https://www.faz.net/-gv6-7v3na

Währungskurse : Staatsanleihen mit guter Bonität bringen immer weniger

Das Finanzministerium freut sich über das andauernde Vertrauen in die deutsche Wirtschaft Bild: Matthias Lüdecke

Eine zehnjährige Bundesanleihe rentiert mit 0,84 Prozent auf einem historischen Tiefstand. Dagegen haben Länder mit schlechtem Bonitätsrating Probleme.

          Die Favoriten an den von wachsender Unsicherheit über die politische und wirtschaftliche Entwicklung geplagten Finanzmärkten bleiben Staatsanleihen aus Ländern mit sehr guter Bonität. Eine starke Nachfrage und damit verbundene Kursgewinne drückten die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Dienstag auf einen historischen Tiefststand von 0,836 Prozent. Die Renditen zehnjähriger britischer und amerikanischer Staatsanleihen fielen mit 2,11 beziehungsweise 2,21 Prozent auf den niedrigsten Stand seit dem Sommer 2013.

          Flucht in Qualität ist eines der stärksten Argumente für die Käufe von Anleihen von Staaten mit einem sehr guten Rating. Umgekehrt profitieren Staatsanleihen mit einem schlechten Rating derzeit weniger. Die Rendite zehnjähriger griechischer Staatsanleihen stieg am Dienstag sogar bis auf 7 Prozent, da am Markt die Stabilität der Athener Regierungskoalition in Frage gestellt wird.

          Befördert wird der Rückgang der Renditen zudem von der Aussicht auf eine lange Zeit niedrige Inflation in Verbindung mit einem enttäuschenden Wirtschaftswachstum. In Großbritannien fiel die Inflationsrate im September mit 1,2 Prozent auf ihren niedrigsten Stand seit fünf Jahren, obgleich die britische Wirtschaft in diesem Jahr kräftig wachsen dürfte. Die unerwartet niedrige Teuerungsrate wirft an den Finanzmärkten die Frage auf, ob die Bank of England wirklich schon in der ersten Jahreshälfte 2015 zu einer Erhöhung ihrer kurzfristigen Leitzinsen greifen wird.

          Langzeitanleihen fallen in Amerika unter drei Prozent

          Die Analysten der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley erwarten, dass die Inflationsrate am Ende dieses Jahres bei 1,1 Prozent liegen wird. Es werde einer raschen Beschleunigung des britischen Wirtschaftswachstums bedürfen, damit die Bank of England, wie von Morgan Stanley erwartet, im ersten Quartal 2015 ihren Leitzins erhöhe, heißt es in einem Marktkommentar. Die amerikanische Großbank Citi veranschlagt das diesjährige Wirtschaftswachstum auf 3,5 Prozent.

          In den Vereinigten Staaten ist die Rendite dreißigjähriger Staatsanleihen erstmals seit Mai 2013 unter die Marke von 3 Prozent gefallen. Dort wächst die Zahl der Marktteilnehmer, die nicht länger an eine Leitzinserhöhung der Fed in der ersten Jahreshälfte 2015 glauben. Der Vizepräsident der Fed, Stan Fisher sagte, falls sich eine Schwäche der Weltwirtschaft auf die amerikanische Wirtschaft auswirke, könne dies die Fed zu einer Fortsetzung ihrer lockeren Geldpolitik bewegen.

          Schlechte Konjunkturnachrichten kamen am Dienstag aus Deutschland, wo der ZEW-Konjunkturindex unerwartet stark fiel, und dem Euroraum, für den ein Rückgang der Industrieproduktion im vergangenen August ausgewiesen wurde. Die französische Fondsgesellschaft Amundi schreibt in einer Analyse, dass nunmehr auch Frankreich am Rand einer Deflation stehe und die Teilnehmer an den Finanzmärkten von EZB-Präsident Mario Draghi bald nicht mehr nur Worte, sondern auch Taten erwarteten. In der Targobank heißt es, die rückläufigen Inflationsraten sprächen für eine Ohnmacht der Europäischen Zentralbank.

          Schwächelnder Euro erhöht die Inflationsrate

          Die Analysten der Citi haben ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2015 im Euroraum von 1,8 auf 1,4 Prozent reduziert. Die Rücknahme erklärt sich wesentlich mit niedrigeren Wachstumsannahmen für Deutschland und Italien. Da mit Frankreich ein weiteres großes Land stagnieren dürfte, würden ordentliche Wachstumszahlen kleiner Länder am Gesamtausblick für die Währungsunion wenig ändern. Wegen der Abwertung des Euro erwartet die Citi für das kommende Jahr eine kleine Zunahme der Inflationsrate auf 1,1 Prozent.

          Die sehr niedrigen Renditen im Euroraum veranlassen japanische Anleger zu Verkäufen europäischer Anleihen und zu Käufen amerikanischer Papiere. Nach Berechnungen des Finanzministeriums und der Notenbank in Tokio haben japanische Anleger seit Jahresbeginn ihre Bestände an deutschen Staatswertpapieren um 36 Milliarden Euro reduziert. Viele ausländische Anleger erwarten, dass in den Vereinigten Staaten die Zinsen früher steigen werden als im Euroraum.

          Der Bund nutzte die gute Stimmung am Markt, um eine inflationsindexierte Anleihe im Volumen von einer Milliarde Euro und Fälligkeit im Jahr 2023 mit einer Rendite von minus 0,38 Prozent zu plazieren. Der Bund begibt nur wenige inflationsindexierte Papiere.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Ein Bild von Japans Ministerpräsident Abe wird während einer Demonstration in Südkorea verbrannt.

          Handelskonflikt mit Japan : Südkoreas Angst vor dem Fukushima-Wasser

          Seoul hat Angst vor atomar verseuchter Nahrung aus Fukushima. Deshalb gibt es für Südkoreas Sportler während der Olympischen Spiele in Tokio möglicherweise eine eigene Kantine. Der Konflikt zwischen den Ländern spitzt sich immer weiter zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.