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Finanzmärkte : S&P schockiert mit Massenherabstufung

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

S&P hat auf einen Schlag die Herabstufung von gut 8.000 Bonitätsnoten amerikanischer Kreditverbriefungen über mehr als 500 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Anleger fürchten zusätzliche Wertberichtigungen der Banken und Versicherer.

          Die Kreditmärkte müssen eine neue Welle von Herabstufungen verkraften. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat am späten Mittwochabend für Kreditverbriefungen im Wert von mehr als 500 Milliarden Dollar die Bonitätsnoten reduziert oder auf eine Überprüfungsliste mit negativer Ausrichtung gesetzt. Ein großer Anteil der Verbriefungen bonitätsschwacher amerikanischer Hypotheken (Subprime) ist betroffen.

          Anleger vermuten, dass viele der herabgestuften Verbriefungen in den Depots der Finanzdienstleister liegen. Das hat am Donnerstag die Aktien von Banken und Versicherern unter Verkaufsdruck gesetzt. Die entsprechenden europäischen Branchenindizes gaben zeitweise um mehr als 4 Prozent nach, erholten sich allerdings im späten Geschäft und endeten mit einem Tagesverlust von rund 1,7 Prozent.

          Neue Belastungen für Finanzdienstleister?

          Derartige Herabstufungswellen hat es seit Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 wiederholt gegeben. Doch bei keiner waren so viele Verbriefungen betroffen. Viele Anleger befürchten, dass die in diesem Umfang unerwarteten Herabstufungen die Belastungen der Finanzdienstleister abermals verstärken werden. In den ersten Herabstufungswellen der Monate August bis Dezember hatte S&P die Bonitätsnoten um durchschnittlich acht Schritte reduziert. Auch dieses Mal handelt es sich nicht um marginale Veränderungen. Die Ratingagentur selbst schätzt, dass sich die Verluste der Banken aus den Subprime-Engagements von 90 auf 265 Milliarden Dollar erhöhen werden.

          Die Verbriefungsmärkte könnten durch die Herabstufungen unmittelbar unter Verkaufsdruck gesetzt werden, denn viele Investoren dürfen Wertpapiere nicht mehr halten, deren Rating zu tief gesunken ist. Sie könnten nun zu Verkäufen gezwungen sein und so den Preisrutsch der Verbriefungen verstärken. Die gleiche Befürchtung nährten Gerüchte über bevorstehende Herabstufungen für amerikanische Anleiheversicherer. Sie garantieren in riesigem Umfang die Anleihen von amerikanischen Städten, aber auch Subprime-Verbriefungen. Sollten die Anleiheversicherer ihre guten Ratings verlieren, hätten auch die Garantien kaum noch Wert, was zu weiteren Herabstufungen der Verbriefungen führen könnte.

          Doch selbst bei Investoren, die Subprime- und andere Verbriefungen trotz der Herabstufungen halten dürfen, könnte es zu weiteren belastenden Wirkungen kommen. Viele insbesondere der kleineren Banken hätten Wertberichtigungen auf ihre Subprime-Anlagen bisher vermieden, schreiben die S&P-Analysten. Die Herabstufungen der Bonitätsnoten könnten sie nun dazu zwingen, die erforderlichen Abschreibungen nachzuholen.

          Abnehmende Bonität - zunehmender Bedarf an Eigenmitteln

          Die neuen Ratings können außerdem zu einer zusätzlichen Belastung des Eigenkapitals der Banken führen. Nach den neuen Aufsichtsregeln ist die Summe an Eigenkapital, die als Absicherung für eine Forderung erforderlich ist, vom Risiko abhängig. Nach Tabellen, die auf der Internetseite der deutschen Finanzaufsichtsbehörde Bafin zu finden sind, erfordert eine erstklassig bewertete Verbriefung zum Beispiel je nach Struktur und Rang 0,56 bis 1,6 Prozent des bilanzierten Wertes an Eigenkapitalhinterlegung - also bei einem Nennwert der Verbriefung von einer Million Euro zwischen 5.600 und 16.000 Euro Eigenmittel.

          Sinkt die Bonitätsnote der Verbriefung zum Beispiel um acht Stufen von "AAA" auf "BBB", dann steigt die Eigenkapitalanforderung auf 4,8 bis 6 Prozent. Bei einer Million Euro Verbriefungswert sind dann also zwischen 48.000 und 60.000 Euro an Eigenmitteln erforderlich. Noch größer ist der Sprung, wenn aus einem mittleren "BBB"-Rating eine Ramschnote wie "B" wird. Denn dann würde sich die Eigenkapitalanforderung für die Position um mehr als das zwanzigfache erhöhen. Da manche Banken Milliardensummen investiert haben, kann der Bedarf an Eigenkapital in nennenswertem Umfang steigen. In solchen Fällen verringert sich bei konstanter Kapitalausstattung die Fähigkeit, neue Kredite zu vergeben, was mittelfristig zu einem belastenden Faktor für die Wirtschaft werden kann.

          Die Bafin wollte sich am Donnerstag auf Nachfrage nicht dazu äußern, ob aus den Herabstufungen der amerikanischen Kreditverbriefungen auch auf deutsche Banken Belastungen zukommen könnten. Vor einigen Tagen hatte sie allerdings signalisiert, dass die deutschen Versicherer von Risiken, die aus der Verbriefung von Krediten resultieren, nicht in größerem Umfang betroffen sind. Dennoch standen auch deutsche Versicherer und Banken am Donnerstag unter Verkaufsdruck. Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo Real Estate und Allianz zählten zu den größten Tagesverlierern unter den Werten des Deutschen Aktienindex Dax.

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