung steht.“

          Sein Vorschlag: Das Zwei-Prozent-Ziel für die Inflation nicht mehr „mechanistisch“ verfolgen. „Preisstabilität als eine Inflationsrate unter 2 Prozent zu definieren, wie es die EZB vor 2003 einmal gemacht hat, würde die nötige Flexibilität geben.“

          Engels, einer der Anlagestrategen von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, erwartet am Donnerstag eine „Draghi-Trilogie“ an Lockerungsmaßnahmen. Er rechnet mit einer Verschärfung des Strafzinses um 0,2 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent. Das Kaufprogramm dürfte um 10 bis 15 Milliarden Euro im Monat ausgeweitet werden. Schließlich stellt er sich auf einen neuen Langfristtender ein, über den sich die Banken für mehrere Jahre mit sehr günstigem Geld versorgen können.

          Gestaffelter Einlagensatz

          Doch die EZB verstärke die Verzerrungen im Finanzsektor, indem sie die Zinsen und mittelbar die Anleiherenditen verstärkt in negatives Terrain treibe, gibt Engels zu bedenken. Denn die negativen Zinsen nagen an der Profitabilität der Banken sowie der Versicherer, Pensionskassen und Bausparkassen.

          Die harten Daumenschrauben, die den Banken über Strafzinsen und dahinschmelzende Zinserträge angelegt wurden, begrenzten nun die Handlungsfähigkeit der Notenbank, geben die Analysten der Bayerischen Landesbank zu bedenken. Zwar sagen sie eine Senkung des Einlagensatzes auf minus 0,4 Prozent voraus, gleichzeitig halten sie es für möglich, dass die EZB die Belastungen für den Bankensektor durch ein mehrstufiges System gering halten will.

          Einen gestaffelten Einlagensatz betrachten auch die Analysten der Commerzbank und der französischen Bank BNP Paribas für denkbar. Ein mehrstufiges System von Einlagenzinsen oder Freibeträgen biete die Möglichkeit, die negativen Zinsen noch weiter zu senken, aber die Belastungen für Banken zu begrenzen, weil sie erst ab einer bestimmten Einlagenhöhe gelten.

          Kosten haben sich verzehnfacht

          Nach Berechnungen der Analysten der Bank of America haben sich die Kosten der Banken durch den Strafzins seit der Einführung auf jährlich 2 Milliarden Euro verzehnfacht. Diese könnten auf 20 Milliarden Euro bei einem Strafzins von minus 1 Prozent steigen.

          Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley glaubt zwar auch, dass der Einlagenzins nur um 10 Basispunkte auf minus 0,4 Prozent gesenkt wird, hält aber eine größere Steigerung der Anleihenkäufe um 20 Milliarden Euro auf 80 Milliarden Euro im Monat für wahrscheinlich.

          „Die Unruhe, die der negative Einlagenzins in Teilen des Bankensystems geschaffen hat, könnte die EZB dazu bewegen, künftig kleinere Retailbanken davon auszunehmen“, meinte Morgan-Stanley-Ökonomin Elga Bartsch. Aus ihrer Sicht wäre es für die EZB nicht sinnvoll, eine größere, aber möglicherweise weniger effektive Senkung des Einlagenzinssatzes anzukündigen.

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