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Finanzmärkte : Gegenseitige Skepsis in den Banken

  • Aktualisiert am

Brenzlich: Die Situation bei Morgan Stanley Bild: dpa

Banken sind darauf angewiesen, sich gegenseitig schnell und ohne Sicherheiten Geld zu leihen. Das ist derzeit kaum möglich. Obgleich die Notenbanken viel Geld in die Märkte pumpen, vertrauen sich die Banken nicht. Die Krise wird noch dramatischer.

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          Die spektakuläre Rettung des größten amerikanischen Versicherungskonzerns American International Group (AIG) hat den dramatischen Vertrauensverlust der Banken untereinander nicht auffangen können. Am Mittwoch setzte sich die Krise am Interbankenmarkt, auf dem sich Kreditinstitute untereinander Geld ausleihen, unvermindert fort. Zwar stellen die Notenbanken derzeit massiv Liquidität zur Verfügung – die Europäische Zentralbank (EZB) beispielsweise über regelmäßige Schnelltender. Aber dieses Geld steht nur Banken zur Verfügung, die für diese Liquidität Sicherheiten bieten können.

          Banken sind jedoch auch darauf angewiesen, sich gegenseitig schnell und ohne Sicherheiten Geld auszuleihen. Dies ist derzeit aber kaum noch möglich. Zu unsicher sind die Kreditinstitute derzeit, ob und zu welchen Konditionen sie sich selbst in nächster Zeit noch finanzieren können. Aus dieser Unsicherheit heraus halten die Banken ihre Liquidität im Haus, fragen bei den Zentralbanken sicherheitshalber nach hoher Liquidität nach, geben aber keine Liquidität an den Interbankenmarkt weiter – und wenn, dann nur zu exorbitanten Risikoaufschlägen.

          Die Risikoprämien sind und bleiben hoch

          Nach der Liquiditätshilfe der Notenbanken lag der Tagesgeldsatz für besichertes Notenbankgeld am Mittwoch zum Beispiel bei 4,35 Prozent. Dieser Satz hat sich also nicht dramatisch verändert. Aber der Satz für unbesichertes Interbankengeld in London, der sogenannte Libor, stieg am Mittwoch unvermindert an und lag beim Fixing um 11 Uhr sogar noch höher als am Dienstag. Für Euro-Dreimonatsgeld wurden 4,96 Prozent verlangt, für Dreimonatsgeld in Dollar 3,25 Prozent und für Pfund-Dreimonatsgeld 5,87 Prozent.

          „Bei Dreimonatsgeld gibt es noch einige wenige Transaktionen. Der Markt für Sechs- bis Zwölfmonatsgeld ist völlig tot“, hieß es im Geldhandel eines Marktteilnehmers. Dabei haben die Marktteilnehmer derzeit besonders die Zinsdifferenz zwischen dem Dreimonats-Libor und dem Satz für besichertes Geld, das Banken über Nacht aufnehmen können, im Auge. Diese Zinsdifferenz spiegelt praktisch den Vertrauensverlust im Markt wider. Sie lag für Euro-Geld nach Aussagen des Geldmarktes am Montag und Dienstag bei 75 Basispunkten und hatte sich selbst am Mittwoch kaum erholt. Zum Vergleich: Im Frühjahr 2007, vor der Finanzkrise, lag der Risikoaufschlag nur bei rund 5 Basispunkten.

          Die Tatsache, dass sich die hohen Risikoprämien am Markt hartnäckig halten, macht deutlich, wie groß der Vertrauensverlust der Banken derzeit untereinander ist. Die Skepsis am Markt drückt sich vor allem gegenüber den noch bestehenden beiden großen amerikanischen Investmentbanken, Morgan Stanley und Goldman Sachs, aus. Von dem Gespann der ehemals fünf großen, ausschließlich auf das Investmentbanking fokussierten amerikanischen Häusern sind Bear Stearns, Lehman Brothers und Merrill Lynch nicht mehr eigenständig existent, weil ihnen letztlich die besicherten Refinanzierungsmittel und das Vertrauen der Märkte abhanden kamen.

          Banken sind und bleiben im Handel untereinander nervös

          Wie brenzlig die Situation bei Morgan Stanley und Goldman Sachs ist, zeigte sich am Mittwoch in drastisch gestiegenen Risikoaufschlägen beider Banken am Markt für Credit Default Swaps (CDS). Dies sind handelbare Kreditabsicherungen gegen den potentiellen Kreditausfall von Unternehmen oder Banken. Die am Markt verlangten Renditen sind Risikoaufschläge, die die Banken über den am Markt geltenden Libor für eine fünfjährige Finanzierung zahlen müssten, wollten sie sich derzeit am Markt refinanzieren. Schon zur Zeit der Krise um Bear Stearns war der Risikoaufschlag von Morgan Stanley auf mehr als 300 Basispunkte und der Aufschlag von Goldman Sachs auf mehr als 200 Basispunkte in die Höhe geschnellt. Wie nervös die Situation der Banken untereinander jedoch derzeit ist, zeigt sich daran, dass Mittwochmorgen der Risikoaufschlag von Morgan Stanley auf mehr als 700 Punkte in die Höhe schoss und der Aufschlag von Goldman Sachs bei mehr als 400 Basispunkten lag. Dies entspricht Zinssätzen von fast 10 Prozent.

          Der sämtliche CDS-Risiken am Markt abbildende Index i-Traxx Europe Financials spiegelte am Mittwoch die gleiche Vertrauenskrise wider wie zur Zeit des Untergangs von Bear Stearns. Es ist also keine Besserung der Finanzkrise in Sicht. Im Gegenteil: Die Sorge, dass die schnelle Liquidation von Risikopositionen durch Lehman Brothers die Marktpreise von Kreditprodukten noch stärker unter Druck setzen wird und damit zu weiteren Buchverlusten bei den Banken führt, hat die Krise jetzt sogar verschärft.

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