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Dax-Tief : Wetten gegen Deutschland

Der Bär ist erwacht: Am deutschen Aktienmarkt fallen die Kurse. Bild: Reuters

Zahlungskräftige Spekulanten nehmen Deutschland ins Visier: Sie gehen davon aus, dass es mit den deutschen Kursen bergab geht und damit ihre Rendite steigt. 

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          Die Stimmung gegenüber deutschen und europäischen Anleihen beginnt an den Finanzmärkten zu drehen. Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) gelten einer wachsenden Zahl von Marktteilnehmern nicht länger als ein Garant für stetig sinkende Renditen. Vorletzte Woche hatte der früher „Anleihekönig“ genannte amerikanische Fondsmanager Bill Gross gesagt, eine Baissespekulation bei zehnjährigen Bundesanleihen sei eine Gelegenheit, wie sie nur selten im Leben vorkomme. Gross setzt auf sinkende Kurse und damit im Gegenzug auf steigende Renditen.

          Nunmehr hat sich mit Jerry Gundlach, dem Gründer der Investmentgesellschaft Doubleline Capital, ein weiterer prominenter amerikanischer Marktteilnehmer der Ansicht angeschlossen. Gundlach sagte am Mittwoch, auch er erwäge eine Spekulation gegen deutsche Anleihen. Zurückhaltend äußerte sich auch Yngve Slyngstad, der Vorstandsvorsitzende des großen staatlichen norwegischen Pensionsfonds.

          Der Fonds halte aus Gründen der Vorsicht einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Anleihen mit kurzen und mittleren Laufzeiten, sagte Slyngstad. Er sehe keinen Grund, mehr Anleihen mit langen Laufzeiten zu kaufen. Im Falle eines Renditeanstiegs erlitten langlaufende Anleihen größere Kursverluste als Papiere mit kurzen Laufzeiten.

          Furcht vor Deflation schwindet

          Zur sich wandelnden Marktstimmung passte die Meldung, dass zur Wochenmitte die Aufstockung einer fünfjährigen Bundesobligation unter einer schwachen Nachfrage litt. Der Bund hatte beabsichtigt, das Volumen des Papiers um vier Milliarden Euro aufzustocken, aber er erhielt nur Gebote über 3,6 Milliarden Euro. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg auf 0,28 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Mitte März. Erstmals seit einiger Zeit wiesen auch Bundesanleihen mit siebenjähriger Restlaufzeit wieder eine positive Rendite aus.

          Steigende Renditen waren aber nicht nur in Deutschland, sondern an den Anleihemärkten aller Industrienationen zu beobachten. Getrieben wurden die steigenden Renditen im Euroraum von Anzeichen eines sich beschleunigenden wirtschaftlichen Aufschwungs, während gleichzeitig die Furcht vor einer Deflation zunehmend schwindet. Die EZB berichtete am Mittwoch, dass die Geldmenge M3 im März gegenüber dem Vorjahr mit einer Rate von 4,6 Prozent gewachsen ist. Auch die Kreditvergabe nimmt im Euroraum langsam wieder zu.

          Früher Einstieg lohnt sich nicht

          Unter der Ausverkaufsstimmung litt auch der deutsche Aktienmarkt, an dem sich der Dax um 3,2 Prozent auf 11.433 Punkte ermäßigte. Damit liegt der Dax rund 1000 Punkte unter seinem historischen Höchststand. Die deutschen Aktienkurse litten unter der Erholung des Euros am Devisenmarkt. Die Gemeinschaftswährung stieg bis auf 1,1188 Dollar und erreichte damit gegenüber der amerikanischen Währung ihren höchsten Stand seit Anfang März.

          In den vergangenen Monaten war der Dax parallel zur Abwertung des Euros gestiegen, getrieben durch Käufe großer amerikanischer Kapitalanleger. Nunmehr könnte sich dieser Trend umkehren und der deutsche Aktienmarkt unter einer Aufwertung des Euro leiden, wenn die amerikanischen Großanleger die Gelegenheit nutzen sollten, um Gewinne bei deutschen Aktien mitzunehmen.

          Viele ausländische Großanleger waren in der jüngsten Hausse früher in den deutschen Aktienmarkt eingestiegen als deutsche Investoren. Daher sitzen zahlreiche ausländische Besitzer deutscher Aktien auch auf dem aktuellen Kursniveau immer noch auf hohen unrealisierten Gewinnen.

          Amerika verliert an Dynamik

          Die Stärke des Euro erklärt sich unter anderem mit einer wachsenden Enttäuschung von Marktteilnehmern über die wirtschaftliche Entwicklung jenseits des Atlantiks. In den Vereinigten Staaten scheint das Wirtschaftswachstum an Dynamik zu verlieren, wie eine ganze Reihe unerwartet schwacher Daten in den vergangenen Wochen zeigt. Am Mittwoch veröffentlichte die Regierung für das erste Quartal 2015 ein Wirtschaftswachstum von lediglich 0,2 Prozent. Die amerikanischen Börsen schlossen am Mittwoch mit geringen Verlusten. Der Dow-Jones-Index  lag mit 18.035 Punkten 0,4 Prozent im Minus. Auch der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2106 Zählern 0,4 Prozent tiefer. Die
          Technologiebörse Nasdaq schloss bei 5023 Punkten, ein Minus von 0,6 Prozent.

          Rendite der Bundesanleihen: Verlauf seit Januar
          Rendite der Bundesanleihen: Verlauf seit Januar : Bild: F.A.Z.

          Die amerikanische Notenbank Fed hielt am Mittwochabend trotz des abgeschwächten Wachstums an ihrem Ziel fest, sich von Leitzinsen nahe Null zu verabschieden. Nach der zweitägigen Sitzung des Offenmarktausschusses räumten die Notenbanker ein, dass sich das Wachstum während der Wintermonate verlangsamt habe. Sie führten das aber zum Teil auf Faktoren zurück, deren Wirkung befristet sei. Die Inflation liege noch immer unter der Zwei-Prozent-Marke, die die Fed zur langfristigen Zielmarke erkoren hat: Die verringerten Preise für Energie und für Importgüter sind ursächlich dafür.

          Die Fed erwartet, dass die Wirtschaft weiter wachsen und sich der Arbeitsmarkt verbessern wird. Die Notenbank sieht den Zeitpunkt für eine Zinsanhebung gekommen, wenn sie genügend zuversichtlich ist, dass sich die Inflation mittelfristig der Zielmarke von 2 Prozent nähert, und wenn vom Arbeitsmarkt bessere Zahlen kommen. Nach der Prognose der Mehrheit der professionellen Notenbankbeobachter wird der Leitzins im Juni leicht angehoben.

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