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Fremdkapitalbeschaffung : Der Zertifikatemarkt als Finanzierungsquelle

  • -Aktualisiert am

Emittentenrisiko am Zertifikatemarkt. Bild: F.A.Z.

Immer mehr Banken werden am Anleihemarkt immer kritischer gesehen. Die Fremdkapitalbeschaffung über die Ausgabe von Zertifikaten gewinnt so an Bedeutung.

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          Der Zugang zu Fremdkapital ist für die meisten Banken im Laufe der Finanzkrise teurer geworden. Am Anleihemarkt verlangen Investoren immer höhere Risikoprämien, die viele Banken nicht mehr tragen können oder wollen. Nach Angaben der Landesbank Baden-Württemberg wurden in diesem Jahr nur noch unbesicherte Bankanleihen im Volumen von 205 Milliarden Euro begeben und damit so wenig wie nie in den vergangenen zehn Jahren. Im Jahr 2006, dem letzten Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise, hatte das Volumen noch mehr als 430 Milliarden Euro betragen, vergangenes Jahr waren es immerhin noch mehr als 280 Milliarden Euro.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Alternative zur Finanzierung über den Anleihemarkt hat indes der Zertifikatemarkt an Bedeutung gewonnen. Rechtlich sind Zertifikate ebenso wie Anleihen Schuldverschreibungen. Der Anleger wird also ebenfalls Gläubiger der Bank und die Tilgung hängt von der Zahlungsfähigkeit der Bank ab, die ein Zertifikat begeben hat. Mit einem Gesamtvolumen von gut 100 Milliarden Euro ist der deutsche Zertifikatemarkt zwar als Finanzierungsquelle für Banken nicht von entscheidender Bedeutung, gerade für Banken mit schwächerer Bonität ist die Fremdkapitalbeschaffung über die Ausgabe von Zertifikaten jedoch mitunter lukrativ.

          Anreize für den Filialvertrieb, die Produkte zu verkaufen

          Ein klassisches Beispiel stellt die West LB dar. Ihr Ruf am Kapitalmarkt ist angeschlagen, weswegen die Finanzierung über die Ausgabe von unbesicherten Bankanleihen teuer ist. Am Zertifikatemarkt muss die West LB zwar auch höhere Renditen bei sonst gleicher Produktgestaltung bieten als die als sicherer eingestufte Konkurrenz. Die Risikoaufschläge sind jedoch nicht so hoch wie am Anleihemarkt. Besonders deutlich wird dies bei als „strukturierte Anleihen“ bezeichneten Zertifikaten. Sie sind mit einem Anteil von fast 50 Prozent am Zertifikatemarkt die mit Abstand größte Produktklasse. Der Anleger geht hier kein Aktienkursrisiko ein, sondern bekommt wie bei einer Anleihe auch eine Rückzahlung zu 100 Prozent zugesichert und überdies Kuponzahlungen. Hier spielt die Bonität des Emittenten wegen der meist langen Laufzeit und der Produktstruktur eine besonders große Rolle.

          Die West LB als einer der am riskantesten eingestuften Zertifikateemittenten hat am Markt für strukturierte Anleihen eindeutig die Marktführerschaft errungen. Sie hat nach den jüngsten Angaben des Deutschen Derivate Verbandes (DDV) im September mehr als 11 Milliarden Euro an strukturierten Anleihen ausstehen gehabt. Die gemessen an den Kosten für Versicherungen gegen einen Anleiheausfall (Credit Default Swap, CDS) ebenfalls als überdurchschnittlich riskant eingestufte Commerzbank folgt mit einem Volumen von knapp zehn Milliarden Euro auf Platz zwei. Amerikanische Banken wie Morgan Stanley oder Bank of America Merrill Lynch nehmen zwar an der DDV-Statistik nicht teil, haben sich aber auf diesen Bereich des deutschen Zertifikatemarktes fokussiert.

          Zertifikateexperten attestieren diesen Banken eine Mischkalkulation: Zwar müssen sie wegen ihrer schlechten Bonitätseinstufung auch am Zertifikatemarkt gewisse Risikoaufschläge zahlen, diese fallen jedoch geringer aus als am Anleihemarkt. Damit die Zertifikate trotzdem von Anlegern gekauft werden, wenden sie einen Teil der Einsparungen bei den Finanzierungskosten für höhere Provisionszahlungen auf. So hat der Filialvertrieb Anreize, die Produkte zu verkaufen. Der West LB und der Commerzbank kommt hierbei zudem zugute, dass sie auf ein starkes eigenes Filialnetz zurückgreifen können. Viele Anleger nehmen aber auch bewusst das höhere Ausfallrisiko des Emittenten in Kauf und vereinnahmen dafür höhere Renditen.

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