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Folgen der Geldpolitik : Angriff auf das Vermögen

Die Inflation verschlingt das Vermögen der Sparer Bild: Illustration Getty

Mehr als 100 Milliarden Euro verlieren die Sparer auf der ganzen Welt jedes Jahr, weil die Zinsen niedriger sind als die Inflation. Das ist der Preis für die Rettung der Schuldenstaaten.

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          Wer ein Sparkonto hat, kennt das Drama: Zwar schreibt die Bank einem am Jahresende ein paar mickrige Zinsen gut. Aber das ist nur Bluff. In Wirklichkeit hat das Geld auf dem Konto im Laufe des Jahres mehr an Wert verloren, als man an Zinsen bekommt. Und zwar durch die Inflation: Wenn man Geld und Zinsen nach einem Jahr abhebt, bekommt man im Supermarkt dafür weniger, als wenn man das Geld gleich ausgegeben hätte.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Negative Realzinsen“ nennt sich diese klammheimliche Enteignung der Sparer. Sie findet nach Erhebungen der Weltbank derzeit in immerhin 23 Ländern statt und hat eine gewaltige Größenordnung erreicht. Weltweit verlieren die Sparer auf diese Weise rechnerisch mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr, wie aus Kalkulationen der Dekabank und des Instituts der Deutschen Wirtschaft für die F.A.S. hervorgeht.

          Hinter dieser dreisten Schröpfung der Sparer steckt nichts anderes als die Krisenpolitik der Notenbanken. Die Europäische Zentralbank etwa hat die Leitzinsen schon fast auf null gesenkt, um den kriselnden Staaten Südeuropas zu helfen. Und auch die amerikanische Notenbank hält die Zinsen künstlich niedrig, um Amerikas Wirtschaft zu beleben, die seit der Finanzkrise nicht mehr vernünftig wächst. Zugleich strömt viel Anlegergeld in die wenigen Staaten der Welt, die noch als sicher gelten; das lässt die Zinsen für Geldanlagen dort zusätzlich sinken.

          Das Ganze ist eine gewaltige globale Umverteilung. Verlierer sind die Besitzer von Geldvermögen, Gewinner sind Schuldner aller Art - auch die hochverschuldeten Staaten. So wie die Ersparnisse nämlich durch die negativen Realzinsen an Wert verlieren, sinkt umgekehrt auch die Last der Schulden. Auf diese Weise können die Staaten ihre Schulden zwar nicht „nominal“ (dem Betrag nach) abbauen. Wohl aber können sie diese „real“ (dem Wert nach) verringern. Den Staaten kommt das gerade recht: Sie werden ihre Schulden auf eine Art los, die bei den Wählern für weniger Unruhe sorgt als Steuererhöhungen oder drastische Ausgabenkürzungen.

          Verlust beträgt 0,5 Prozent des BIP

          Zum Teil drängen die Staaten Anleger sogar, Geld in ihre Staatsanleihen zu investieren, damit sie von dem Effekt profitieren. Etwa, indem Versicherungen einen Teil ihrer Gelder nur in Staatsanleihen anlegen dürfen. Oder indem Banken für Staatsanleihen, anders als für andere riskante Wertpapiere, kein Eigenkapital vorhalten müssen. Dann spricht man in Anlehnung an die amerikanischen Ökonomen Ronald McKinnon und Edward Shaw von „Finanzieller Repression“: Die Staaten entschulden sich, indem sie ihre Bürger nötigen, ihre Schuldscheine zu kaufen, für die sie ihnen dann weniger Zinsen zahlen, als die Inflation verschlingt - ein Selbst-Sanierungsprogramm der Staaten zulasten der eigenen sparenden Mittelschicht.

