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Finanzmärkte : Der Griechenland-Test

  • -Aktualisiert am

Die Hilfszusagen der Euro-Staaten haben die Finanzierungskosten der Griechen nicht nachhaltig sinken lassen Bild: AP

Die Finanzhilfe für Griechenland rückt näher. Doch die absehbaren Milliardenkredite der anderen Euro-Länder werden nicht zum Selbstläufer für die Märkte. Denn an Griechenlands maroder, wirtschaftlicher Situation wird sich so schnell nichts ändern.

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          Noch hat Griechenland nicht um Geld gebeten. Doch Schritt für Schritt rückt die Finanzhilfe für den überschuldeten Staat näher. Von diesem Montag an verhandeln Fachleute des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission mit der griechischen Regierung über die Höhe möglicher Hilfen und die Konditionen eines mehrjährigen Programms.

          Vieles spricht dafür, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, bis die Griechen die Überweisungen anfordern. Schon am Dienstag wird eine Anleihe über 8 Milliarden Euro fällig. Dafür könnte das Guthaben der griechischen Regierung gerade noch reichen. Doch sie muss auch das laufende Haushaltsdefizit finanzieren, monatlich rund 2 Milliarden Euro. Und schon im Mai werden weitere 8 Milliarden Euro für eine fällige Anleihe benötigt.

          Emission griechischer Geldmarktpapiere erschwert

          Bislang haben die Hilfszusagen der Euro-Staaten nicht dazu geführt, dass die Finanzierungskosten der Griechen nachhaltig gesunken sind. Die Risikoprämien sind nach einem Rückgang stets wieder gestiegen. Das wird auch die für diese Woche in Aussicht gestellte Emission von griechischen Geldmarktpapieren mit Laufzeiten von sechs bis zwölf Monaten erschweren.

          Derzeit müsste Griechenland für eine dreijährige Anleihe 7,2 Prozent Zinsen zahlen, 6 Prozentpunkte mehr als Deutschland. Angesichts solcher Kosten wird es täglich verlockender, die Hilfskredite in Anspruch zu nehmen, die bei einer Laufzeit von drei Jahren rund 5 Prozent kosten werden.

          Anleger werden weiter Risikoaufschläge fordern

          Dass sich die Anleihemärkte danach beruhigen werden, darf bezweifelt werden. Denn an Griechenlands Überschuldung und seiner maroden wirtschaftlichen Situation wird sich vorerst nichts ändern. Die Anleger werden weiterhin hohe Risikoaufschläge fordern, denn für eine wirkliche Reduzierung des Ausfallrisikos müsste die griechische Regierung auch in den kommenden zwei Jahren weitere schmerzhafte Sparprogramme durchsetzen, und die griechische Bevölkerung müsste sie hinnehmen.

          Erst wenn das absehbar ist, wäre die Lage aus Sicht der Gläubiger entschärft. Deshalb wird die europäische Schuldenkrise dauerhaft ein Risikofaktor für die Kapitalmärkte bleiben, zumal die Verunsicherung leicht auf andere finanzschwache Mitglieder des Euro-Raums übergreifen kann.

          Hinzu kommt die Asche

          Kurzfristig könnte ein völlig unerwarteter Aspekt hinzukommen. Noch immer sind die meisten Flughäfen in Europa wegen des Vulkanausbruchs in Island geschlossen. Sollte die Aschewolke auf Wochen den Flugverkehr einschränken, wäre das eine ernste Belastung für die wirtschaftliche Erholung in Europa. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat bereits gewarnt, dass dies die wirtschaftliche Erholung gefährden könnte.

          Den Fluggesellschaften droht ein Umsatzverlust von mindestens einer Milliarde Dollar. Allein der Lufthansa entstehen Kosten von mehr als 100 Millionen Euro. Mit jedem Tag Flugausfall erhöhen sich die Schäden. Außerdem entstehen Schäden im weltweiten Luftfrachtgeschäft. Wie lange die Aschewolke den internationalen Luftverkehr lähmen wird, lässt sich nicht abschätzen.

          Die wirtschaftliche Erholung ist ohnehin im ersten Quartal ins Stocken geraten. Vor allem wegen des schlechten Wetters, der deshalb geringen Bautätigkeit und wegen des Rückgangs der Autoverkäufe dürfte die deutsche Wirtschaftstätigkeit im ersten Quartal sogar leicht gesunken sein.

          Ökonomen erwarten zwar ein Plus im zweiten Quartal, doch von einem rasanten Wachstum der europäischen Wirtschaft, das auch die Kurse auf den Aktienmärkten nach oben treiben könnte, ist keine Rede.

          Die Einschätzungen der Fachleute sind optimistisch

          Die Stimmung ist in der Wirtschaft jedoch immer noch gut. Für den ZEW-Index, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird, erwarten Analysten im Durchschnitt einen Anstieg von 44,5 auf 45,2 Punkte. Dabei waren die von dem Mannheimer Forschungsinstitut befragten Fachleute, deren Antworten den Index bestimmen, zuletzt eher skeptisch in Bezug auf die Konjunkturerwartungen.

          Deutlich optimistischer waren die Einschätzungen der Fachleute, die den Stand des Ifo-Index bestimmen. Gleichwohl wird für den bedeutendsten deutschen Stimmungsindex, der seit Frühjahr 2009 mit nur einer Ausnahme kontinuierlich gestiegen ist, am Freitag ein weiteres Plus von 98,1 auf 98,7 Punkte erwartet.

          Trotz der Konjunkturrisiken ist die Hausse auf den Aktienmärkten ungebrochen. Getragen wird sie von der Hoffnung, dass das Wirtschaftwachstum in China und anderen asiatischen Ländern den Rest der Welt mitziehen wird. Deshalb stützten in der vergangenen Woche die Nachrichten über ein chinesisches Wachstum von 12 Prozent die Kurse. Außerdem sind die Unternehmensberichte über das erste Quartal bislang unerwartet gut gewesen.

          Investmentbanken aufgescheucht

          In der kommenden Woche berichtet gut ein Viertel der im amerikanischen S&P-500-Aktienindex vertretenen Unternehmen. Auf dem Programm stehen unter anderen die Geschäftszahlen von Boeing und IBM am Montag, Apple und Citigroup folgen am Dienstag, Ebay und McDonald's am Mittwoch, Amazon und Microsoft am Donnerstag. In Europa werden Zahlen unter anderem von Philips, Novartis, Nokia und Credit Suisse erwartet.

          Setzt man die von Analysten erhofften Gewinne und die Kurse in Relation, wirken die Aktienmärkte trotz der Kursverdoppelung seit dem Krisentief im März 2009 noch immer nicht dramatisch überbewertet. Um die Prognosen zu erfüllen, müssten die Unternehmen ihre Gewinne in diesem Jahr um fast 50 Prozent, im nächsten um 24 Prozent steigern und im Jahr 2012 schon wieder so viel verdienen wie vor dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2007.

          Dass die Finanzkrise jedoch noch lange nicht abgehakt ist, bekommen gerade die Banken zu spüren. Die Klage gegen Goldman Sachs wegen der Geschäfte mit Kreditverbriefungen hat die Branche aufgescheucht und könnte auf andere Banken übergreifen. Am Freitag sind die Aktienkurse deshalb stark gesunken. Das dürfte die Börsen auch in der kommenden Woche beschäftigen.

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