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Finanzmarktkrise : Extrem knappe Liquidität am Geldmarkt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Liquiditätsknappheit in den Banken nimmt immer größere Ausmaße an. Trotz der massiven Liquiditätszufuhr durch die Notenbanken leihen sich die Banken gegenseitig kaum noch Geld. Im Bankwesen geht die Furcht um.

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          Die Liquiditätsknappheit in den Banken nimmt immer größere Ausmaße an. Verzweifelt horten sie ihr Geld. Trotz der massiven Liquiditätszufuhr durch die Notenbanken gegen entsprechende Besicherung sind Banken nicht bereit, Wettbewerbern selbst kurzfristig mit überschüssigen Geldern auszuhelfen. Da sich das Ende des Monats September nähert, eskalieren nun die Liquiditätsnöte der Banken. Gegen Ende eines Quartals benötigen Kreditinstitute immer eine größere Summe an verfügbaren Barmitteln. Gleichzeitig kommt das Quartal, in dem ein Geldverleihgeschäft für drei Monate über das brenzlige Jahresultimo reichen würde.

          Die Banken sind zudem verunsichert, ob und zu welchen Konditionen das Rettungspaket des amerikanischen Finanzministers Henry Paulson verabschiedet wird. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers vor anderthalb Wochen hat ihnen zudem gezeigt, dass sie mit dem Konkurs eines Konkurrenten rechnen müssen. All diese Risiken zwingen die Banken, ihre Liquidität nicht mehr an den Markt abzugeben. Auch andere Geldgeber wie große Fonds ziehen sich vom Geldmarkt zurück. Dies trocknet den Geldhandel der Banken untereinander immer mehr aus.

          Täglich neue Rekordstände

          Sowohl im Euro-Raum wie auch in Großbritannien hatten zuletzt einige Banken offenbar so große Angst, Wettbewerbern Geld auszuleihen, dass sie überschüssige Liquidität sogar wieder zurück an die Zentralbanken schleusten und dort in der Einlagenfazilität anlegten, obwohl sie dort nur minimale Zinssätze erhalten. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) wurden Montagnacht knapp 6 Milliarden Euro und Mittwochnacht 3 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von 3,25 Prozent geparkt. Hätten die Banken dieses Geld über Nacht an Wettbewerber ausgeliehen, wären ihnen mehr als 4 Prozent gezahlt worden. In London parkten Banken am Mittwoch fast 6 Milliarden Pfund bei der Bank von England zu einem Zinssatz von 4 Prozent, anstatt das Geld am Bankenmarkt zu fast 5 Prozent auszuleihen.

          Es wird deutlich, dass die hohe Liquiditätsversorgung der Zentralbanken nicht hilft, den Geldmarkt der Banken untereinander wieder anzukurbeln. Die massive Liquidität, die die Notenbanken täglich in den Markt für besichertes Geld pumpen, hat zwar geholfen, die Zinssätze für tägliche Ausleihungen am Interbankenmarkt gegenüber vergangener Woche zu drücken. Aber die Geldmarktsätze für längere Ausleihungen, selbst wenn es nur für einen Monat ist, verzeichnen täglich neue Rekordstände.

          „Es ist, als ob sich ein Kranker auch noch selbst erdrosselt“

          „Bei Ausleihungen für einen Monat gibt es noch einige wenige Umsätze“, heißt es im Geldhandel einer Frankfurter Bank. „Aber der Handel im Drei-Monats-Bereich und bei längeren Laufzeiten ist völlig tot. Dort gibt es keine Abschlüsse mehr.“ Im Londoner Libor-Fixing kletterte der Libor-Satz für die Drei-Monats-Leihe in Euro auf einen Rekord von 5,11 Prozent, für Pfund auf 6,27 Prozent und für Dollar-Beträge auf 3,76 Prozent. Dies sind „gesprochene“ Sätze der Banken, also fiktive Zinssätze, ohne dass dazu ein Handel abgeschlossen worden wäre. Die Banken haben sich gegenseitig den Geldhahn zugedreht. „Es ist, als ob sich ein Kranker auch noch selbst erdrosselt“, sagt ein Bankangestellter.

          Wie extrem die Risikoprämie der Banken untereinander derzeit ist, zeigt sich daran, dass der Drei-Monats-Libor-Satz für Interbankengeld nach Angaben des Maklers ICAP am Donnerstag für Dollar-Beträge auf 200 Basispunkte über den täglichen Swap-Satz gestiegen ist - ein Rekord. Vor der Finanzkrise lag diese Risikoprämie bei 5 bis 8 Basispunkten. Auch die Risikoprämien, die einzelne Banken am Kreditmarkt für ihr Kreditrisiko bezahlen müssen, was in Credit Default Swaps (CDS) ausgedrückt wird, liegen auf extrem hohem Niveau.

          Die Furcht geht um

          Im Bankwesen geht die Furcht um, dass die Liquiditätsknappheit in Form verschärfter Kreditbedingungen an die Realwirtschaft weitergegeben und dies ohnehin fragilen Volkswirtschaften noch mehr schaden wird. Die Notenbanken haben nur wenig Möglichkeiten, die Zinshöhe am Interbankenmarkt zu beeinflussen. Sie können den Zins senken, den sie mit ihrer Einlagenfazilität bieten, um Banken jeglichen Anreiz zu nehmen, überschüssige Liquidität an die Zentralbank zurückzuschleusen. Dies ist aber nicht sehr effizient.

          An den Märkten wird nun spekuliert, dass die Notenbanken letztlich gar gezwungen sein könnten, trotz aller Inflationsbedenken ihren jeweiligen Leitzins in einer koordinierten Aktion zu senken, um damit indirekt die Geldmarktsätze zu drücken. „Der schlechte Zustand des Finanzsystems und die Engpässe am Geldmarkt haben jetzt das Risiko der Deflation erhöht“, sagt Joachim Fels, Chefvolkswirt und Stratege für festverzinsliche Märkte bei Morgan Stanley. „Wir glauben daher, dass die Notenbanker in Kürze zu allen Mitteln greifen müssen - auch zu gemeinsamen Zinssenkungen aller großen Zentralbanken.“

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