          Allein in Deutschland verlieren Sparer so jedes Jahr mehr als 10 Milliarden Euro, rechnet Ulrich Kater vor, der Chefvolkswirt der Dekabank. Das gesamte Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland betrug Ende 2012 knapp 5 Billionen Euro. Davon entfielen 1,06 Billionen Euro auf Bargeld und Sichteinlagen, 958 Milliarden Euro auf Termin- und Spareinlagen. 1,1 Billionen Euro waren Wertpapiere, davon etwa die Hälfte Staatsanleihen und Pfandbriefe. Und Ansprüche gegen Versicherungen beliefen sich auf 1,8 Billionen Euro.

          Die Rechnung geht so: Im Durchschnitt verlieren die Sparer mit Tagesgeldkonten, Girokonten und Ersparnissen in bar bei einer Inflationsrate von 1,6 Prozent jedes Jahr 1,35 Prozent, sagt Deka-Ökonom Kater. Bei einem Geldvermögen von 1,06 Billionen Euro in diesen Anlageformen kommt man auf Verluste der Sparer in Höhe von 14,3 Milliarden Euro oder rund 0,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts in jedem Jahr. Wenn man das Bargeld nicht mitrechnet, weil man bei ihm durch die Inflation immer verliert, sind es immerhin noch mehr als 10 Milliarden Euro im Jahr. Je länger aber diese Phase dauert, desto größere Teile des Geldvermögens werden erfasst. Immer mehr alte Anleihen und Sparverträge, die noch mehr Zinsen abwerfen, laufen aus. Und die neuen Anlagen bringen weniger Zinsen ein. Wenn irgendwann das gesamte Geldvermögen in Deutschland ohne Aktien und direkte Beteiligungen mit einem negativen Realzins von 1,35 Prozent belastet wird, verlieren die deutschen Sparer sogar 58 Milliarden Euro im Jahr.

          Wie können sich Anleger wehren?

          Aus diesen Schätzungen für Deutschland lässt sich zumindest annäherungsweise auch die Größenordnung für die weltweiten Verluste der Sparer ableiten. Zwar ist das Anlageverhalten in den verschiedenen Ländern unterschiedlich, so ist in Amerika der Aktienbesitz von Privathaushalten deutlich größer als in Deutschland. Wenn man aber die Verluste der Sparer in Deutschland hochrechnet auf alle betroffenen Länder und dabei die Größenordnung der jeweiligen Volkswirtschaften berücksichtigt, sind weltweite Verluste der Sparer von mehr als 100 Milliarden Euro eine eher konservative Rechnung. Schwellenländer, in denen es das Phänomen auch gibt, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt, auch nicht längerfristige Anlagen und Versicherungsprodukte. Ob Staaten sich langfristig gezielt entschulden können, indem sie ihre Notenbanken drängen, bei niedrigen Zinsen immer mehr Inflation zuzulassen, ist unter Ökonomen umstritten. Sicher ist hingegen, dass im Augenblick die Staaten von den künstlich gedrückten Zinsen profitieren.

          Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat einmal ausgerechnet, wie viel allein der deutsche Staat dadurch gespart hat, dass zwischen den Jahren 2009 und 2012 das Zinsniveau deutlich niedriger war als zwischen den Jahren 2000 und 2008. Er kommt auf Einsparungen von rund 62 Milliarden Euro.

          Wie können sich Anleger gegen diesen Angriff aufs Vermögen wehren? Zunächst einmal muss man festhalten, dass viele wohl noch gar nicht ahnen, wie tiefgreifend die Niedrigzinsphase alles verändern wird, wenn sie andauert. Altersvorsorge, Lebensversicherung, berufständische Vorsorge: Das alles ist über kurz oder lang betroffen. Wenn alle risikoarmen Anlagen zu (realen) Verlusten führen, können Anleger natürlich riskantere wählen: Aktien etwa bieten Schutz gegen negative Realzinsen - sind aber vor Kurseinbrüchen nicht gefeit, wie die vergangene Woche wieder gezeigt hat.

          Immobilien bieten auch einen gewissen Schutz, sind aber schon teuer und können an Wert verlieren. Noch gibt es auch Unternehmensanleihen, die mehr Zinsen bieten als die Inflation - aber immer auch das Risiko eines Totalausfalls des Anlagebetrags bergen.

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