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Französische Staatsanleihen : Die Grande Nation schwächelt

Sarkozy will vor der Wahl nur ungern sparen Bild: AFP

Frankreich muss hohe Zinsen zahlen. Sein Top-Rating ist bedroht. Jetzt schlägt die Stunde der mutigen Investoren.

          3 Min.

          Zuerst wurde alles dem Computer zugeschoben. Vor gut zwei Wochen hatte die Ratingagentur Standard & Poor's gemeldet, Frankreichs Rating werde herabgestuft. Noch am selben Tag aber ruderte sie zurück. Es habe sich lediglich um eine Panne bei der elektronischen Versendung von Mails gehandelt. "Am Markt hat das keiner geglaubt", sagen Banker.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vergangene Woche dann kam es schriftlich. Zunächst allerdings von der Ratingagentur Moody's. In deren wöchentlichem Konjunkturausblick hieß es am Montag, die steigenden Refinanzierungskosten des französischen Staates belasteten Kreditwürdigkeit und Ausblick für Frankreich. Am Donnerstag teilte dann auch die Agentur Fitch mit, die Top-Bonität Frankreichs sei in Gefahr.

          Probleme lange verdrängt

          So paradox es klingt: Frankreich muss hohe Zinsen für seine Staatsschulden zahlen. Deshalb könnte sein Rating schlechter werden. Eben dadurch aber dürften die Zinsen noch weiter steigen.

          Viele Anleger beunruhigt das. Sie fragen sich: Wie ernst ist die Lage in Frankreich wirklich? Was würde eine Herabstufung des Ratings bedeuten? Und was heißt das für Anleger in aller Welt?

          Bild: F.A.Z.

          Sicher ist: Schon seit längerem behandeln Investoren Frankreich deutlich anders als Deutschland. Das belegt ein Renditeaufschlag von zum Teil mehr als 1,50 Prozentpunkten von zehnjährigen französische Staatsanleihen zu vergleichbaren deutschen Titeln. "Die französischen Politiker haben sich viel zu spät eingestanden, dass auch Frankreich ernstzunehmende Probleme hat", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

          Frankreich habe seit Beginn der Währungsunion seine Löhne deutlich stärker gesteigert als seine Produktivität: "Es hat ähnlich wie die Peripherieländer massiv an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt." Außerdem habe es in den vergangenen Jahren hohe Haushaltsdefizite zugelassen.

          Rettungsaktionen belasten auch Frankreich

          Unter den mit der Bestnote "AAA" bewerteten Euroländern steht Frankreich mit seinem recht hohen Haushaltsdefizit bereits jetzt am schlechtesten da. Das Land könnte sein "AAA" durchaus im kommenden Jahr verlieren, meint Krämer. Die nächst niedrigere Stufe wäre "AA+". "Schlittert Frankreich, wie von uns erwartet, bald in die Rezession, steigt der Druck auf die Staatsfinanzen weiter." Und wegen der Präsidentenwahl im Frühjahr nächsten Jahres ist es für die Regierung unter Nicolas Sarkozy schwierig, Ausgaben zu senken oder Steuern zu erhöhen.

          Bild: F.A.Z.

          Vieles spricht deshalb dafür, dass der Renditeaufschlag für französische Staatsanleihen weiter steigen wird. "Ich halte die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls französischer Staatsanleihen trotzdem für ausgesprochen gering", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der VP Bank.

          Frankreich hat zwar eine hohe Staatsverschuldung. Seine Banken sind außerdem stark in südeuropäischen Staatsanleihen engagiert. Und wie Deutschland übernimmt das Land im Zuge der Euro-Rettungsaktionen erhebliche zusätzliche Risiken. "Die Wirkung sollte nicht unterschätzt werden", meint Zeuner.

          Rückwirkung auf den EFSF

          Trotzdem unterscheidet sich das Land hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit stark etwa von Griechenland - und auch von Italien. "Frankreich kann sich eine höhere Zinsbelastung eine Zeitlang leisten", meint Zeuner, "wenn das Ende absehbar ist und der Grund vor allem in einer allgemeinen Unsicherheit in Europa besteht."

          Bild: F.A.Z.

          Auswirkungen hätte eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs allerdings auf den Euro-Rettungsfonds EFSF. "Das Rating des Rettungsfonds hängt vom Rating der Garantiegeber ab", sagt Zeuner. Wenn Frankreichs Rating sich verschlechtere, gebe es im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder der Topf müsste nachgefüllt werden - oder er könnte weniger ausgeben. "Wollte der EFSF seine Bestnote behalten, müsste er sein maximales Ausleihevolumen kürzen", sagt Bankvolkswirt Krämer. Das würde Europas Politiker vor zusätzliche Probleme stellen.

          Einstiegschancen

          Für Anleger bietet die Situation im Prinzip zwei Reaktionsmöglichkeiten. Vorsichtige Anleger, die auf keinen Fall weitere Verluste hinnehmen wollen, sollten sich von ihren französischen Staatsanleihen trennen. "Das bedeutet allerdings für die meisten einen Verlust, weil sie die Anleihen teurer gekauft haben, als sie diese jetzt verkaufen können", sagt Zeuner.

          Bild: FAZ

          Mutige Investoren hingegen können die gegenteilige Strategie verfolgen: Wer nicht annimmt, dass die ganze Eurozone den Bach hinuntergeht, der kann langlaufende französische Staatsanleihen in der nicht abwegigen Hoffnung kaufen, dass das Land seine Schulden zu hundert Prozent bedienen wird. "Die Risikoaufschläge für europäische Staatsanleihen insgesamt sind derzeit sehr hoch", meint Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Bank Unicredit. "Da gibt es massive Übertreibungen."

          Kurzfristig hätte eine Herabstufung des französischen Ratings vermutlich Folgen sowohl für die Anleihen- wie auch die Aktienmärkte. Es würde zunächst bergab gehen mit den Kursen. "Es wäre eine Erhöhung des Gesamtrisikos", formuliert Zeuner. Allerdings zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten, deren Kreditwürdigkeit unlängst von S & P herabgestuft und von Moody's mit einem negativen Ausblick versehen wurde, dass die Folge nicht unbedingt eine dauerhafte weltweite Panik sein muss.

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